Der Koalitionsvertrag der neuen Regierung ist gepflastert mit Hindernissen für den öffentlichen Verkehrssektor (Pressefoto des zuständigen Ministers Peter Ramsauer, CSU)
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Es sind nur noch wenige Tage bis zur Klimakonferenz der Vereinten
Nationen in Kopenhagen. Verkehrspolitik ist dort nur am Rande ein
Thema; wichtige Bereiche der verkehrsbedingten
Treibhausgasemissionen wie der Schiffs- und Flugverkehr spielen
praktisch keine Rolle. Der Straßenverkehr und dessen
EU-weites Wachstum wird als eine Art Naturgesetz hingenommen. Wobei
dies mit Blick auf die weltweite Automobilität grotesk ist:
Rund 80 Prozent der weltweiten Pkw-Flotte konzentriert sich auf die
Regionen Nordamerika, Japan, Australien und Europa, in denen nur
rund ein Fünftel der Menschheit lebt. Würde diese in den
genannten Ländern praktizierte Automobilität
verallgemeinert, wäre der Klimakollaps eine Angelegenheit von
wenigen Jahren.
Die alte und neue Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht mit
Blick auf Kopenhagen zwar viel von einer »weltweiten
Verantwortung«, der verkehrspolitische Teil des
Koalitionsvertrags widerspricht allerdings diesem Postulat. Dort
wird ein Bauchladenprogramm zur Ausweitung aller möglichen,
die Umwelt, Menschen und das Klima schädigenden Verkehrsarten
präsentiert. Es soll z. B. eine »maßvolle
Erhöhung der Lkw-Größen und -gewichte« geben
– was bedeutet, daß man sich trotz mancher Dementis in
Richtung des »Gigaliners«, des 60-Tonnen-Lkw, bewegen
will. Darüber hinaus ist die Rede von der »notwendigen
Fahrrinnenanpassung« bei den Häfen – was bedeutet,
daß u. a. die Elbe-Fließgeschwindigkeit erhöht und
damit die Dämme und Deiche u. a. in Niedersachsen
gefährdet werden.
Im Koalitionsvertrag ist von »urbaner Mobilität«
die Rede. Doch damit sind immer motorisierte Verkehrsformen
gemeint. Nichtmotorisierter Verkehr – zu Fuß gehen und
Radfahren – tauchen schlicht nicht auf. Verkehrsminister
Peter Ramsauer (CSU) sollte einen Blick auf die Seiten 220 ff. der
von seinem Ministerium herausgegebenen Schrift »Verkehr in
Zahlen« werfen. Dort wird festgehalten, daß 31,6
Prozent aller Wege, die hierzulande ein Mensch im Jahr
zurücklegt, also knapp ein Drittel des
»Verkehrsaufkommens« – zu Fuß oder mit dem
Fahrrad zurückgelegt werden. Sogar bei den zurückgelegten
Kilometern, der »Verkehrsleistung«, werden immer noch
sechs Prozent oder 800 Kilometer mit dem Rad oder zu Fuß
zurückgelegt.
Doch diese Art real existierender Verkehr sind für die
Regierung »Soda-Verkehr«, also Verkehr, der einfach so
da ist und um den ein Herr Ramsauer oder eine Frau Merkel sich
anscheinend nicht zu kümmern brauchen. Diese Mißachtung
hat handfeste Folgen: Durch die fortgesetzte Ignorierung dieser
Verkehrsarten und die einseitige Ausrichtung auf den Straßen-
und Luftverkehr werden diese wirklich urbanen, klima- und
umweltfreundlichen Verkehre immer weiter eingeengt, bedrängt
und gefährdet.
Nun gilt das Bundesverkehrsministerium seit Jahrzehnten als eine
Trutzburg der Straßenbau- und Autolobby. Nicht zufällig
agiert der ehemalige CDU-Verkehrsminister Matthias Wissmann (CDU)
seit 2007 als Präsident des Verbandes der Autoindustrie (VDA).
Die auf Wissmann in den letzten zehn Jahren folgenden
Verkehrsminister Franz Müntefering, Reinhard Klimmt, Kurt
Bodewig, Manfred Stolpe und Wolfgang Tiefensee (alle SPD)
engagierten sich ebenfalls überwiegend für die
Straße und – mit der Bahnprivatisierung – gegen
die Schiene. Doch im Fall des neuen Verkehrsministers scheint es in
dieser Hinsicht nochmals eine Steigerung zu geben. Die Frankfurter
Allgemeine Zeitung überschrieb ihr Ramsauer-Porträt vom
28. Oktober 2009 schlicht mit »Der Mann der
Straße«.
Generell wird in den Medien die Entscheidung für Ramsauer als
Bundesverkehrsminister so interpretiert, daß die
»schwarz-gelbe« Bundesregierung den Straßenbau
massiv vorantreiben werde. Ergänzend gibt es ein
mächtiges Rumoren bei der westlich geprägten Autolobby,
wonach man nach einem zwei Jahrzehnte währenden Ausbau des
Straßennetzes im Ostens im Westteil von »Deutschland
einig Autoland« Nachholbedarf habe. Hier bahnt sich ein
Bündnis zwischen dem designierten baden-württembergischen
Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) und Ramsauer an
– und damit eine Straßenallianz zwischen den reichen
südlichen Bundesländern Bayern und
Baden-Württemberg. Mappus erklärte in der
Süddeutschen Zeitung vom 30. Oktober 2009 unverhohlen:
»Wir brauchen jetzt ein Straßenbauprogramm West«.
In das gleiche Horn stieß Ramsauer in einem Interview, das er
gewissermaßen als programmatischen Beitrag zum 20. Jahrestag
des Mauerfalls der Welt am Sonntag gab (8.11.2009).
Pro Straße und gegen die Schiene
Rufen wir uns ins Gedächtnis: 1980 gab es auf dem Gebiet der
beiden deutschen Staaten ein Autobahnnetz mit 9225 Kilometer; 2007
waren es 12600. Die Steigerung beträgt 37 Prozent. Seit 1990
wurde das Straßennetz (»Straßen des
überörtlichen Verkehrs«) im vereinten
Deutschland von 225000 auf 232000 Kilometer ausgebaut. Das ist eine
Steigerung um gut drei Prozent. Dabei sind Qualität und
Ausbaustandards zu berücksichtigen. So wurden insbesondere in
den neuen Bundesländern bestehende Fernstraßen, die sich
in einem schlechten Zustand befanden, zu effizienten
Bundesstraßen ausgebaut. Häufig wurden bestehende
Autobahnen um zwei weitere Fahrbahnen verbreitert.
Berücksichtigt man diese Ausbaustandards und nimmt die
»Durchlaßfähigkeit« des
Fernstraßennetzes als Maßstab, dann liegt der
tatsächliche Ausbau der Fernstraßenkapazität bei
rund 20 Prozent.
Doch wie sieht es im Vergleich dazu bei den Schienenwegen aus? 1990
hatte das vereinte Schienennetz von Bundesbahn und Reichsbahn eine
Länge von 41000 Kilometern. Bis 2008 wurden fast 8000 davon
oder knapp ein Fünftel der Netzlänge abgebaut (2007:
34000 km). Wenn auch beim Schienennetz die Ausbaustandards
berücksichtigt werden – es wurden Tausende Kilometer
Neben- und Ausweichgleise abgebaut, es wurden Zehntausende Weichen
aus dem Netz genommen – dann liegt der reale Abbau der
Schieneninfrastruktur nochmals deutlich höher.
Es sind nicht primär menschliche Bedürfnisse, die den
verkehrten Verkehr produzieren. Dafür sind in erster Linie die
Infrastrukturvorgaben verantwortlich. Gerade die
Bundesverkehrswegepläne (BVWP), die es in Westdeutschland seit
den 70er Jahre gibt, sind rigide Planwirtschaft: in Beton gegossene
Pläne zur Förderung derjenigen Verkehrsarten, die die
Umwelt und das Klima am stärksten belasten und die
Lebensqualität in den Städten und Siedlungen systematisch
abbauen.
Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP enthält
leidenschaftliche Liebeserklärungen an die Adresse der Auto-
und Flugzeuglobby. Die logische Ergänzung – eine Abfuhr
für den öffentlichen Verkehr im allgemeinen und den
Schienenverkehr im besonderen – findet sich dort aus
naheliegenden Gründen nicht explizit; Lippenbekenntnisse pro
Schiene machen sich seit der Klimadebatte ganz gut. Doch der
Koalitionsvertrag ist gespickt mit Hindernissen für den
öffentlichen Verkehrssektor respektive für den
Schienenverkehr.
Verallgemeinernd läßt sich sagen: Die
Verkehrsmarktordnung, die ohnehin seit Jahrzehnten den
Straßen- und Flugverkehr strukturell begünstigt, wird
verstärkt in diese unökologische und unsoziale Richtung
ausgeweitet. Straßen sollen, wie erwähnt, neu gebaut
beziehungsweise ausgebaut werden. Das soll verstärkt durch
eine Privatisierung des Straßenbaus – u. a. mit der
Stärkung der VIFG, der
Verkehrsinfrastruktur-Finanzierungsgesellschaft, und in Form von
ÖPP (öffentlich-privaten-Straßenbauprojekten)
erfolgen. Bei den »externen Kosten des Verkehrs«
– die vor allem im Straßen- und Flugverkehr anfallen
– sollen zukünftig ausgerechnet die »Unfallkosten
unberücksichtigt« bleiben. Dabei ist die Gefahr, im
Straßenverkehr getötet zu werden, im Vergleich zum
schienengebundenen Verkehr mindestens zehnmal größer,
die Gefahr, im Kfz-Verkehr verletzt zu werden, rund 30mal
größer als im Schienenverkehr.
Die »schwarz-gelben« Koalitionäre wollen die
»Biokraftstoffe« weiter fördern – also den
Anbau von Lebensmitteln und deren Verwandlung in Agrosprit für
Kfz vorantreiben anstelle des Anbaus von Lebensmitteln zum Stillen
des weltweiten Hungers. Die Koalition lehnt ein »allgemeines
Tempolimit auf Autobahnen ab«. Sie verteidigt damit den
grotesken Sonderweg Westdeutschlands bzw. der Bundesrepublik
Deutschlands als dem einzigen Land mit einer hohen Pkw-Dichte, das
auf größeren Strecken ihres Autobahnnetzes eine nach
oben offene Raserskala – übrigens auch für
Transporter! – kennt. Schließlich sollen geltende
Regelungen für Nachtflugverbote gelockert werden. Es reicht
also nicht aus, daß sich heute bereits sieben Prozent der
bundesdeutschen Bevölkerung – das sind 6,5 Millionen
Menschen – »durch Fluglärm extrem
belästigt« fühlen.
Busfernlinien – Angriff auf Bahn
Raserland BRD: Immer mehr Autobahnen – und immer noch keine Geschwindigkeitsbegrenzung (9.4.2008)
Foto: AP
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Besonders prekär stellt sich die Situation für den
Schienenverkehr dar. Mit den verkehrspolitischen Vorgaben im
Grundlagenvertrag von CDU/CSU und FDP kommt es –
ergänzend zur beschriebenen Förderung des Auto- und
Flugverkehrs – zu einem Zangenangriff auf den Schienenverkehr
durch die beabsichtigte Zulassung von Busfernlinien und die
Bahnprivatisierung.
Die eine Flanke des Zangenangriffs: Das Projekt »Zulassung
der Busfernlinien« wurde bisher in der Öffentlichkeit
kaum debattiert. Im Koalitionsvertrag findet sich dazu nur der
knappe Satz: »Wir werden Busfernlinienverkehr zulassen und
dazu Paragraph 13 PBefG ändern.« Der angeführte
Paragraph des Personenbeförderungsgesetzes lautet: »Beim
(...) Linienverkehr mit Kraftfahrzeugen ist die Genehmigung zu
versagen, wenn (...) durch den beantragten Verkehr die
öffentlichen Verkehrsinteressen beeinträchtigt werden,
insbesondere a) der Verkehr mit den vorhandenen Verkehrsmitteln
befriedigend bedient werden kann, b) der beantragte Verkehr ohne
eine wesentliche Verbesserung der Verkehrsbedienung
Verkehrsaufgaben übernehmen soll, die (...) Eisenbahnen
bereits wahrnehmen.«
Es handelt sich um eine vor Schmutz- und Dumpingkonkurrenz
schützende Regelung, wie sie in anderen Bereichen des
Verkehrssektors durchaus üblich ist – siehe die
Regelungen bei den Zulassungen von Taxen oder im öffentlichen
Personennahverkehr (was beides auch im PBefG geregelt wird). Klar
ist: Ein flächendeckender Buslinienfernverkehr wird bei der
gegebenen Verkehrsmarktordnung so preiswert angeboten werden
können, daß der Schienenverkehr demgegenüber auf
den meisten Verbindungen chancenlos sein wird. Busse zahlen so gut
wie keinen Beitrag zur Finanzierung der
Straßenverkehrsinfrastruktur.
Mit der Zulassung eines Buslinienfernverkehrs wird mittelfristig
die Schiene als Gesamtsystem in Frage gestellt. Das ist keine
abstrakte Debatte. Das waren konkret die Erfahrungen in den USA, wo
seit den 30er Jahren der Schienenpersonenfernverkehr zunächst
vor allem durch den Buslinienfernverkehr der
»Greyhound«-Busse zerstört wurde. Das sind die
Erfahrungen in Argentinien und Mexiko, wo in den letzten zwei
Jahrzehnten das nationale Schienennetz durch Privatisierungen und
einen Busfernlinienverkehr fast komplett zerstört wurde.
Ähnliche Erfahrungen können aktuell in
Großbritannien beobachtet werden, wo sich Busfernverkehr und
privatisierte Eisenbahngesellschaften – ergänzt um
Billigflüge – einen Dumpingwettbewerb liefern, was zu
Lasten der gesamten Qualität des öffentlichen Verkehrs,
des Fahrkomforts und der Sicherheit geht.
Dabei kommt es im übrigen – siehe das Beispiel USA mit
der späteren Greyhound-Pleite – keineswegs zu einem
Ersatz von Schienenverkehr durch Busse. In der
Verkehrsrealität stellen die Busse ein Zwischenstadium dar;
sie dienen als »Brücke« hin zur weiteren
Ausweitung des individuellen Pkw-Verkehrs, des Lkw-Verkehrs und vor
allem des intraregionalen (Binnen-EU-) Flugverkehrs.
Grundgesetz in Frage gestellt
Der zweite Flanke des Zangenangriffs ist die beabsichtigte
Bahnprivatisierung. Dazu heißt es im Koalitionsvertrag:
»Sobald der Kapitalmarkt es zuläßt, werden wir die
schrittweise, ertragsoptimierte Privatisierung der Transport- und
Logistiksparten« der Deutschen Bahn AG
»einleiten«.
Die Debatte über die Bahnprivatisierung und der Kampf gegen
dieselbe wurde bekanntlich über die gesamte vorausgegangene
Legislaturperiode hinweg geführt. Das damals ursprünglich
propagierte Bahnprivatisierungsmodell war die Teilprivatisierung
eines »integrierten« Unternehmens. Als das mit dem
SPD-Parteitag im Oktober 2007 scheiterte, wurde die Privatisierung
der Transportsparten vorbereitet und zugleich die Beruhigungspille
verabreicht, die Infrastruktur – Schienennetz und
Bahnhöfe – bliebe in öffentlichem Eigentum.
Für dieses Modell der Bahnprivatisierung wurde im
Frühjahr 2008 unter dem Dach der Holding Deutsche Bahn AG die
Subholding »DB ML – Mobility & Logistics«
geschaffen. In der DB ML sind der Personennah- und -fernverkehr,
der Schienengüterverkehr und das weltweite
Logistikgeschäft zusammengefaßt. Vorgesehen war
zunächst der Verkauf von 24,9 Prozent der DB ML an private
Investoren. Das Projekt scheiterte erstens aufgrund des anhaltenden
Widerstands, getragen vor allem durch das Bündnis »Bahn
für Alle«, an dem sich u.a. ATTAC, BUND, ver.di und die
IG Metall beteiligen, zweitens wegen der seit Juli 2008
bekanntgewordenen Sicherheitsprobleme mit den ICE-Achsen und
schließlich drittens als Resultat der weltweiten
Finanzkrise.
Allerdings wurde im Bundestag Ende Mai 2008 mit den Stimmen von
CDU/CSU und SPD eine Art Vorratsbeschluß gefaßt, wonach
die Bundesregierung faktisch eine solche Teilprivatisierung
eigenständig, ohne neue Befassung im Parlament,
beschließen kann. Vieles spricht dafür, daß sie
einen solchen Beschluß in Form eines Überraschungscoups
zum Beispiel vor einer Weihnachts-, Oster- oder Sommerpause fassen
wird. Dabei ist diese spezifische Form der Bahnprivatisierung an
drei zentralen Punkten zu kritisieren.
Erstens: Es geht auch bei diesem Privatisierungsmodell um den
Ausverkauf eines gesellschaftlichen Vermögens, das in 175
Jahren Bahngeschichte geschaffen wurde. Die Bundesregierung wird
einmalige Einnahmen in Höhe von fünf oder zehn Milliarden
Euro verbuchen für Transportgesellschaften, die aus
volkswirtschaftlicher Sicht einen vielfach größeren Wert
haben. Gleichzeitig wird die öffentliche Hand dann in Zukunft
privatisierte Schienenunternehmen subventionieren müssen
– u. a. verdeckt durch zu niedrige Trassenpreise für die
Nutzung des staatlichen Schienennetzes. Aktuell fließen
bereits jährlich rund zwölf bis 14 Milliarden Euro an
Steuergeldern in das Schienensystem – also pro Jahr mehr, als
einmalig an »Gewinn« mit einer Teilprivatisierung
erzielt werden könnte.
Zweitens: Die Bahnprivatisierung soll mit der Trennung von Netz und
Betrieb in einer Form erfolgen, die nirgendwo auf der Welt
funktioniert bzw. deren Nichtfunktionieren in Großbritannien
– mit den seit 1996 privatisierten Transportgesellschaften
und mit dem seit 2001 staatlichen Netz – studiert werden
kann. Eine solche Trennung kann anders als bei Wasserwegen und
Straßen aus Systemgründen nie befriedigend realisiert
werden. Oder in den Worten des aktuellen Bahnchefs Rüdiger
Grube, der bei diesem Thema zutreffend argumentiert: »Das
Verkehrsmittel Bahn ist so komplex wie kein anderes. Wenn jeder
sich isoliert optimiert, schwinden die Synergien. Das Zusammenspiel
von Netz und Betrieb ist essentiell für die Sicherheit –
und für den Erfolg der ganzen Bahn« (Frankfurter
Allgemeine Zeitung vom 7.11.2009).
Drittens: Alle Schubladenpläne zu den unterschiedlichen
Bahnprivatisierungsmodellen gehen davon aus, daß eine
privatisierte Bahn mit einer weiteren Schrumpfung des Netzes, mit
nochmals deutlich höheren Bahnpreisen und mit deutlichen
Abstrichen am Fahrkomfort verbunden sein wird. Dies dokumentiert
auch die Praxis unterschiedlicher Bahnprivatisierungen. Der
Rückzug der Bahn aus weniger dichtbesiedelten Regionen –
und damit aus einem großen Teil der neuen Bundesländer
– wird sich beschleunigen. Wie eine Punktlandung wurde just
eine solche Perspektive wenige Wochen nach der Bundestagswahl
wissenschaftlich verbrämt präsentiert – in einer
neuen, im Oktober 2009 vorgestellten Studie des Innovationszentrums
für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ)
– eine Einrichtung, die über das Wissenschaftszentrum
Berlin (WZB) vom Bund wesentlich mitgetragen wird:
Ȇberalterung und Wanderungsdynamik der
Bevölkerung« – gemeint vor allem von Ost nach West
– »zwingen nunmehr dazu, das bisherige Modell der
Infrastrukturpolitik vom Grundsatz her zu verändern. Der
Anspruch auf die Herstellung ›gleichwertiger
Lebensverhältnisse‹ (Artikel 72, 2 Grundgesetz) ist
angesichts der hohen Binnenwanderungen und der künftig
drastisch zunehmenden finanziellen Belastungen der
öffentlichen Haushalte nicht mehr durch flächendeckenden
Infrastrukturausbau zu rechtfertigen. Bei einer Fortsetzung des
bestehenden Verteilungsschlüssels können weder die
Bedürfnisse in den Wachstumsgebieten« – sprich:
z.B. in Ramsauers Bayern oder in Mappes Baden-Württemberg
– »erfüllt werden, noch lassen sich in den
entstandenen bzw. noch entstehenden Überkapazitäten (!)
die in stagnierenden oder schrumpfenden Räumen notwendigen
Anpassungen bewerkstelligen.«
Vorbilder Schweiz und Österreich
Zur Umsetzung einer solchen, die Verfassung offen verletzenden
Infrastrukturpolitik ist das Projekt Bahnprivatisierung ideal. Hier
läßt sich dann erneut argumentieren, es seien die
Kriterien des »neutralen Marktes«, die zum Rückzug
der Bahn aus der Fläche im allgemeinen und aus dem Osten im
besonderen führten. Dabei gibt es kaum ein anderes Projekt,
das die Mehrheit der Bevölkerung derart eindeutig ablehnt: In
einer Emnid-Umfrage vom Oktober 2008 plädierten 78 Prozent der
Bevölkerung für eine Bahn in öffentlichem Eigentum.
Dabei wurde explizit auch nach einer möglichen
Teilprivatisierung gefragt – was mit einer ähnlich
großen Mehrheit abgelehnt wurde.
Der Verkehrshaushalt ist derjenige Etat mit dem höchsten
Investitionsanteil. Natürlich verkauft die Bundesregierung ihr
verkehrspolitisches Programm als Beitrag zur Schaffung und
Erhaltung von Arbeitsplätzen. Tatsächlich läßt
sich belegen, daß Investitionen zur Förderung derjenigen
Verkehrsarten, die die Umwelt und das Klima am meisten
schädigen, zugleich Investitionen sind, die im Vergleich zur
Förderung des nicht motorisierten Verkehrs und des
öffentlichen Verkehrs je Einheit des eingesetzten Kapitals
deutlich weniger Arbeitsplätze schaffen bzw. erhalten.
Vor wenigen Wochen legte die »Allianz pro Schiene« eine
neue Studie vor, die den Rückstand Deutschlands bei den
Investitionen in die Schiene dokumentierte. Danach werden in der
Schweiz pro Kopf und Jahr 284 Euro, in Österreich 205 Euro und
in Deutschland gerade einmal 110 Euro in die Schieneninfrastruktur
investiert. In diesem Zusammenhang wurde die österreichische
Infrastrukturministerin Doris Bures mit den Worten zitiert:
»Wir setzen ganz deutliche Akzente beim Ausbau des
öffentlichen und umweltfreundlichen Verkehrs und zählen
damit mit unseren Anstrengungen zur Verlagerung von
Güterverkehr auf die Schiene zu den führenden Nationen in
Europa. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.
(...) Es handelt sich vor allem auch um gut investiertes Geld. Denn
damit sichern wir heute Arbeitsplätze und legen die Grundlage
für (...) die Arbeitsplätze von morgen.«
- Sabine Leidig war bis Sommer 2009 Geschäftsführerin
von ATTAC und ist seit Oktober 2009 Bundestagsabgeordnete und neue
verkehrspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Partei Die
Linke
- Winfried Wolf ist aktiv im Bündnis »Bahn für
Alle« und wissenschaftlicher Mitarbeiter im MdB-Büro von
Sabine Leidig
- Winfried Wolf stellt sein Buch »Sieben Krisen– ein
Crash« in der jW-Ladengalerie vor: 15. Dezember 2009, 19 Uhr,
Torstraße 6, 10119 Berlin