22.12.2009 / Ansichten / Seite 8Inhalt

Illegitimer Krieg

Späte Einsicht Herrn zu Guttenbergs

Von Werner Pirker
Der wegen seiner »Wankelmütigkeit« bei der Beurteilung des Massakers von Kundus – zuerst wertete er es als militärisch angemessen, dann betrachtete er es als unangemessen– in die Kritik geratene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg versteht sich in der Entwicklung von Entlastungsstrategien. So hat er sich in der Welt am Sonntag mit der Bemerkung hervorgetan, daß Gespräche mit »gemäßigten Taliban« für ihn nicht tabu seien. »Nicht jeder Aufständische bedroht gleich die westliche Gemeinschaft«, sagte er in dem Zeitungsinterview.

Besonders neu ist die von Guttenberg formulierte Ansicht keineswegs. Sie ist auch schon von US-Präsident Obama geäußert worden. Der frühere SPD-Vorsitzende Kurt Beck hatte bereits im April 2007 nach einem Besuch in Afghanistan einen Vorstoß in diese Richtung unternommen. »Wir können die Möglichkeit der nationalen Versöhnung unter Einbeziehung der Taliban ausloten«, meinte er damals. In Unionskreisen löste diese Äußerung heftige Defätismusvorwürfe aus. Es gäbe keine moderaten Taliban, meinte der damalige außenpolitische Sprecher der Union, Eckart von Klaeden zu wissen. Denn: »Wären sie moderat, wären sie keine Taliban«. Das sieht ein zu Guttenberg heute ganz anders: »Es gibt Unterschiede zwischen Gruppen, die aus der radikalen Ablehnung des Westens die Bekämpfung unserer Kultur zum Ziel haben und etwa solchen, die sich ihrer Kultur vor Ort verbunden sehen.«
Immer deutlicher tritt der illegitime Charakter dieses Krieges zutage. Zwar hält Guttenberg nach wie vor an der 11.-September-Erzählung fest, Taliban und Al-Qaida hätten die Zerstörung des Abendlandes ausgeheckt. Doch scheinen er und seine Kampfgefährten mittlerweile auch mitbekommen zu haben, daß nicht jeder afghanische Aufständische islamistischen Welteroberungsplänen folgt. Die Gegenwehr am Hindukusch existiert, weil sich genügend Afghanen zusammengefunden haben, die der ausländischen Besatzung überdrüssig geworden sind. Die Taliban und andere Widerstandsgruppen erhielten Zulauf, weil die Fremdherrschaft und ihre lokalen Kostgänger die Lage der Bevölkerung nicht zu verbessern vermochten und dem aufkommenden Unmut mit verschärftem Besatzerterror begegneten.

Die apokalyptischen Szenarien, die zur Begründung der Invasion des Westens in Afghanistan herhalten mußten, sind als Phantasieprodukte weitgehend bloßgestellt worden. Der Konflikt offenbart sein wirkliches Wesen. Der Unterwerfung Afghanistans durch den Westen folgte der nationale Befreiungskampf. Was die Bush-Leute als War on terror, als Krieg gegen den Terror, darzustellen versuchten, war ohnedies nie etwas anderes als »präventive« Aufstandsbekämpfung, um Widerstand gegen das westliche Globalisierungsregime im Keim zu ersticken. Dieser Krieg hat sich freilich anders entwickelt als geplant.
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