18.01.2012 / Inland / Seite 5Inhalt

»Die Polizei wollte das Haus stürmen«

Nach Eskalation bei Neonaziaufmarsch in Magdeburg ermittelt die Staatsanwaltschaft

Von Susan Bonath
Die Neonazis feierten ihren »gelungenen Aufmarsch« am Samstag in Magdeburg bereits auf diversen Internetforen, da meldeten die Medien: »Linksautonome greifen Polizei an«. Der Behördenerklärung zufolge hatten etwa 40 in einem Haus in Stadtfeld verschanzte Jugendliche aus Fenstern Gegenstände auf Polizisten geworfen, darunter auch eine Betonplatte. Die habe einen Beamten nur knapp verfehlt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Totschlags. Die Jugendlichen geben zu, »sich erheblich gewehrt zu haben«, bestreiten aber den Abwurf der »Platte«. Augenzeugen zufolge sei die Polizei im Vorfeld »äußerst aggressiv sowohl gegen Personen als auch gegen Sachen« vorgegangen.

Wie Behördensprecher Reinhard Wessner am Sonntag gegenüber dem MDR erklärte, haben Ordnungshüter »die linken Jugendlichen nach Stadtfeld zum Sozialen Zentrum begleitet«. Dabei sei es lediglich darum gegangen, deren Sicherheit zu gewährleisten. »Plötzlich wurden die Beamten vor dem Haus aus Fenstern mit Keramik, Blumentöpfen und mit einer 40 mal 20 mal fünf Zentimeter großen Betonplatte beworfen«, so Wessner.

Ein Stadtteilbewohner habe eine »Hetzjagd« beobachtet, berichtete er jW. »Am Hauptbahnhof begann die Polizei, eine friedliche Spontandemonstration mit Streifenwagen und Polizeikräften in Vollmontur zu verfolgen«, erinnert er sich. Kurz vor dem Haus, in dem sich das »Soziale Zentrum« befindet, seien Polizisten aus den Autos gesprungen und in Personengruppen reingelaufen. »Einer hat wild mit seinem Knüppel um sich geschlagen und versucht, das Haus gewaltsam zu stürmen.« Erst danach seien Gegenstände aus dem Fenster geflogen, »so daß sich die Polizei kurzzeitig zurückziehen mußte«.

Einer der fünf Anwälte, die von den Jugendlichen im Haus um Unterstützung gebeten worden waren, ist Uwe Bitter aus Magdeburg. Den Vorfall selbst habe er nicht beobachtet, weil er erst gegen 20.15 Uhr hinzugekommen sei. Im Gespräch mit jW erinnert er sich, zunächst erschrocken über das »Riesenaufgebot an Polizisten mit schwerem Gerät, wie Räumpanzern und Rammböcken«, gewesen zu sein. »Es bestand die Gefahr, daß sie das Gebäude mit Greifertrupps stürmen. Im Haus habe er eine »aufgeräumte Stimmung« vorgefunden, man habe sachlich diskutiert. Die Angst vor der Polizei sei groß gewesen. »Wir haben verhandelt, daß die Leute zur Aufnahme der Personalien herausgehen konnten.« Draußen auf dem Boden seien ihm Keramik- und Flaschenscherben aufgefallen, aber auch Stücke einer Gehwegplatte. Die sei aber, »so wie alle Gehwegplatten hier«, schon vorher in einem sehr brüchigen Zustand gewesen. »Da von einer Betonplatte zu sprechen, finde ich übertrieben.« Eine »Tötungsabsicht« erkenne er nicht. Bitter resümiert: »Da haben Jugendliche Scheiße gebaut, die Beamten waren abgearbeitet und die Stimmung massiv aufgeheizt.«

Der Magdeburger Stadtrat und Vorsitzende des BUND Sachsen-Anhalt, Oliver Wendenkampf, habe gegen 21 Uhr »nur Scherben, die aussahen, als stammten sie von Fliesen«, vorgefunden. »Ich war überrascht, denn die Werfer müssen extrem geschickt gewesen sein, sie vom Haus um die Ecke zum Fundort zu werfen«, sagte er gegenüber jW. Sein Eindruck: »Die Polizei hat einen Vorwand gesucht, um in das Haus zu kommen.« Seiner Ansicht nach »haben die Leute im Haus selbst durch ihre Anwälte am meisten zur Deeskalation beigetragen«. So sieht das auch der Grünen-Landtagsabgeordnete Sören Herbst. »Als ich dazukam, war alles auf Stürmung ausgerichtet«, resümierte er auf Nachfrage. Als aggressiv habe er die Polizei empfunden. Er hofft, daß sie sich auch mit dem, was vorher war, auseinandersetzt.

Im Innenministerium betrachtet man »die zunehmende Gewalt gegen Polizeibeamte, insbesondere von Linksextremisten«, mit großer Sorge, wie Sprecherin Anke Reppin auf jW-Nachfrage mitteilte. Die Hemmschwelle sinke zunehmend. Man strebe nun einen besseren Schutz der Polizisten an, sowohl durch »angemessene gesetzliche Regelungen als auch durch Aus- und Fortbildung«. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sagte der Mitteldeutschen Zeitung (Mittwochausgabe), der Blick auf die »linke Szene« müsse nun geschärft werden. Zum Vorfall am Samstag will die Polizei alle 40 Personen, die sich im Haus aufhielten, intensiv befragen«. Bisher gebe es »trotz Täterbeschreibung durch einen Zeugen keine Ergebnisse«
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