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Leserbrief zum Artikel Aus Leserbriefen an die Redaktion vom 10.01.2019:

Zum Leserbrief »Tragischer Brudermord«

Als nachgewiesenermaßen kleinbürgerlich-stalinistischer Betonkopf und Rezensent möchte ich zu den etwas wirren Ausführungen von Alexej Bykowski einige richtigstellende Bemerkungen nachschieben:
a) Ich habe selbstverständlich Bakunin und andere Klassiker des Anarchismus in meinem Bücherregal stehen, dazu mehrere diesbezügliche Geschichtswerke, auch die »Geschichte der Machno-Bewegung« von Peter A. Arschinoff (Unrast-Verlag, Münster 1998).
b) Ich habe an keiner Stelle meiner Rezension Nestor Machno als ungebildeten Banditen bezeichnet, lediglich geschrieben, dass bei gegen den Großgrundbesitz gerichteten Erhebungen der Agrarbevölkerung im zaristischen Russland die Grenzen zwischen Sozialrevolte und individuellem Banditentum fließend waren. Der Aufstand des Stephan Rasin im ausgehenden Mittelalter begann beispielsweise mit einem simplen Beutezug räuberischer Kosaken; dieser ging dann in einen Bauernkrieg über. Brykowski stört sich offensichtlich an der Überschrift meines Textes. Daher ihm zur Kenntnis: Bei Tageszeitungen, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, stammen Überschriften nie vom unterzeichnenden Autor, sondern fast immer vom verantwortlichen Redakteur.
c) Ich habe an keiner Stelle meiner Rezension geschrieben, dass Machno ethnischer Ukrainer war, lediglich betont, dass bei ihm keinerlei Sympathien für den ukrainischen Nationalismus nachweisbar sind. Der Streit, ob Machno nun Russe oder Ukrainer war, ist außerdem völlig unsinnig, da die Frage der ethnischen Zugehörigkeit für ihn offensichtlich keine Rolle spielte. Machnos Bauernarmee war eine gegen den Großgrundbesitz gerichtete soziale Bewegung, keine nationalistische, demzufolge, wie ich auch schrieb, multiethnisch zusammengesetzt.
d) Der (zweifelsfrei sehr unappetitliche) ukrainische Nationalismus ist nicht, wie Brykowski in seinem Leserbrief behauptet, eine künstliche Kreation des Habsburgerreiches (was bitte ist eine natürliche Kreation?), sondern (wie jeder bürgerliche Nationalismus) die begleitende Ideologie einer Entwicklung hin zu kapitalistischen Verhältnissen. Der oben bereits genannte Peter Arschinoff, führender Ideologe der Machno-Bewegung, bezeichnete in seinem Buch die nationalistischen Truppen des Pogromhelden Symon Petljura zutreffend als »Bewegung der nationalen ukrainischen Bourgeoise« (Seite 67). Als »Kunstprodukt des deutschen und österreichischen Imperialismus« (Seite 66) bezeichnete Arschinoff hingegen das zwischenzeitlich in der Ukraine installierte Regime des Hetmans Skoropadsky, der ein stockreaktionärer Interessenvertreter der adligen Großgrundbesitzer war. Ich selbst habe in meiner Rezension das hauptsächlich auf den Bajonetten deutscher Truppen ruhende Hetmanat daher als »Marionettenregime« charakterisiert.
e) Aus welchen Gründen Brykowski das damalige Bürgerkriegschaos mit der viel später stattgefundenen Kollektivierung in der Sowjetunion vermischt, erschließt sich mir nicht. Nur um der Klarheit willen: Die aufständischen Bauern wollten keine Kollektivwirtschaft, sondern den Erhalt bzw. die Wiederherstellung der vormodernen Dorfgemeinschaft. Im übrigen ist die historischen Wissenschaft sich mittlerweile einig, dass die frühe Sowjetunion kein »feudaler Albtraum« war, sondern ein mit überaus brutalen Mitteln vorangetriebener Versuch, die unter der Zarenherrschaft zurückgebliebenen Regionen Osteuropas zu modernisieren. Dass eine solche Modernisierung und Industrialisierung eine Zentralisation der zersplitterten Agrarflächen einschloss, liegt in der Natur der Sache. Das besondere am osteuropäischen Weg in der Moderne lag nun darin, dass die kleinen Bauern nicht, wie zuvor in dem meisten westeuropäischen Staaten, vom Großgrundbesitz enteignet, sondern ihnen lediglich in Gestalt einer kollektiven Bewirtschaftung die Verfügungsgewalt über ihre Flächen genommen wurde. Und das bis heute andauernde Wehklagen über die Methoden dieser Zwangskollektivierung verschweigt schamhaft, dass sich dieselben Agrarflächen derzeit fast ausschließlich im Besitz mehr oder weniger krimineller Oligarchenclans und westlicher Agrarkonzerne befinden. Die finale Beraubung der osteuropäischen Agrarbevölkerung ist ganz neuen Datums und wird von den großen Medien kaum thematisiert.
f) Ja, ich habe als letzten Satz meiner Rezension geschrieben, dass »kein Staat der Welt eine unkontrolliert auf seinem Territorium agierende Armee auf Dauer dulden kann«. Ich habe dabei bewusst jede moralische Wertung vermieden, wohlwissend, dass bürgerliche Staatsapparate in der Durchsetzungsphase des Kapitalismus furchtbare Verbrechen begangen haben, unter anderem bei der massiven Enteignung der westeuropäischen Agrarbevölkerung (man lese dazu die entsprechenden Kapitel in »Das Kapital« eines gewissen Karl Marx). Das staatliche Gewaltmonopol ist allerdings eine Tatsache, egal wie man dazu steht. Ich wollte mit dem Satz auch nur verdeutlichen, dass der militärische Zusammenstoß zwischen der von den Bolschewiki kontrollierten Roten Armee und Nestor Machnos Bauernarmee letztlich unvermeidbar war – eine Erklärung, die der Herausgeber des von mir rezensierten Bandes komplett schuldig geblieben ist.
Gerd Bedszent

Kommentar jW:

Auf diese Entgegnung antwortete wiederum der Leserbriefautor:

Auf meinen gnadenlos auf ein Drittel des Inhalts (190 Wörter) gekürzten Leserbrief folgte eine mehr als dreifach so große Salve (640 Wörter) von Herrn Bedszent. Es bedeutet erstens eine große Ehre für meine Nichtigkeit und zweitens, dass ich ihm Antwort schulde, die gerechtigkeitshalber veröffentlicht werden soll. Kern der Kontroverse: Herr Bedszent steht außerhalb der sozialistischen Klassenposition. Der Staat auch heutzutage ist nur ein Instrument der herrschenden Klasse und besitzt kein selbständiges Gewaltmonopol (wie Herr Bedszent halluziniert). Aus dieser Klassenposition heraus erscheint klar die Richtigkeit meiner von Herrn Bedszent als »wirre Ausführungen« abgestempelten Argumente, und zwar:
– die Tatsache, dass alle »ukrainischen Nationalisten« seit den 1890er Jahren von der österreichischen Monarchie massiv unterstützt wurden und Herr Petljura seit 1914 ein Agent der österreichischen Armee war, der für seine »Sache« Tausende angeblich »ukrainische« Kriegsgefangene angeworben hat (genauso wie Herr »Sozialist« Pilsudski polnische Kriegsgefangene aus der russischen Armee).
– Machno war wirklich ungebildet (drei Klassen Dorfkirchenschule), weil er Sohn einer armen, kinderreichen Landarbeiterfamilie, also ein waschechter Proletarier, war.
Ich muss hier meine von der jW-Redaktion gestrichenen Thesen wiederholen:
1) Lenins Position z. B. in »Staat und Revolution« steht dem Anarchismus viel näher als dem totalitären feudalen Albtraum Stalins vom »Sowjetstaat« (zitiert von Herr Bedszent!).
2) Das Wort von Marx, dass jeder Staat eine organisierte Gewalt der herrschenden Klasse ist und folglich gleichzeitig mit der Aufbau des Sozialismus absterben soll. Die »Assoziation freier Agrarkommunen« war nichts anderes als Lenins Kollektivierung der Agrarproduktion, die von Stalin zu einer neuen feudalen Leibeigenschaft der »Kolchosen« pervertiert wurde; schlimmer noch, Lenins Prinzip des demokratischen Zentralismus wurde vom antikommunistischen Diktator Stalin zu einem totalitären diktatorischen Zentralismus pervertiert. (Mehr dazu in: Trotsky, Verratene Revolution)
Folglich ist die These von Herr Bedszent, dass »der militärische Zusammenstoß zwischen der von den Bolschewiki kontrollierten Roten Armee und Nestor Machnos Bauernarmee letztlich unvermeidbar war«, unbegründet und stalinistisch, also antikommunistisch. Das Gewaltmonopol eines Diktators und seiner Bürokratie ist grundsätzlich antikommunistisch, egal welche Ideologie dabei als Feigenblatt fungiert.
Stalins Diktatur zeigte wiederholt ihr antikommunistisches Wesen, z. B. mit dem Brudermord im Spanischen Bürgerkrieg, als sie bei ihren idiotischen Bemühungen um eine sogenannte Volksfront mit der spanischen Bourgeoisie eine regelrechte GPU-Jagd auf Anarchisten durchführte, was Hauptursache des Sieges von Franco war.
Zum Schluss: »Die Moderne« (Lieblingswort von Herrn Bedszent) ist keineswegs marxistisch, sondern ein Verwirrungsinstrument der bürgerlichen Propaganda, genauso wie »Identitätenpolitik« und andere modische Wörtchen, die Seiten von Blättern wie Jungle World füllen.
Alexej Brykowski

Veröffentlicht in der jungen Welt am 11.01.2019.