27.03.2017, 13:54:44 / jW stärken

Ausbildung von Seelenadel

Auf der Leipziger Buchmesse abseits

Von Peter Merg
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Vom Stau zum Bier zum Leuchten: Thomas Kapielski

Das unumstößliche Gesetz der Buchmessen wurde von Harry Rowohlt formuliert: Die eigentliche Buchmesse ist außerhalb der Buchmesse. Wenn man also Spaß haben und etwas mit Kultur erleben möchte, dann muss man die Messehallen weiträumig umgehen und sich irgendwo sonst herumtreiben. Und weil die Leipziger freundliche und gebildete Menschen sind, machen sie es einem besonders leicht, denn sie haben ihre Messe vor die Tore der Stadt verlegt und organisieren zudem noch das umfangreiche Begleitprogramm »Leipzig liest«. Und da man als Kommunist einen Hang zur Affirmation hat, wie Hacks sagt, also nicht immer bloß rumnörgeln möchte, sei nun die mit Abstand schönste Veranstaltung eben jenes Begleitprogramms in Grund und Boden gelobt, auf dass sich alle Organisatoren einheitlich blöder Sofagespräche über dies und das und den neuesten Luther-Roman ordentlich winden und Besserung schwören.

Denn wahre Kenner finden sich seit nunmehr elf Jahren am Messesamstag zum literarischen Frühschoppen in der Galerie ARTAe ein. Dort versorgt das erschütternd sympathische Galeristenehepaar die Gäste mit Weißwürsten (gut) und Bamberger Mahrs Bräu (besser), während Thomas Kapielski aus dramaturgischen Gründen im Stau steckenbleibt. Worüber sich aber niemand ernstlich empört, denn man ist ja versorgt, verpasst auch sonst nichts, und es gibt dem hervorragenden Jürgen Roth die nicht minder hervorragende Vorlage, um als Präludium aus seiner jüngst erschienenen »Kritik der Vögel« (mit Thomas Roth) über den Graureiher zu lesen, auf den man hauptsächlich warten muss. Und dann erscheint Kapielski und legt sofort mit Unveröffentlichtem und »A- und So-phorismen« aus seinem letzten Band »Leuchten« nach. Der Kulturjournalist kommt aus dem Lachen nicht mehr raus und schämt sich, denn mit welcher Kunst des Vortrags hier im Wechsel die Abschaffung des Zugbieres verflucht, die Wachtel besungen und gottlose Frevler der Verdammnis anheimgegeben werden, das entzieht sich seinem Darstellungsvermögen. Ein jeder denke sich einen Kalauer über »im Rausch lesen/in einen Rausch lesen« hinzu.

Oder anders formuliert: Die Sonne schien, das Bier ging nicht aus, der Kommunismus wurde verteidigt, und Menschen waren glücklich. Das war nun also alles derart entzückend, erbaulich und der Ausbildung von Seelenadel dienlich, dass man sich wünscht, es sei noch öfter Messe. Danke Leipzig, Frankfurt a. M. und a. O. und überhaupt: Die Welt möge sich ein Beispiel nehmen!


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