Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Es wird eng auf Kuba

Nachfrage übertrifft Angebot: Wirtschaft des Inselstaates wird vom Tourismus angetrieben. Dessen Kapazitäten geraten an Grenzen

Von Volker Hermsdorf
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Treffpunkt für Genussraucher: Chinesische Touristen beim XVIII. Habanos-Festival am 4. März in Havanna

Kubas Wirtschafts- und Planungsminister Marino Murillo erwartet für 2016 ein Wachstum der Volkswirtschaft um zwei Prozent. Das ist nur die Hälfte des Zuwachses vom vergangenen Jahr, und selbst diese Zahl ist optimistisch, denn akute Devisenengpässe dämpfen die Erwartungen. Ursachen dafür sind niedrige Weltmarktpreise für das kubanische Hauptexportgut Nickel und drohende Missernten nach schweren Regenfällen und Überschwemmungen, die der schlimmsten Trockenperiode seit mehr als 100 Jahren folgten. Dazu kommen geringere Öllieferungen und Zuwendungen für den Einsatz kubanischer Ärzte aus Venezuela sowie die verschärfte Anwendung der US-Blockade. In dieser Situation wird der boomende Tourismussektor zum Motor der kubanischen Wirtschaft.

Bereits im vergangenen Jahr registrierte das Amt für Statistik und Information (ONEI) mit über 3,5 Millionen Touristen und einem Zuwachs von einer halben Million Gästen gegenüber 2014 die höchste Zahl ausländischer Besucher in der Geschichte des Landes. In den ersten Monaten 2016 wurden die Rekordzahlen des Vorjahres nochmals getoppt. Die ONEI-Statistik zählte bereits im Januar knapp 418.000 Touristen, 12,7 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres. Vor allem aus Italien (plus 77,1 Prozent), Spanien (76,2 Prozent), Frankreich (40,9 Prozent) und Polen (55,3 Prozent) zog es deutlich mehr Besucher auf die Karibikinsel. Eine steigende Nachfrage melden seit Januar auch die Reiseveranstalter in Deutschland (plus 35,8 Prozent), Österreich (23,9 Prozent) und der Schweiz (13,5 Prozent). Als stark expandierendes Segment ergänzt das Kreuzfahrtgeschäft seit einigen Monaten den Pauschal- und Individualtourismus. Die Reederei MSC Crociere mit Sitz in Genf bietet seit dem Jahreswechsel von Havanna aus einwöchige Kreuzfahrten. Neben der 275 Meter langen »MSC Opera« mit einer Kapazität von 2.120 Gästen will der Marktführer in der Wintersaison 2016/2017 mit der »MSC Armonia« ein zweites, 2.679 Passagiere fassendes Schiff einsetzen und damit sein Angebot in Kuba verdoppeln.

Der Boom ist stärker als erwartet. »Die Nachfrage nach touristischen Leistungen übersteigt in manchen Bereichen bereits jetzt deutlich das Angebot«, beobachtet Andreas Blass vom Schweizer Reiseunternehmen Caribbean Tours. Mietwagen und Fremdenführer seien bereits knapp, die Hotelkapazitäten in Havanna aber auch in den Provinzen ausgelastet, berichtet er. Die Preise für die kommende Saison seien schon gestiegen, und Blass ist überzeugt, dass Kuba kurz- und mittelfristig noch teurer wird, bis sich Nachfrage und Angebot einpendeln. Vor allem die Hauptstadt platzt aus allen Nähten. In der zweiten Märzhälfte ist dort wegen der Besuche von US-Präsident Barack Obama und eines Konzerts der britischen Rockband Rolling Stones kein Bett mehr frei. Ein in Kuba zu Zeiten des extremen Zuzugs aus ländlichen Gebieten komponiertes Lied des Salsa-Orchesters Los Van Van mit dem Titel »La Habana no aguanta mas« (Havanna kann nicht mehr davon vertragen) ist derzeit wieder oft in den Straßen zu hören. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, müssen die großen Hotels Ende März zahlreiche Touristen nach Varadero verlegen, da Obamas Begleittross, die »Stones« samt Anhang und Hunderte ausländische Journalisten sonst nicht untergebracht werden könnten. Als delikate Konsequenz davon könnten US-Besucher, denen touristische Reisen verboten sind, durch den Aufenthalt an den Traumstränden von Varadero in die Bredouille geraten.

US-Amerikaner besuchen seit 2015 in wachsender Zahl die Insel, obwohl die Regierung in Washington das generelle Reiseverbot für ihre Bürger dorthin weiter aufrechterhält. Sie benötigen für Kuba-Visiten noch immer eine Sondergenehmigung der US-Behörden. Wer die nicht hat, begeht in den USA eine Straftat. Einige Sanktionen wurden jedoch gelockert. So dürfen nach mehr als 50 Jahren ab Herbst dieses Jahres wieder regelmäßige Linienflüge zwischen den USA und Kuba durchgeführt werden (jW berichtete). Auch die deutschen Fluggesellschaften Air Berlin, Condor und Eurowings bauen ihre Verbindungen aus. Von Zürich startet Edelweiss Air zum Direktflug in die kubanische Hauptstadt, und auch Air China bietet seit Ende Dezember Linienflüge nach Havanna an.

Grenzen werden diesem Wachstum derzeit nur durch fehlende Kapazitäten gesetzt. Der Staat investiert deshalb kräftig in den Ausbau der Hotelinfrastruktur. Das Tourismusministerium spricht von zunächst 10.000 zusätzlichen Betten, zudem planen internationale Hotelgruppen weitere Projekte. Darüber hinaus sind fünf neue Anleger für Kreuzfahrtschiffe in Havanna, Cienfuegos, Santiago de Cuba, Casilda und Antilla sowie der Ausbau oder Neubau von sieben Jachthäfen geplant. Große Erwartungen setzen die Planer in den Gesundheitstourismus. In Havanna und Varadero sind Dialyseeinrichtungen für 2.400 Patienten pro Jahr geplant, außerdem Kliniken für Sportmedizin und ein Zentrum für Lebensqualität. Das alles soll Devisen in die Kassen spülen und zahlreiche neue Arbeitsplätze bei staatlichen Anbietern sowie privaten Vermietern, Dienstleistern und Zulieferern bringen.

Obwohl die Wirtschaftsplaner stark auf den Tourismus setzen, liegen ihre Prioritäten bei der Akquise von Investoren für die Sonderwirtschaftszone und den Containerhafen in der Bucht von Mariel sowie Investitionen im Energie- und Bergbausektor. Nach Modernisierung der unrentabel arbeitenden Minen soll sich der Abbau und Export von Nickel – trotz niedriger Weltmarktpreise – eines Tages wieder lohnen.

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