Dein Onlineabo Kuba & Sozialismus
Gegründet 1947 Donnerstag, 25. Februar 2021, Nr. 47
Die junge Welt wird von 2466 GenossInnen herausgegeben
Dein Onlineabo Kuba & Sozialismus Dein Onlineabo Kuba & Sozialismus
Dein Onlineabo Kuba & Sozialismus

Leserbriefe

Liebe Leserin, lieber Leser!

Bitte beachten Sie, dass Leserbriefe keine redaktionelle Meinungsäußerung darstellen. Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zur Veröffentlichung auszuwählen und zu kürzen. Leserbriefe sollten eine Länge von 2.500 Zeichen (etwa 390 Wörter) nicht überschreiten. Kürzere Briefe haben größere Chancen, veröffentlicht zu werden. Bitte achten Sie auch darauf, dass sich Leserbriefe mit konkreten Inhalten der Zeitung auseinandersetzen sollten. Ein Hinweis auf den Anlass Ihres Briefes sollte am Anfang vermerkt sein (Schlagzeile und Erscheinungsdatum des betreffenden Artikels bzw. Interviews). Online finden Sie unter jedem Artikel einen Link »Leserbrief schreiben«.

Einsendungen bitte an: leserbriefe@jungewelt.de

Nur Leserbriefe, die an diese Mailadresse geschickt werden, werden von uns berücksichtigt!

Per Post: junge Welt, Torstr. 6, 10119 Berlin, Kennwort: Leserbriefe

 

Leserbrief zum Artikel »Wir wollen eure Lügen nicht« vom 25.01.2020:

Rache für Versailles

Wer im Großmachtdenken gefangen ist, wird die Notwendigkeit eines neuen Krieges mit Niederlagen in vorangegangenen Kriegen begründen. Großmachthandeln meint Herrschafts- und Machtanspruch, Gewaltanwendung,Vorrangstellung über andere Staaten, Ausbeutungshoheit, Unterwerfung als Selbstverständlichkeit von anderen verlangend. Großmachtstreben ist eine Sichtweise, die ein kooperatives Miteinander von Staaten auf der Basis der Gleichwertigkeit nicht zulässt. Es lässt keinen kooperativen Handel zu, sondern nur einen, der auf Ausbeutung basiert. Dass ein Kleinstaat wie Jugoslawien mit brutaler militärischer Gewalt aus dem Weg geräumt werden musste, leuchtet einem vernunftbegabten Menschen nicht ohne weiteres ein. Indem die Zeichen auf Sturm gestellt wurden – und das war viele Jahre vor 1999 –, verloren die politischen Entscheidungsträger alle Hemmungen und arbeiteten zielgerichtet auf die Auslöschung des Kleinstaates hin. Waren sie blutrünstig? Machtgeil? Waren sie geldgierig? Waren die Untaten des Hitlerregimes und der Wehrmacht vergessen? Oder hatte es diese nie gegeben, wie es uns die Geschichtsrevisionisten Glauben machen wollen?
Mehr als 20 Jahre nach dem Krieg gegen Jugoslawien scheint es sinnvoll, sich die dahinterliegenden politischen Entscheidungen nochmals vor Augen zu führen. Es waren Motivlagen, die aus aktuellen wie aus geschichtlichen Vorgängen hergeleitet wurden. Sowohl die aktuellen wie die aus der Vergangenheit stammenden Motive wurden ideologisch so aufbereitet, dass sie in Strategien münden konnten, die sowohl die USA wie auch Deutschland befriedigen konnten und die für diese Länder einen weiten Blick in eine »prachtvolle« Zukunft verhießen. Der Ertrag, die Kriegsbeute, sollte auch in diesem Krieg nicht ausbleiben. Camp Bondsteel ist ein Teil des Ertrages.
Wie die Krokusse im Spätwinter aus dem Boden sprießen und man sich über sie erfreut, erblühen gleichzeitig Gewächse, denen man – wegen ihres pseudounschuldigen Aussehens – Aufmerksamkeit schenken sollte. Diese Pflanzen nennen sich »Versailles« oder »das Trauma von Versailles« oder der »Schandvertrag von Versailles«. Nicht nur die AfD widmet diesem Themenkomplex etliche Artikel, auch rechtsaußen stehende Mitglieder der CDU und Hobbyhistoriker ziehen diesen Vertrag von 1919 aus der Mottenkiste, um ihn für die heutige Generation auszudeuten. Schwerstes Unrecht sei damit geschehen am deutschen Volk, übermäßig schwere finanzielle Bürden seien Deutschland auferlegt worden, von den Gebietsabtretungen ganz abgesehen. Man könnte sogar mit dieser Ausdeutung einig gehen, wie es z. B. Wladimir Putin in seiner Rede im Dezember 2019 in St. Petersburg tat. Abgestritten oder vermindert wird die Härte dieses Vertrages von Putin z. B. nicht. Jedoch, die Auslegung durch rechte Kreise, die aktuell in die Diskussion eingebracht wird, bewegt sich auf einer anderen Ebene. Diese Ebene zu benennen, nachdem wir sie erkannt haben, ist eine moralische Pflicht. Sie dient destruktiven Propagandazwecken und mag geeignet sein, neuen kriegerischen Auseinandersetzungen den Weg zu bereiten. Machen wir uns nichts vor. Es geht und ging um Revanche.

Der Krieg gegen Jugoslawien 1999

General Pierre Marie Gallois erklärte das Rachemotiv, das sich aus der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg ergab: »Sie hatten erstens den Wunsch, sich an den Serben zu rächen, die sich unter Tito und Mihailovic den Kräften, die gegen Deutschland im Partisanenkampf kämpften, angeschlossen hatten. Der Widerstand der Serben war so stark, dass mehrere Divisionen, die an den Fronten in Moskau und Stalingrad gebraucht worden wären, in Jugoslawien gebunden waren. Aus der Sicht vieler Deutscher war der serbische Widerstand daran schuld, dass der zweite Weltkrieg für Deutschland verlorenging. Also musste dieses Volk bestraft werden.« (Vortrag Belgrade Forum 2009)
Rupert Scholz, CDU-Verteidigungsminister und Verfassungsrichter, war einer der ersten, die die Existenz des jugoslawischen Vielvölkerstaates öffentlich in Frage gestellt hatten. Der Jugoslawien-Konflikt habe unbestreitbar fundamentale europäische Bedeutung. »Wir glauben, dass wir die wichtigsten Folgen des Zweiten Weltkrieges überwunden und bewältigt hätten, aber in anderen Bereichen sind wir damit befasst, noch die Folgen des ersten Weltkrieges zu bewältigen … Jugoslawien ist als Folge des ersten Weltkrieges eine sehr künstliche Konstruktion.«
Rede im Konrad Adenauer Haus, Sept. 1991
Vladimir Krsljanin, Mitglied des Milosevic-Komitees:
US-Präsident George Bush sen. sprach im Rahmen der Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung von der Beseitigung der Konsequenzen des Versailler Vertrages in Europa. Im Mittelpunkt des Versailler Konzeptes stand die Schwächung Deutschlands zugunsten der osteuropäischen Länder, die von Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Rahmen der »Mitteleuropa«-Doktrin als Satelliten beansprucht worden waren. So wurde in Versailles auch erstmals Jugoslawien als Staat anerkannt. In den 1990er Jahren hingegen sollte ein wiedererstarktes Deutschland als NATO-Mitglied der Schwächung Russlands dienen, und Osteuropa sollte in den euroatlantischen Raum überführt werden – natürlich nur als Kolonie (junge Welt, 2010).
Krsljanin meinte an anderer Stelle, George Bush senior habe an einem der Jahrestage des Falls der Berliner Mauer sogar zugegeben, dass die Westmächte schließlich Deutschland Genugtuung hätten gewähren müssen – wegen Versailles. Das Aufbrechen Jugoslawiens, das die Rückgabe seiner katholischen Teile unter deutschen Einfluss beinhaltete – Kroatien –, wurde als solche Genugtuung erachtet.
Diana Johnstone 2009 in einem Interview: Rupert Scholz, ehemaliger deutscher Verteidigungsminister, habe auf Folgendes hingewiesen. Die Anerkennung eines unabhängigen Sloweniens und Kroatiens könne den Jugoslawien-Konflikt so verändern, dass ausländische Kräfte, genauer die NATO, intervenieren könnten. Der Konflikt sei also internationalisiert worden, nicht befriedet. Das habe Deutschland erlaubt, das Ziel zu erreichen, von dem Scholz dann offen sprach: die Folgen des ersten Weltkriegs zu überwinden. Man habe sich an Serbien für das gerächt, was 1914–1918 geschah.
USA und Deutschland, haben zu friedlicher oder dauerhafter Konfliktlösung in bezug auf den Balkan nicht nur nichts beigetragen, sondern unvermeidlich eine Perpetuierung der Krisensituation veranlasst. Wie könnte es auch anders sein? Es war ja nicht nur die Bombardierung Serbiens 1999, sondern es waren alle politisch-geheimdienstlichen Vorgänge, die die Zerstückelung Jugoslawiens in den Jahren zuvor aufbereiteten.
Es war eine blutige Revanche, wer könnte das bezweifeln? Völkerrechtlich ein Verbrechen, moralisch eine Sünde. Wer also Versailles auf die politische Agenda setzen will, muss sich erklären. Was bezwecken diese Kreise? Einen neuen Krieg, um die »Schmach von Versailles« zu tilgen? Mobilisierungspotential für deutschen Nationalismus zu liefern? Oder schlicht den Aufbau ihrer rechten Parteien voranzubringen? Eine Antwort müssen wir fordern. Das ist unsere moralische Pflicht.
Dr. Barbara Hug, Schweiz
Veröffentlicht in der jungen Welt am 28.01.2020.

Dein Onlineabo für Kuba & Sozialismus! Jetzt bestellen