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Leserbrief zum Artikel Kino: Kapital, wir müssen reden vom 07.06.2019:

Wer enteignet wen?

Zahlreiche Berichte und Kommentare in den Medien deckten das Politikversagen bei der Versorgung ärmerer Bevölkerungsschichten mit Wohnraum auf. Parallel dazu brachten Geschädigte und politische Parteien das Thema »Enteignung« ins Spiel, was das Thema hochkochen ließ. Rückkauf privatisierter Sozialwohnungen oder Enteignung von Spekulanten zugunsten sozial Schwacher geht in Zeiten des Neoliberalismus gar nicht. Wohnraumbewirtschaftung? Undenkbar! Zeter und Mordio schreien CSU, CDU und FDP unisono im Chor mit Baulöwen und Immobilienhaien. Sünde gegen den alles beherrschenden Kapitalismus.
Enteignung für den Straßenbau zur Förderung der Bauwirtschaft und der Autoindustrie – kein Problem. Das ist ja Wirtschaftsförderung und im Kapitalismus eine Heilslehre.
Der Verkauf von Sozialwohnungen an Wohnungsspekulanten mit nachfolgender Mieterhöhung und Rausschmiss der Mieter ist blanke »Enteignung« großer Bevölkerungsschichten.
Baulöwen und Immobilienspekulanten rauben unsere Grünflächen und Parkanlagen.
Die Automobilindustrie darf unser Klima zerstören und unsere Atemluft verpesten. Hier wird jeder Bürger ein Stück weit »enteignet«.
Die Agroindustrie darf unsere Nahrung und die Umwelt vergiften und das Gemeingut Trinkwasser verseuchen. Das ist Diebstahl unserer Lebensgrundlagen. Die Politik schützt dieses Vorgehen und fördert somit die Enteignung der Mehrheit zugunsten weniger.
Oder wer enteignet Kleinbauern und indigene Völker in Afrika, Asien und Südamerika, um dort Urwälder zu roden, Bodenschätze zu rauben und riesige Plantagen für Ölpalmen, Kaffee oder Soja anzulegen und mit den Produkten die Überflussgesellschaften der Welt zu fluten?
Zahlreiche Lobbygruppen mächtiger Wirtschaftsverbände sorgen dafür, dass Tier- und Pflanzenarten ausgerottet werden und Ökosysteme ihre Wohlfahrtswirkung einstellen. Die Politiker finden das gut so, und so gut wie niemand regt sich über eine solche Plünderung unserer Lebensgrundlagen durch Kapitalismus und Neoliberalismus auf. Und noch schlimmer: Niemand setzt sich dagegen zur Wehr. Das alles sind Beispiele legaler Enteignung, die sich beliebig fortsetzen ließen.
Conrad Fink, Freiberg am Neckar
Veröffentlicht in der jungen Welt am 12.06.2019.