17.11.2009 / Schwerpunkt / Seite 3Inhalt

Studenten im Ausstand

Von Österreich inspiriert: Im Vorfeld des heutigen Bildungsstreiks wurden bundesweit Universitäten besetzt. Kritik am »Bologna-Prozeß«

Von Wladek Flakin
Protest an der Ludwig-Maximilian-Universität in
Münche
Protest an der Ludwig-Maximilian-Universität in München
Es kommt eher selten vor, daß grenzüberschreitende Protestbewegungen ihren Ursprung in Österreich nehmen. Doch es waren Studierende der Universität Wien, die mit einer Audimax-Besetzung am 22. Oktober den Startschuß gaben. In den folgenden drei Wochen wurden mehr als ein halbes Dutzend Universitäten in Österreich und mehr als zwei Dutzend in Deutschland besetzt.

Ähnlich wie beim Bildungsstreik im Juni, als mehr als eine Viertelmillion Menschen auf die Straße gingen, zeigen Politiker viel Verständnis – und verweisen darauf, daß sie nicht zuständig sind. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) etwa forderte ihre Kollegen in den Ländern zu »klaren Signalen« auf, daß es bei den Studienreformen der letzten Jahre »Korrekturen« geben werde.

Schavan sprach sich in der vergangenen Woche für eine »Entschlackung« der Studiengänge aus und sagte damit wohl mehr aus, als sie wollte: Bei den allermeisten Entschlackungsverfahren ist ein medizinischer Vorteil klinisch nicht nachweisbar, weshalb diese Praxis sogenannten Alternativmedizinern vorbehalten bleibt. Auf die Bildungspolitik übertragen heißt das vermutlich, daß es viele Worte und wohlriechenden Rauch, aber keine konkrete Änderungen geben wird.

Die meisten Studierenden fordern indes weit mehr als »Korrekturen« beim Bologna-Prozeß, der vor zehn Jahren ins Leben gerufen wurde, um die europäischen Hochschulen zu vereinheitlichen. »Die schwarz-gelbe Hochschulpolitik unter der Führung von Annette Schavan steht den Forderungen der Studierenden grundsätzlich entgegen«, stellt Friederike Benda vom Linkspartei-Studierendenverband Linke.SDS klar. Während Studierende eine soziale Öffnung der Unis u.a. durch eine deutliche Erhöhung des BAföGs fordern, setzt Schavan auf mehr Stipendien, die in der Regel Menschen aus reicheren Familien zugute kommen.

»Die neue Bundesregierung schreibt wörtlich in ihrem Koalitionsvertrag, daß die Bologna-Ziele zu größten Teilen erreicht seien«, meint Michael Schäfer von der Uni Potsdam. »Doch die Mobilität ist nicht gegeben, wenn bereits andere Modulnamen die Anrechenbarkeit an anderen Hochschulen erschweren.« Eigentlich sollte der Austausch innerhalb Europas vereinfacht werden, aber wegen des gestiegenen Leistungsdrucks geht die Zahl der Studierenden, die an Auslandssemestern teilnehmen, kontinuierlich zurück.

Hier setzt auch die Besetzungsbewegung an. In stundenlangen, bisweilen mehrtägigen Diskussionen wurden ausführliche Forderungskataloge erarbeitet. Die meisten Punkte beziehen sich direkt oder indirekt auf den Bologna-Prozeß: Studienverlaufspläne, die kaum Zeit für ein Sozialleben lassen, ein Studium, das kaum noch Auswahlmöglichkeiten kennt, und die Anwesenheitspflicht mit Teilnehmerlisten, die stark an die Schule erinnern.

Von den rund 28 Besetzungen bundesweit sind bisher fünf durch die Polizei beendet worden: am Freitag in den frühen Morgenstunden wurde die Uni in Bielefeld geräumt. Am gleichen Abend kamen Studierende in Duisburg und Essen einer Räumung durch den Abbruch ihrer Aktionen zuvor. Andere Rektoren hingegen, z.B. an der Uni Potsdam oder der FU Berlin, zeigen sich sehr gesprächsbereit und diskutieren stundenlang mit ihren Studierenden.

Der Alltag der Besetzungen kann ziemlich anstrengend sein. »Es ist nicht leicht, hier in einem Schlafsack zu pennen, wenn Leute bis 2 Uhr singen und die Reiniger ab 5 Uhr die Staubsauger anmachen«, beschreibt Christian Fischer seine ersten 24 Stunden an der FU Berlin. Doch die müden Aktivisten malen Transparente, entfernen Werbung aus den Fluren und bilden Arbeitsgruppen zu allen möglichen Themen – und das, während die meisten von ihnen noch Lehrveranstaltungen besuchen. Denn die meisten Aktionen stören keineswegs den Lehrbetrieb.

Bundesweit bilden die heutigen Demonstrationen bundesweit bilden einen ersten Höhepunkt der Aktionen, bei denen neben den Studierenden auch Schüler und Vertreter von Gewerkschaften teilnehmen werden. Ob die Besetzungen danach weitergehen, ist ungewiß. Der Kampf um eine bessere Bildung wird in jedem Fall fortgeführt. Nächster Höhepunkt ist die Blockade der Kultusministerkonferenz in Bonn am 10. Dezember.

www.bildungsstreik.net

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