21.01.2010 / Inland / Seite 4Inhalt

Die geteilte Stadt

Zunahme von Arbeitslosigkeit und Armut in Berlins Problemkiezen. Senatorin Junge-Reyer kündigt Sozialprogramm an. Doch wohin genau das Geld fließt, ist bislang unklar

Von Frank Brunner
Von der sozialen Spaltung besonders betroffen: Migranten in
Berl
Von der sozialen Spaltung besonders betroffen: Migranten in Berlin
Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer gab sich optimistisch. Die aktuelle Untersuchung zeige, daß der Senat in der Hauptstadt mit seinem Quartiersmanagement und der Städtebauförderung richtig liege, erklärte die SPD-Politikerin am Mittwoch in Berlin. Anlaß für Junge-Reyers Diagnose war die Vorstellung der Studie »Soziale Stadtentwicklung 2009«. Auch »schwächere Kieze« hätten sich stabilisiert; viele problematische Gebiete seien nicht von der »gesamtstädtischen positiven Entwicklung« abgekoppelt, so Junge-Reyer. Worauf diese Einschätzung beruht, blieb allerdings unklar. Denn die von ihr in Auftrag gegebene Studie kommt zu anderen Ergebnissen.

Tatsächlich hat sich die soziale Kluft zwischen Berlins Problemkiezen und dem Rest der Hauptstadt weiter vergrößert. So lebt ein Viertel der Berliner– das sind etwa 826000 der insgesamt 3,4 Millionen Einwohner – in Gebieten, die laut Studie zu den Ballungsräumen von Arbeitslosigkeit und Armut gehören. Knapp 40 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Fünf Quartiere sind besonders betroffen: Die drei westlichen Innenstadtbereiche Wedding/Moabit, Kreuzberg-Nordost, und Neukölln-Nord sowie die am Stadtrand gelegenen Gebiete Nord-Marzahn/Nord-Hellersdorf und Spandau-Mitte. Dort liegen die Räume mit dem »niedrigsten Entwicklungsindex«, wie es im Soziologen-Deutsch heißt. Übersetzt bedeutet das vor allem zunehmende Kinderarmut, eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und eine große Zahl von »Aufstockern«; also Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können und zusätzliche Sozialleistungen beanspruchen müssen. »Die insgesamt noch positive Entwicklung hat sich noch nicht in allen Quartieren bemerkbar gemacht«, schreiben die Wissenschaftler um den Stadtforscher Hartmut Häussermann in ihrem Bericht. Doch die Lage ist weitaus dramatischer. Ein erst am Montag vorgestellter Report der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Schluß, daß in Berlin das Armutsrisiko so hoch ist wie nirgends sonst in Deutschland. Demnach sind 200 von 1000 Berlinern auf staatliche Hilfen angewiesen.

Für das gestern präsentierte Monitoring analysierten die Forscher insgesamt 434 Quartiere. Schlußlicht ist der Kiez Helle Mitte im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Aber auch die Gegend um die Soldiner Straße im Wedding oder der Stephankiez in Mitte haben eine »hohe Problemdichte«, so die Experten. »Quartiersmangement allein reicht da nicht mehr aus«, betont Stadtsoziologe Häussermann. Im Vergleich zu 2007 habe es keine großen Veränderungen gegeben. Ganz scheint sich auch die zuständige Senatorin dieser Erkenntnis nicht entziehen zu können; mit einem Sozialprogramm will sie gegensteuern. Jeweils 50 Millionen Euro sollen 2010 und 2011 in ein neues Projekt »Aktionsräume plus« investiert werden. Das seien 20 Millionen mehr als 2008, so Junge-Reyer. Wohin genau das Geld fließen soll, sagte sie allerdings nicht. »Quartiersverfahren und Stadtumbau werden gebiets- und fachübergreifend stärker miteinander vernetzt, angrenzende Kieze mit einbezogen und neue Partnerschaften unter den in den Gebieten tätigen Akteuren wie Vereinen, Organisationen, dem Polizeirevier, der religiösen Gemeinschaft, Wohnungsbaugesellschaften und Bewohnern angeregt werden, so die Politkerin nebulös. In den fünf als besonders gefährdet eingestuften Quartieren solle Jugendlichen durch einen besseren Zugang zu Arbeit und Bildung zudem neue Perspektiven eröffnet werden. Dabei, so Junge-Reyer, gehe es »weniger um eine ethnische, sondern um die soziale Integration« der Menschen.
Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

jW-Regio:

Mehr aus: Inland

Navigation


Zum Seitenanfang springen

Aktuelle Angebote und Hinweise der jungen Welt

Aktuelle Titelseite

Aktuelle Titelseite der Tageszeitung junge Welt

Von Lesern empfohlen:

Top 20 der letzten...
12 Monate / 48 Stunden

Beilage vom 3. März|

|

Bewegte Geschichte|

|

1000 + x|

|

Drei Wochen gratis|

|

Termine

Newsletter

Newsletter Abonnieren


- Sa./So., 13. / 14. März 2010, Nr. 61

Werbung

jW-Ladengalerie
Online-Abo

Melodie & Rhythmus 01-2010

Zum Seitenanfang springen.