22.12.2009 / Inland / Seite 8Inhalt

»Härtefallkommission kann vielleicht noch was machen«

16jähriger Kurde wurde wegen beispielhafter Integration ausgezeichnet – und dann nach Armenien abgeschoben. Ein Gespräch mit Martin Röder

Von Gitta Düperthal
Bild 1
Martin Röder ist Flüchtlingsberater des Diakonischen Werks in Eschwege und betreut die Familie des abgeschobenen Jamal Hasanov

Der 16 Jahre alte Kurde Jamal Hasanov war in Eschwege Klassenbester und wurde noch im September von der Hertie-Stiftung mit dem Start-Stipendium für begabte junge Zuwanderer ausgezeichnet. Hessens Kulturministerin Dorothea Henzel (CDU) lobte sogar, unsere Gesellschaft brauche solche Persönlichkeiten. Jetzt wurde er aber nach Arme­nien abgeschoben ...

Sicherlich, das paßt nicht zusammen. Die Auszeichnung und die Abschiebung von Jamal und seinem Vater widersprechen sich. Das Problem ist, daß nach geltendem Aufenthaltsrecht in der Regel rein formal überprüft wird, wer ausreisepflichtig ist. Diese Familie erhielt keine Aufenthaltsgenehmigung, weil sie die von der Innenministerkonferenz festgelegte Stichtagsregelung nicht erfüllt.

Ursprünglich galt für Familien die Regel, daß sie sechs Jahre hier sein müssen, um aufenthaltsberechtigt zu sein. Mit zwei Bleiberechtsregelungen 2006 und 2007 sollten möglichst viele der damals rund 110000 Geduldeten das Aufenthaltsrecht erhalten. Dieses Ziel wurde jedoch nicht erreicht: Immer noch sind mehr als 60000 von ihnen ohne Aufenthaltsrecht, obwohl sie länger als sechs Jahre hier sind. Grund dafür ist, daß das Stichtagsdatum vom 1. Juli 2001 von den Landesinnenministern einfach übernommen und nicht aktualisiert wurde. Deshalb wurden Jamal und sein Vater abgeschoben. Ich wurde erst nach der Abschiebung gebeten zu intervenieren.

Was wollen Sie konkret unternehmen?

Wenn die Abschiebung bereits gelaufen ist, sind die Möglichkeiten eingeschränkt. Es ist nicht einfach, diese Menschen zurückzuholen. Ich habe jetzt eine Petition für die Familie eingereicht. Insofern kann möglicherweise die Härtefallkommission aus humanitärer Sicht noch etwas machen. Am Freitag haben in Eschwege 500 Schülerinnen und Schüler gegen die Abschiebung demonstriert. Es gibt außerdem mehrere Unterschriftensammlungen, eine Liste mit mehr als 500 Unterschriften haben Jamals Schulfreunde bereits vorgelegt.

Die Schülerinnen und Schüler fordern, daß die Abschiebung rückgängig gemacht wird. Geht das?

Formal ist das schwierig. Aber weil hier eine außergewöhnliche »Integrationsleistung« vorliegt, könnte es sein, daß sich in diesem Fall unübliche Wege auftun. Das hängt von den Politikern ab, ob sie diese Situation tatsächlich verändern und Jamal zumindest ermöglichen wollen, seinen Schulabschluß in Deutschland zu machen. Soweit ich weiß, will sich möglicherweise der Stipendiengeber, die Hertie-Stiftung, einsetzen. Das Start-Stipendium soll immerhin Bildung für Migranten ermöglichen.

Haben Sie Kontakt mit Jamal und seinem Vater gehabt? Wie geht es ihnen jetzt?

Die hiergebliebenen Angehörigen haben mit ihnen telefoniert. Beide leben zur Zeit in einem Hotel, haben aber nur noch 150 Euro zur Verfügung. Damit kommt man nicht weit. Außerdem gehören sie in Armenien als Kurden einer Minderheit an, insofern wird es wohl wenig Hilfe für sie geben. Es könnte also schwierig werden.

Selbst der Vizelandrat Henry Thiele (FDP) stellte bei der Demonstration am Freitag das geltende Asylrecht infrage. Junge Leute wie Jamal sollten nicht ausgewiesen werden, meinte er. Wie sehen Sie das?

Der Bundesverband des Diakonischen Werks sieht zu den aktuellen Ergebnissen der Innenministerkonferenz wesentlichen Nachregelungsbedarf: Die Praxis der Kettenduldungen muß abgeschafft und die Altfallregelung verbessert werden.

Jamals Bruder Alik ist gerade erst am Blindarm operiert worden – er soll aber ebenfalls in einem Monat zusammen mit seiner Mutter abgeschoben werden. Gibt es keine Möglichkeit, dagegen etwas zu unternehmen?

Seine gesundheitliche Situation ist so, daß er schon sehr bald reisefähig wäre, wie es heißt. Meine Begründung für die Härtefall-Kommission ist jedoch: Diese Familie ist außergewöhnlich gut integriert, wie ja die Auszeichnung Jamals beweist.
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