»Chance vergeben« bei Bewertung der Menschenrechtsverletzungen beim Israels Krieg gegen Gaza 2008/2009
Von Karin Leukefeld
Der Bericht von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon an die
UN-Vollversammlung über die von Israel und den
Palästinensern vorgelegten Untersuchungen des Gaza-Krieges ist
von vielen Seiten scharf kritisiert worden. Ban Ki-Moon hätte
»eine Chance vergeben«, weil er sich nicht zu der
Glaubwürdigkeit der eingereichten Berichte geäußert
habe, kritisierte Amnesty International. Er habe es versäumt,
die Verantwortlichkeit für die Hunderte Opfer des Krieges
klarzustellen und entsprechende Schritte einzuleiten, sagte der
Amnesty-Verantwortliche für den Mittleren Osten, Philip
Luther. Ban Ki-Moon hatte bei der Vorlage seines Berichts am
vergangenen Freitag erklärt, er könne »nicht
entscheiden«, ob die Israelis oder die Palästinenser den
Auftrag des Goldstone-Berichts und der UN-Vollversammlung
erfüllt hätten, »unabhängige,
glaubwürdige Untersuchungen« vorzunehmen, die
»internationalen Standards entsprächen«, und
»eingeleitete Vorgänge« von beiden Seiten seien
noch nicht abgeschlossen. Amnesty erklärte hingegen, die
vorgelegten Informationen seien völlig ausreichend, um zu
erkennen, daß beide Seiten die Anforderung eindeutig nicht
erfüllt hätten. Die Antwort Israels sei
»völlig unangemessen«, und ein Bericht des
Justizministeriums in Gaza (Hamas) weise die Vorwürfe
lediglich zurück. Ban Ki-Moon könne die Sache noch
retten, wenn er umgehend selber eine unabhängige Untersuchung
einleite, schlug Amnesty vor. Darüber könnten
Vollversammlung und Sicherheitsrat anschließend beraten.
Sollte die Kooperation weiterhin unzureichend sein, könnte der
Gaza-Krieg vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag
verhandelt werden. Das allerdings setzt eine entsprechende
Entscheidung des UN-Sicherheitsrates voraus.
Auch die US-Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW)
übte scharfe Kritik. Sie hatte sich mit den Anwälten der
Israelischen Streitkräfte (IDF) getroffen, um zu erfahren, wie
die Untersuchungen durchgeführt würden. Die
Vorgehensweise der IDF sei völlig intransparent, hieß es
in einer HRW-Erklärung, wer die Verbrechen begangen
hätte, könne nicht selber sein Vorgehen untersuchen. Um
den zivilen Opfern des Krieges gerecht zu werden, brauche man eine
unabhängige Untersuchung.
»Tief besorgt« äußerte sich auch das
Palästinensische Zentrum für Menschenrechte (PCHR)
über die unzulänglichen Untersuchungen von Israel und den
»palästinensischen Behörden in Ramallah und
Gaza«. »Überrascht« sei man über die
Bewertung des UN-Generalsekretärs. Allein die Tatsache,
daß Israel die Ergebnisse von Militäruntersuchungen
vorgelegt habe, sei »unangemessen«. Als Opfervertreter
habe PCHR viele Erfahrungen mit der Art, wie die Israelis
Untersuchungen durchführten; der gesamte Mechanismus
entspreche nicht den Standards des internationalen Rechts. Im
übrigen kritisierte PCHR die Annahme von 10,5 Millionen
US-Dollar von Israel als Wiedergutmachung für die
Bombardierung des UN-Hauptquartiers in Gaza als »schweren
Fehler«. Damit sei die Zerstörung der UN-Anlagen als
»Kollateralschaden« anerkannt worden, während die
Verantwortlichen sich einer gerechten Strafe entziehen konnten.