Mit unbekanntem Gast: Müller 1988 in seiner Plattenbauwohnung am Tierpark
Foto: jW-Archiv
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Mit drei Gesprächsbänden schließt der Suhrkamp
Verlag die im Jahr 1998 begonnene Werkausgabe Heiner Müllers
ab. Für Müller (1929–1995) waren Gespräche
stets eine aktive und öffentliche Form des Denkens, eine
Kunstform, die Denken als archäologischen Prozeß
darstellt. Der offene Charakter der Gespräche, der sie
gleichsam zu Fragmenten macht, war Müller auf den Leib
geschneidert. Er schätzte deren Unverbindlichkeit, die ihm die
Möglichkeit gab, leichtfüßiger zu formulieren, als
wenn er es hätte aufschreiben müssen. »Insofern
sind es mehr Performances, es hat vielleicht mehr mit Theater zu
tun als mit Literatur«, äußerte sich Müller
1985.
Viele der Gespräche hatte ich bereits in einem anderen Kontext
gelesen, einige zeitnah nach dem Erscheinen, andere
rückblickend als historisches Material. Liest man
sämtliche Gespräche chronologisch, ergibt sich ein
völlig neuer, ein ganzheitlicher Blick, der sich mit
Müllers Denkweise über eine ganze Epoche spannt –
ein einzigartiges Zeitdokument des ausgehenden 20. Jahrhunderts.
Zukunftsstruktur
Müller entscheidet sich nach dem Krieg bewußt für
die DDR. Ihn reizt das gesellschaftliche Experiment im Osten, der
Neuanfang nach der Apokalypse. Verlockend auch die
Widersprüche, die dieses Experiment bereithielt. Wie gewinnt
man die durch die Naziideologie verseuchten Menschen für solch
ein soziales Experiment? In seinem ersten Stück
»Lohndrücker« versucht Müller, darauf Antwort
zu geben: Er zeigt, wie die durch den Faschismus disziplinierte
deutsche Arbeiterklasse für den Aufbau des Sozialismus
produktiv gemacht wurde. Doch Produktivität wird auf Dauer nur
durch die Umwandlung dieser Disziplin in Emanzipation attraktiv.
Dieser Absprung wurde in der DDR verpaßt. Man setzte weiter
auf Disziplinierung.
Die Inszenierungsverbote seiner Stücke jedoch ließen ihn
nicht verdrießen – er hält an seiner
Loyalität der DDR gegenüber fest. Dieser Erfahrungsdruck
in der DDR ist für Müller immer der entscheidende Impuls
zum Schreiben. Oft genug betont er, daß die Diktatur der
bessere Hintergrund für das Schreiben von Dramen ist als die
Demokratie. Für Müller Grund genug, trotz aller
Repressalien die DDR nicht zu verlassen. Eine Übersiedlung
wäre für ihn ein Schritt in die Vergangenheit: »In
der BRD könnte ich nicht leben, ich würde mich zu Tode
langweilen, das ist doch Steinzeit«, äußert er
sich 1987. Für Müller mit seinem archäologischen
Blick geht es um das Wesen dieser Gesellschaft, um ihre
Zukunftsstruktur, die er durch die Gegenwart gefährdet sieht,
weil Vergangenheit ausgeblendet wird. Immer wieder zitiert er
Brecht mit dessen Nachkriegsbemerkung von den noch nicht
ausgeräumten Kellern, auf denen aber schon wieder Häuser
gebaut werden, was zur Folge hat, daß die Leichen als
Gespenster wiederkehren. Nur der Dialog mit den Toten, so
Müllers Credo, kann deren Wiederkehr als Untote verhindern.
»Man muß die Toten ausgraben, wieder und wieder, denn
nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen. Nekrophilie ist Liebe zur
Zukunft.«
Mit Gorbatschow keimt auch in Müller wieder Hoffnung auf. Der
Sozialismus, festgefahren im Sumpf der Geschichte, beginnt
plötzlich, neue Blüten anzusetzen. Aber es sind nur zarte
Knospen in einem sonst strengen Winter. Für Müller eine
produktive Phase. An seiner »Wolokolamsker Chaussee«
arbeitend, verfolgt er die Blutspur der Panzer von Stalingrad
zurück nach Prag. Die Geschichte der DDR läßt sich
nur mit Hilfe dieser Blutspur nachziehen. Insofern ist
»Anatomie Titus Fall of Rome« aus dem Jahr 1984 nicht
nur chronologisch eine Vorarbeit zur »Wolokolamsker
Chaussee«. In dieser Zeit beginnt Müller auch wieder
aktiv ins Theatergeschehen einzugreifen: er inszeniert eigene
Stücke. Ausgerechnet den »Lohndrücker« aus
dem Jahr 1957 bringt er dreißig Jahre später am
Deutschen Theater auf die Bühne! Es ist Müllers komplexer
Blick auf Geschichte, der ihn sein erstes Stück als das
aktuellste erkennen läßt. Die
»Lohndrücker«-Problematik war in der DDR noch
nicht gelöst. Äußerst spannend, im nachhinein in
Müllers Gesprächen den Entstehungsprozeß des
»Lohndrückers« zu verfolgen. Hier blüht
Müller auf, hier kann er sein Theaterkonzept als soziales
Laboratorium verwirklichen. Während dieser Arbeit wird ihm
bewußt, daß er 1956/57 ein ganz anderes Stück
geschrieben hatte, als seine ursprüngliche Intention war. Er
glaubte ein Stück geschrieben zu haben, das produktive Impulse
für den Aufbau des Sozialismus geben würde, und muß
nunmehr feststellen, daß er offensichtlich die
Geburtskrankheit des Systems diagnostiziert hatte, an dem die DDR
schließlich zugrunde ging: Der Text ist klüger als der
Autor.
Doch an der DDR als gesellschaftlicher Alternative zur BRD
hält Müller bis zuletzt fest und gibt sie selbst im
Januar 1990 noch nicht verloren. Es ist die Phase der
Probenarbeiten zu Müllers Inszenierung von
»Hamlet/Maschine« am Deutschen Theater. Wie zwei Jahre
zuvor mit dem »Lohndrücker« überrascht
Müller im Jahr 1989 die Öffentlichkeit mit seiner
Entscheidung, den »Hamlet« als aktuellstes Stück
inszenieren zu wollen, »weil es ein Stück über eine
Staatskrise ist, über den Riß zwischen zwei Epoche und
einen jungen Mann , der in diesem Riß steckt.« Die
Premiere von »Hamlet/Maschine« findet zu einer Zeit
statt, als alle Messen zur Erneuerung einer alternativen DDR
längst gesungen waren.
Zusammenbruch des Westens
Das Nichtdenkbare ist eingetreten: Die Vergangenheit schluckt die
Gegenwart und mit ihr die Zukunft. Der utopische Versuch einer
Gesellschaft, in der das Geld nicht der erste Wert ist, ist
gescheitert. Nicht der Zusammenbruch des Ostens überraschte
Müller, eher die Geschwindigkeit, mit der sich dieser
Zusammenbruch vollzieht. Müller bezeichnet den Eisernen
Vorhang immer wieder als Zeitmauer, die zwei unterschiedliche
Geschwindigkeiten voneinander trennte: die totale Verlangsamung im
Osten und die Beschleunigung im Westen. Mit dem Wegfall der Mauer
ist dieses Regulativ zwischen den Geschwindigkeiten verschwunden,
sodaß es zu Verwirbelungen kommt. Müller zitiert in
diesem Zusammenhang Ernst Jünger: »Es gibt einen Grad
der Unterdrückung, wo der Zugriff so total, so komplex ist,
daß er als Freiheit empfunden wird, Schwindelgefühle
erzeugt.« Diese Verwirbelungen wachsen zu einem Mahlstrom an:
ein schwarzes Loch, das alles aufsaugt. Der Kapitalismus als
vermeintlicher Sieger der Geschichte wird, wenn es ihm nicht
gelingt, eine neue Bremsfunktion zu aktivieren, genauso in diesem
schwarzen Loch verschwinden. Denn totale Beschleunigung führt
geradewegs in die Vernichtung. Das gesellschaftliche Grundproblem
für Müller ist die Unfähigkeit der Menschheit, eine
Alternative zu Auschwitz zu finden. Auschwitz als Metapher für
das Grundprinzip des Kapitalismus, der Selektion: »Auschwitz
ist der Altar des Kapitalismus«. Da der Kapitalismus
mittlerweile außer sich selbst keinen anderen Feind mehr
besitzt, wird er sich in seiner ungebändigten
Gefräßigkeit am Ende selbst vertilgen. Obgleich der
Sozialismus aufgrund seiner stalinistischen Ausführung
über Jahre hinweg diskreditiert ist, sind die Fragen, die er
auf die Tagesordnung gehoben hat, keineswegs beantwortet.
Vielleicht mußte er erst einmal untertauchen, um zur
Besinnung zu kommen. Insofern weigert sich Müller auch, vom
Untergang des Kommunismus zu sprechen, im Gegenteil: »Nichts
ist untergegangen. Man kann es auch als einen Sieg des Kommunismus
interpretieren… der Kommunismus ist jetzt ortlos… ist
nicht mehr lokalisierbar, d.h. er ist ein Virus… und diesen
Virus wird man nicht mehr los….«
Mit dem Ende der DDR gibt es für Müller keinen Grund
mehr, Stücke zu schreiben. Plötzlich fehlt die schwarze
Folie der Diktatur, die Müller als Lebenselixier für sein
Theater benötigt. Mit der »Wolokolamsker Chaussee«
endet für ihn die Zeit der Dramen. Seine Schreibblockade ist
auch Hintergrund dafür, daß Müller Anfang der
neunziger Jahre das ungeliebte Amt eines Akademiepräsidenten
übernommen und sich später auf die Intendanz des Berliner
Ensembles eingelassen hat. Er scheint geradezu ins Amt zu
flüchten – als Alibi, um nicht schreiben zu
müssen.
Und er unterliegt der Illusion, als Theaterdirektor sein Konzept
von Theater, seine Theaterästhetik gegen den Markt durchsetzen
zu können. Doch Müllers Theaterkonzept setzt andere
gesellschaftliche Rahmenbedingungen voraus. Als Intendant des
Berliner Ensembles konnte er nur scheitern.
Das Scheitern zieht sich wie ein unsichtbarer roter Faden durch den
dritten Gesprächsband: das gesellschaftliche Scheitern, die
Schreibblockade als Dramatiker und das Scheitern als Intendant.
Müllers Tod (30.12.1995) kommt wie bei Brecht zur rechten
Zeit. Es bleibt der Nachwelt vorbehalten, Müllers Werk
fortzusetzen. Frank Hörnigk, der Herausgeber von Müllers
Werkausgabe, hat die Vorarbeit geleistet.
Heiner Müller: Werke 10 - Gespräche 1,
1965–1987. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, 860
Seiten, 28 Euro * Werke 11. Gespräche 2. 1987–1991, 952
Seiten; Werke 12. Gespräche 3. 1991–1995. 997 Seiten.
Alle herausgegeben von Frank Hörnigk, Suhrkamp, Frankfurt am
Main 2008, jeweils 28 Euro