Nein, nicht Gott war’s, wie jW gestern titelte, auch nicht
Papst Johannes Paul II. hat Grenzöffnung, Mauerfall und
DDR-Ende ermöglicht, sondern –
törööö – der Dalai Lama. »Just an
dem Tag«, wie er ausdrücklich betont, »an dem Egon
Krenz gestürzt wurde«, also am 6.12.1989, habe er in
Berlin eine Aussichtsplattform an der Mauer bestiegen: »Als
ich dort oben stand, dicht vor einem noch bemannten Wachturm,
reichte mir eine alte Frau eine rote Kerze. Bewegt zündete ich
sie an und hielt sie empor. Und während sich die Menschen um
mich herumscharten und meine Hände berührten, betete ich,
daß das Licht des Mitgefühls und des Bewußtseins
die Welt erfüllen und die Finsternis der Angst und
Unterdrückung vertreiben möge.« Zu gemeinsamem
Gebete traf der Dalai Lama anschließend die
DDR-»Oppositionellen« Ulrike Poppe, Bärbel Bohley
und Marianne Birthler. Auch mit Norbert Blüm und der damaligen
Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth wurde das DDR-Ende
herbeigebetet. Zudem stattete er vor 20 Jahren den Redaktionen von
Bild und taz einen Besuch ab – ob dabei gebetet wurde, ist
allerdings nicht überliefert.
Umso mehr verwundert, daß Seine Heiligkeit zur großen
Mauerfallshow am Montag abend in Berlin nicht eingeladen war.
Dieses Schicksal teilt er übrigens mit zahlreichen
Bundestagsabgeordneten. Laut Jörg van Essen (FDP) soll es
»großen Unmut« unter den Parlamentariern geben,
weil sie nicht zu den offiziellen Veranstaltungen eingeladen waren.
An einem solchen Tag hätte die Volksvertretung nicht
außen vor bleiben dürfen, barmte der FDP-Politiker in
der Passauer Neuen Presse. Allein, hätten die Abgeordneten
wirklich so viele gute Gründe vorzuweisen wie der Dalai Lama,
vor umgekippten Styroporelementen am Brandenburger Tor zu posieren?
Haben sie so fleißig gebetet?