Der wegen seiner »Wankelmütigkeit« bei der
Beurteilung des Massakers von Kundus – zuerst wertete er es
als militärisch angemessen, dann betrachtete er es als
unangemessen– in die Kritik geratene Verteidigungsminister
Karl-Theodor zu Guttenberg versteht sich in der Entwicklung von
Entlastungsstrategien. So hat er sich in der Welt am Sonntag mit
der Bemerkung hervorgetan, daß Gespräche mit
»gemäßigten Taliban« für ihn nicht tabu
seien. »Nicht jeder Aufständische bedroht gleich die
westliche Gemeinschaft«, sagte er in dem
Zeitungsinterview.
Besonders neu ist die von Guttenberg formulierte Ansicht
keineswegs. Sie ist auch schon von US-Präsident Obama
geäußert worden. Der frühere SPD-Vorsitzende Kurt
Beck hatte bereits im April 2007 nach einem Besuch in Afghanistan
einen Vorstoß in diese Richtung unternommen. »Wir
können die Möglichkeit der nationalen Versöhnung
unter Einbeziehung der Taliban ausloten«, meinte er damals.
In Unionskreisen löste diese Äußerung heftige
Defätismusvorwürfe aus. Es gäbe keine moderaten
Taliban, meinte der damalige außenpolitische Sprecher der
Union, Eckart von Klaeden zu wissen. Denn: »Wären sie
moderat, wären sie keine Taliban«. Das sieht ein zu
Guttenberg heute ganz anders: »Es gibt Unterschiede zwischen
Gruppen, die aus der radikalen Ablehnung des Westens die
Bekämpfung unserer Kultur zum Ziel haben und etwa solchen, die
sich ihrer Kultur vor Ort verbunden sehen.«
Immer deutlicher tritt der illegitime Charakter dieses Krieges
zutage. Zwar hält Guttenberg nach wie vor an der
11.-September-Erzählung fest, Taliban und Al-Qaida hätten
die Zerstörung des Abendlandes ausgeheckt. Doch scheinen er
und seine Kampfgefährten mittlerweile auch mitbekommen zu
haben, daß nicht jeder afghanische Aufständische
islamistischen Welteroberungsplänen folgt. Die Gegenwehr am
Hindukusch existiert, weil sich genügend Afghanen
zusammengefunden haben, die der ausländischen Besatzung
überdrüssig geworden sind. Die Taliban und andere
Widerstandsgruppen erhielten Zulauf, weil die Fremdherrschaft und
ihre lokalen Kostgänger die Lage der Bevölkerung nicht zu
verbessern vermochten und dem aufkommenden Unmut mit
verschärftem Besatzerterror begegneten.
Die apokalyptischen Szenarien, die zur Begründung der Invasion
des Westens in Afghanistan herhalten mußten, sind als
Phantasieprodukte weitgehend bloßgestellt worden. Der
Konflikt offenbart sein wirkliches Wesen. Der Unterwerfung
Afghanistans durch den Westen folgte der nationale Befreiungskampf.
Was die Bush-Leute als War on terror, als Krieg gegen den Terror,
darzustellen versuchten, war ohnedies nie etwas anderes als
»präventive« Aufstandsbekämpfung, um
Widerstand gegen das westliche Globalisierungsregime im Keim zu
ersticken. Dieser Krieg hat sich freilich anders entwickelt als
geplant.