Protest an der Ludwig-Maximilian-Universität in München
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Es kommt eher selten vor, daß grenzüberschreitende
Protestbewegungen ihren Ursprung in Österreich nehmen. Doch es
waren Studierende der Universität Wien, die mit einer
Audimax-Besetzung am 22. Oktober den Startschuß gaben. In den
folgenden drei Wochen wurden mehr als ein halbes Dutzend
Universitäten in Österreich und mehr als zwei Dutzend in
Deutschland besetzt.
Ähnlich wie beim Bildungsstreik im Juni, als mehr als eine
Viertelmillion Menschen auf die Straße gingen, zeigen
Politiker viel Verständnis – und verweisen darauf,
daß sie nicht zuständig sind. Bundesbildungsministerin
Annette Schavan (CDU) etwa forderte ihre Kollegen in den
Ländern zu »klaren Signalen« auf, daß es bei
den Studienreformen der letzten Jahre »Korrekturen«
geben werde.
Schavan sprach sich in der vergangenen Woche für eine
»Entschlackung« der Studiengänge aus und sagte
damit wohl mehr aus, als sie wollte: Bei den allermeisten
Entschlackungsverfahren ist ein medizinischer Vorteil klinisch
nicht nachweisbar, weshalb diese Praxis sogenannten
Alternativmedizinern vorbehalten bleibt. Auf die Bildungspolitik
übertragen heißt das vermutlich, daß es viele
Worte und wohlriechenden Rauch, aber keine konkrete Änderungen
geben wird.
Die meisten Studierenden fordern indes weit mehr als
»Korrekturen« beim Bologna-Prozeß, der vor zehn
Jahren ins Leben gerufen wurde, um die europäischen
Hochschulen zu vereinheitlichen. »Die schwarz-gelbe
Hochschulpolitik unter der Führung von Annette Schavan steht
den Forderungen der Studierenden grundsätzlich
entgegen«, stellt Friederike Benda vom
Linkspartei-Studierendenverband Linke.SDS klar. Während
Studierende eine soziale Öffnung der Unis u.a. durch eine
deutliche Erhöhung des BAföGs fordern, setzt Schavan auf
mehr Stipendien, die in der Regel Menschen aus reicheren Familien
zugute kommen.
»Die neue Bundesregierung schreibt wörtlich in ihrem
Koalitionsvertrag, daß die Bologna-Ziele zu
größten Teilen erreicht seien«, meint Michael
Schäfer von der Uni Potsdam. »Doch die Mobilität
ist nicht gegeben, wenn bereits andere Modulnamen die
Anrechenbarkeit an anderen Hochschulen erschweren.«
Eigentlich sollte der Austausch innerhalb Europas vereinfacht
werden, aber wegen des gestiegenen Leistungsdrucks geht die Zahl
der Studierenden, die an Auslandssemestern teilnehmen,
kontinuierlich zurück.
Hier setzt auch die Besetzungsbewegung an. In stundenlangen,
bisweilen mehrtägigen Diskussionen wurden ausführliche
Forderungskataloge erarbeitet. Die meisten Punkte beziehen sich
direkt oder indirekt auf den Bologna-Prozeß:
Studienverlaufspläne, die kaum Zeit für ein Sozialleben
lassen, ein Studium, das kaum noch Auswahlmöglichkeiten kennt,
und die Anwesenheitspflicht mit Teilnehmerlisten, die stark an die
Schule erinnern.
Von den rund 28 Besetzungen bundesweit sind bisher fünf durch
die Polizei beendet worden: am Freitag in den frühen
Morgenstunden wurde die Uni in Bielefeld geräumt. Am gleichen
Abend kamen Studierende in Duisburg und Essen einer Räumung
durch den Abbruch ihrer Aktionen zuvor. Andere Rektoren hingegen,
z.B. an der Uni Potsdam oder der FU Berlin, zeigen sich sehr
gesprächsbereit und diskutieren stundenlang mit ihren
Studierenden.
Der Alltag der Besetzungen kann ziemlich anstrengend sein.
»Es ist nicht leicht, hier in einem Schlafsack zu pennen,
wenn Leute bis 2 Uhr singen und die Reiniger ab 5 Uhr die
Staubsauger anmachen«, beschreibt Christian Fischer seine
ersten 24 Stunden an der FU Berlin. Doch die müden Aktivisten
malen Transparente, entfernen Werbung aus den Fluren und bilden
Arbeitsgruppen zu allen möglichen Themen – und das,
während die meisten von ihnen noch Lehrveranstaltungen
besuchen. Denn die meisten Aktionen stören keineswegs den
Lehrbetrieb.
Bundesweit bilden die heutigen Demonstrationen bundesweit bilden
einen ersten Höhepunkt der Aktionen, bei denen neben den
Studierenden auch Schüler und Vertreter von Gewerkschaften
teilnehmen werden. Ob die Besetzungen danach weitergehen, ist
ungewiß. Der Kampf um eine bessere Bildung wird in jedem Fall
fortgeführt. Nächster Höhepunkt ist die Blockade der
Kultusministerkonferenz in Bonn am 10. Dezember.
www.bildungsstreik.net