17.11.2009 / Inland / Seite 4Inhalt

Konjunkturbremse Rente

Studie: Riester-Vorsorge belastet Beschäftigte und hemmt Wirtschaftswachstum. Umlagefinanzierte Sicherung gefordert

Von Frank Brunner und Sebastian Thalheim
Alt wie ein Baum: 2050 wird es prozentual mehr Rentner geben.
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Alt wie ein Baum: 2050 wird es prozentual mehr Rentner geben. Ihre Absicherung ist ungewiß
Die sogenannte Riester-Rente entpuppt sich nach Ansicht von Wirtschaftswissenschaftlern als Flop. Die Umstellung des Rentensystems führe nicht nur zur einseitigen Belastung der Beschäftigten, sondern bremse auch die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die am Montag vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung vorgestellt wurde. »Gesamtwirtschaftlich gesehen wäre es effizienter gewesen, die Stärken der gesetzlichen Rente zu erhalten und das Umlagesystem über weitere Steuertransfers zu unterstützen«, sagte IMK-Chef Gustav Horn in Berlin.

Mit der 2001 von der damaligen »rot-grünen« Bundesregierung eingeführten »Rentenreform« sollte auf die demografische Entwicklung in Deutschland reagiert werden. Derzeit leben knapp 82 Millionen Menschen in Deutschland. 2050 werden es nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes nur noch 69 Millionen sein. Gleichzeitig verschiebt sich die Bevölkerungsstruktur. Während heute etwa 50 Millionen Bundesbürger im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren sind, werden es 2050 etwa ein Viertel weniger sein. Gründe dafür sind die niedrige Geburtenrate und die steigende Lebenserwartung. Um den Beitrag zur Rentenversicherung bis 2030 dennoch auf 22 Prozent zu beschränken, wurden die Leistungen für Rentner von der Koalition aus SPD und Grünen begrenzt. Den finanziellen Verlust müssen die Beschäftigten durch eine privat finanzierte und staatlich geförderte Zusatzversicherung – die sogenannte Riesterrente – kompensieren. Soweit der Plan. Doch die Realität sieht laut IMK anders aus.

Die Einführung dieser kapitalgedeckten Alterssicherung fordere den privaten Haushalten, immerhin 13 Millionen Bürger »riestern« derzeit, eine höhere Sparleistung ab. Da sich die Unternehmer an den Kosten für die zusätzliche Vorsorge nicht zu beteiligen brauchen, müssen die Beschäftigten die entstehenden Lasten durch eigene Aufwendungen ausgleichen. 15 Prozent ihres Bruttoeinkommens müssen die Beschäftigte für ihre Altersvorsorge ausgeben – elf Prozent als Beitrag zur gesetzlichen Rente sowie vier Prozent für die private Vorsorge. Dadurch sei die Sparquote der privaten Haushalte zwischen 2002 und 2007 um knapp einen Prozentpunkt gestiegen. Ohne die Reform wäre die Belastung wesentlich geringer ausgefallen, erklärten die Wissenschaftler. Mit dem umlagefinanzierten System würde der Beitragssatz bis 2030 zwar auf 25 Prozent steigen, allerdings wäre der Anteil für die Mitarbeiter mit 12,5 Prozent geringer, da die kapitalgedeckte Sicherung wegfällt und sich die Firmen zur Hälfte an den Kosten beteiligen müßten. Die Folge dieser Entwicklung: Der Konsum schwächte sich um anderthalb Prozent ab. Davon sind auch die Unternehmen betroffen. Durch den Nachfrageverlust sei das Wirtschaftswachstum in den sechs untersuchten Jahren um etwa 0,8 Prozent geringer ausgefallen, errechneten die Autoren.

Doch die Forscher sehen noch ein weiteres Problem. Die Renditeerwartungen bei der Riester-Rente seien viel »zu hoch«, so Horn. Besonders mit Blick auf die aktuelle Kapitalmarktkrise sei es eine Illusion, daß eine kapitalgestützte Rente langfristig zu solch hohen Erlösen führe. Von der Regierung forderte der Leiter des IMK, daß Unternehmer und Beschäftigte zu gleichen Teilen in die gesetzliche Rente einzahlen.
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