Aus: Ausgabe vom 24.12.2016, Seite 8 / Ansichten

Falschsendung des Tages: Russisches Marinelied

Von Reinhard Lauterbach
RTR4TT6C.jpg
Singende russische Marinesoldaten am ersten Jahrestag des offiziellen Beitritts der Krim zu Russland in Sewastopol (18. März 2015)

Musikprogrammgestalter ist in einem modernen Radio eigentlich kein übermäßig kreativer Job. Die Arbeit der Auswahl, um die »Programmflächen« zu bestücken, übernimmt eine »Rotation«, die nach Kriterien wie »englisch/deutsch/sonstiges« und »vokal/instrumental« dafür sorgt, dass nichts Falsches und das zu Farbe und Format des Programms Passende nicht allzuoft gespielt wird. Der Eingriff des Menschen reduziert sich darauf, nachzukontrollieren, dass die Gesamtlänge stimmt und nicht zum Beginn des nächsten Werbeblocks ein gerade angespieltes Stück wieder ausgeblendet werden muss. Denn das klingt unschön.

In der Ukraine wird die Tätigkeit des Musikredakteurs im Moment zu einer der nationalen Verantwortung aufgewertet. Denn nach einer aktuellen Vorschrift müssen 35 Prozent der in den Dudelsendern des Landes gespielten Popmusik in ukrainischer Sprache sein. Das wäre an sich nicht blöder als eine Quote von x Prozent für französische Chansons mit Akkordeonbegleitung in einem deutschen Gute-Laune-Sender – nur dass es soviel ukrainischsprachigen Pop gar nicht gibt, dass man damit 35 Prozent eines »Tagesbegleitprogramms« bestücken könnte. Also helfen sich die ukrainischen Radiomacher entweder mit vielfachen Wiederholungen der wenigen ukrainischen Poptitel, die die Leute irgendwann auch nerven, oder sie spielen russische Lieder, und der Moderator verdolmetscht den Text von Zeile zu Zeile über der laufenden Musik. Auch nicht unbedingt ein Hörgenuss.

Und irgendwann passiert die Panne. Ein Sender muss jetzt die erhebliche Summe von umgerechnet knapp 11.000 Euro Strafe zahlen, weil in einem Lied die kräftigen Fäuste der Matrosen der russischen Marine gerühmt wurden. Da hat der Moderator nicht aufgepasst. Hätte er drübergequatscht und »russische Marine« geistesgegenwärtig durch »ukrainische Soldaten« ersetzt, wäre alles gutgegangen. Und man hätte den Fake nicht einmal gehört.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Ansichten