Von der sozialen Spaltung besonders betroffen: Migranten in Berlin
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Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer gab sich
optimistisch. Die aktuelle Untersuchung zeige, daß der Senat
in der Hauptstadt mit seinem Quartiersmanagement und der
Städtebauförderung richtig liege, erklärte die
SPD-Politikerin am Mittwoch in Berlin. Anlaß für
Junge-Reyers Diagnose war die Vorstellung der Studie »Soziale
Stadtentwicklung 2009«. Auch »schwächere
Kieze« hätten sich stabilisiert; viele problematische
Gebiete seien nicht von der »gesamtstädtischen positiven
Entwicklung« abgekoppelt, so Junge-Reyer. Worauf diese
Einschätzung beruht, blieb allerdings unklar. Denn die von ihr
in Auftrag gegebene Studie kommt zu anderen Ergebnissen.
Tatsächlich hat sich die soziale Kluft zwischen Berlins
Problemkiezen und dem Rest der Hauptstadt weiter
vergrößert. So lebt ein Viertel der Berliner– das
sind etwa 826000 der insgesamt 3,4 Millionen Einwohner – in
Gebieten, die laut Studie zu den Ballungsräumen von
Arbeitslosigkeit und Armut gehören. Knapp 40 Prozent von ihnen
haben einen Migrationshintergrund. Fünf Quartiere sind
besonders betroffen: Die drei westlichen Innenstadtbereiche
Wedding/Moabit, Kreuzberg-Nordost, und Neukölln-Nord sowie die
am Stadtrand gelegenen Gebiete Nord-Marzahn/Nord-Hellersdorf und
Spandau-Mitte. Dort liegen die Räume mit dem
»niedrigsten Entwicklungsindex«, wie es im
Soziologen-Deutsch heißt. Übersetzt bedeutet das vor
allem zunehmende Kinderarmut, eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und
eine große Zahl von »Aufstockern«; also Menschen,
die von ihrer Arbeit nicht leben können und zusätzliche
Sozialleistungen beanspruchen müssen. »Die insgesamt
noch positive Entwicklung hat sich noch nicht in allen Quartieren
bemerkbar gemacht«, schreiben die Wissenschaftler um den
Stadtforscher Hartmut Häussermann in ihrem Bericht. Doch die
Lage ist weitaus dramatischer. Ein erst am Montag vorgestellter
Report der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Schluß,
daß in Berlin das Armutsrisiko so hoch ist wie nirgends sonst
in Deutschland. Demnach sind 200 von 1000 Berlinern auf staatliche
Hilfen angewiesen.
Für das gestern präsentierte Monitoring analysierten die
Forscher insgesamt 434 Quartiere. Schlußlicht ist der Kiez
Helle Mitte im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Aber auch die Gegend um
die Soldiner Straße im Wedding oder der Stephankiez in Mitte
haben eine »hohe Problemdichte«, so die Experten.
»Quartiersmangement allein reicht da nicht mehr aus«,
betont Stadtsoziologe Häussermann. Im Vergleich zu 2007 habe
es keine großen Veränderungen gegeben. Ganz scheint sich
auch die zuständige Senatorin dieser Erkenntnis nicht
entziehen zu können; mit einem Sozialprogramm will sie
gegensteuern. Jeweils 50 Millionen Euro sollen 2010 und 2011 in ein
neues Projekt »Aktionsräume plus« investiert
werden. Das seien 20 Millionen mehr als 2008, so Junge-Reyer. Wohin
genau das Geld fließen soll, sagte sie allerdings nicht.
»Quartiersverfahren und Stadtumbau werden gebiets- und
fachübergreifend stärker miteinander vernetzt,
angrenzende Kieze mit einbezogen und neue Partnerschaften unter den
in den Gebieten tätigen Akteuren wie Vereinen, Organisationen,
dem Polizeirevier, der religiösen Gemeinschaft,
Wohnungsbaugesellschaften und Bewohnern angeregt werden, so die
Politkerin nebulös. In den fünf als besonders
gefährdet eingestuften Quartieren solle Jugendlichen durch
einen besseren Zugang zu Arbeit und Bildung zudem neue Perspektiven
eröffnet werden. Dabei, so Junge-Reyer, gehe es »weniger
um eine ethnische, sondern um die soziale Integration« der
Menschen.