Mathematik und Literatur gehen nicht zusammen. Die Literatur kennt
keine Formeln, wie etwa eine Erzählung aufzugehen hätte,
nur ungefähre Rechnungen, an die man sich halten sollte. Das
Ergebnis ist dann nicht unbedingt richtig, mit ein wenig Glück
aber wenigstens ganz gut.
Alfred Schreiber gelingt das Kunststück, doch beides unter
einen Hut zu bringen, wenn auch nicht im oben angedeuteten Sinne
einer Lösung, wie etwas zu verfassen wäre. Indem er
Gedichte nach mathematischen Bewandtnissen absucht, diese
literatur- und ideengeschichtlich beleuchtet und nicht zuletzt mit
seinen fachlichen Kenntnissen als Mathematiker kommentiert, bringt
er beides zusammen. Das darf man ruhigen Gewissens als Marotte
bezeichnen, eine im besten Sinne. In ihr erweist sich Schreiber als
ausgesprochene Koryphäe. Von Menschen seiner Art können
die Künste gar nicht genug haben, denn nichts ist geeigneter,
den Blick zu schärfen, als der Blick aus einer ganz anderen,
völlig unerwarteten Perspektive. »Die Leier des
Pythagoras« ist wie ein Biotop, in dem jedes Gedicht mit
Mathematik gedüngt auf ganz neue Art zur Geltung kommt. So
gelingt eine außergewöhnliche Fundgrube für
Literaturliebhaber genauso wie für mathematisch Interessierte,
da kommt sich nichts in die Quere, ganz im Gegenteil: Beide noch so
widersprüchlich anmutenden Gebiete gewinnen voneinander. Die
Mathematik wird da poetisch und die Poesie – die Poesie ist
seit jeher allem gegenüber offen, auch dem
Widersprüchlichsten.
Mein eigener unwichtiger Beitrag in dieser Sammlung (Foto) war
ursprünglich bloß eine Schreibspielerei mit den
Möglichkeiten der seinerzeit neu erworbenen
Diskettenschreibmaschine. Ein technisches Zwischending, das nur
ganz kurz unser Zeitalter besucht hat, so daß die meisten
Menschen so einen Apparat niemals auch nur gesehen haben. Den Text
habe ich bald darauf in den Müll geworfen. Zu meiner
Überraschung erwies sich das als Bumerangeffekt. Etwa zehn
Jahre später erhielt ich einen Korrekturbogen vom
Reclam-Verlag, mit der Bitte um Abdruckgenehmigung. Keine Ahnung,
unter welchen Umständen der Text in wessen Schublade
überlebt hat, keine Erinnerung daran, ihn überhaupt
weitergereicht zu haben, geschweige denn aus welchen Gründen.
Gut fand ich das Ding nie. Aber seitdem hat es überlebt in
doppeltem Sinne, denn Schreiber wurde erst durch eben diese
Veröffentlichung bei Reclam darauf aufmerksam.
Als Autor und Künstler lebt man mit dem ewigen Problem,
daß andere einen nie so recht verstehen wollen. Die
gelungensten Arbeiten nehmen sie kaum wahr, was man selbst für
nebensächlich erachtet oder ganz und gar unwichtig findet,
genau das schätzen sie ganz besonders. Ich habe dem eine
praktische Erkenntnis abgewonnen, so daß ich diese
Besprechung mit folgendem Aufruf an alle Autoren, Dichter,
Literaten und Schriftsteller, insbesondere die selbsternannten und
verkannten, schließen möchte: Werft eure Gedichte weg!
Davon werden sie zwar auch nicht besser, aber gedruckt, mit ein
wenig Glück.
Alfred Schreiber (Hrsg.): Die Leier des Pythagoras - Gedichte
aus mathematischen Gründen. Verlag Vieweg + Teubner, Wiesbaden
2009, 244 Seiten, 19,90 Euro