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Wasser als Waffe

Neben Klimawandel bedroht vor allem Türkei die Versorgung Syriens mit lebensnotwendiger Ressource. Zehn Jahre Krieg tun ein übriges

Westliche Medien und internationale Organisationen wie die UNO schlagen Alarm. Eine »Rekorddürre« bedrohe »Millionen Menschen« im Nordosten Syriens, titelte Anfang November der britische Independent. Einen »Wasserkrieg in der Wiege der Zivilisation« machte die britische Times aus und warnte, dass die »nächste syrische Tragödie« bevorstehe. Die Türkei setze »Wasser als Waffe« ein, schrieb das Internetportal Al-Monitor Mitte November und lieferte unter dem herzergreifenden Titel »Kamele weinen über ihre Jungen, die in der mörderischen Dürre von Syrien sterben« einen weiteren dramatischen Bericht.

Richtig ist, dass in Syrien wie im gesamten östlichen Mittelmeerraum das Wasser knapp ist. Regen- und Schneefall sind in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Flüsse, Seen, unterirdische Wasserläufe und -reservoirs, die Aquifere, werden nicht mehr so aufgefüllt wie noch vor wenigen Jahren. Die Erwärmung des Weltklimas trägt im Land zwischen Euphrat, Tigris und dem Mittelmeer deutlich zum Wassermangel bei. Doch für die Verwüstung der Region ist nicht nur der Klimawandel verantwortlich.

Aktuell hat die Türkei wieder den Hahn am Euphrat zugedreht. Ankara will die mehrheitlich kurdische »Autonome Administration von Nord- und Ostsyrien« (Rojava) entlang der Grenze zur Türkei treffen. Mit militärischen Invasionen und Angriffen operiert Ankara seit Jahren im Norden Syriens, mit dem Ziel, die Kurden zurückzudrängen und dort eine Pufferzone durchzusetzen. Dafür unterstützt und finanziert sie dschihadistische Milizen, die in zehn Jahren Krieg an verschiedenen anderen Fronten gegen die syrische Regierung gescheitert sind. Der Krieg hat die Wasserversorgung und die dafür notwendige Infrastruktur entlang des Euphrats schwer beschädigt. Mit der aktuellen absichtlichen Drosselung der Wasserdurchlaufmenge schadet die Türkei der gesamten Region.

Der Euphrat versorgt in Syrien vor allem Aleppo und die Provinzen Rakka, Hasaka und Deir Al-Sor im Nordosten mit Wasser und Elektrizität. Die Weizen- und Baumwollfelder in Hasaka und im Euphrattal werden durch ein weitverzweigtes System – Kanäle und Reservoirs – bewässert. Seit Monaten aber sinkt der Wasserstand im Euphrat und im größten Wasserreservoir, dem Assad-Stausee. Damit verringert sich auch die Energieleistung des dortigen Tabka-Staudamms. Die Dschasira – die Insel –, wie das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris im Nordosten Syriens auch genannt wird, verliert immer mehr Wasser.

Hinzu kommt, dass die Türkei und die mit ihr verbündeten Dschihadisten seit 2019 im Norden der Provinzhauptstadt Hasaka die Wasserpumpstation Aluk kontrollieren. Angetrieben vom Wasser des Khabur, einem in der Türkei entspringenden Zufluss des Euphrats, konnte Aluk rund eine Million Menschen in Hasaka und Umland mit Frischwasser versorgen. Seit der türkischen Einnahme wird die Station nur noch selten in Betrieb genommen.

Die Wassernot führt zu einer Überlastung der unterirdischen Wasservorkommen und Brunnen, die in den vergangenen Jahren so häufig neu gebohrt und angepumpt wurden, dass das Wasser durch den Zulauf von Abwasser versalzt und unsauber ist. Zudem fehlt es an Diesel, um die Pumpen zu betreiben. Wer Geld hat, kauft teures Trinkwasser dazu. Wer kein Geld hat, nutzt weiterhin das verschmutzte Wasser, was Natur, Mensch und Tier gleichermaßen schädigt: Durchfallerkrankungen bei Kindern und Hautausschläge nehmen dramatisch zu.

Die Verschmutzung des Wassers hängt auch mit der Zerstörung und unsachgemäßen wilden Ausbeutung der syrischen Ölressourcen seit 2012 zusammen. Schweröl wird ungeschützt ins Erdreich abgeführt, es erreicht das Grundwasser und damit die Nahrungskette. Das führt zu einer großen Zahl von Krebserkrankungen und – bei Mensch und Tier – zu Fehl- und Totgeburten. Nomaden, die im syrisch-irakischen Wüstengebiet von Hasaka und Deir Al-Sor von der Zucht von Kamelen und Schafen leben, ziehen normalerweise mit ihren Tieren von Norden nach Süden und umgekehrt, um dort Futter für das Vieh zu finden, wo die Weiden – je nach Jahreszeit – grün sind. Nun sind die Tiere zu schwach oder zu krank für die langen Wanderungen.

Die Fehlgeburten der Tiere und vor allem die große Zahl an Krebserkrankungen der Menschen können auch einen anderen Grund haben: Ende 2015 setzte die US-Luftwaffe im Nordosten Syriens die sogenannte DU-Munition ein. Diese giftige Munition aus abgereichertem Uran (DU steht für Depleted Uranium) verursacht Krebserkrankungen, Fehlgeburten und schwere Fehlbildungen bei Neugeborenen. Die sichtbaren Folgen von DU-Munition treten meist erst fünf bis sieben Jahre nach deren Einsatz auf. Der DU-Einsatz im Nordosten Syriens war Ende 2015.

Der hohe Preis für Weizen hat neben dem Wassermangel auch mit der faktischen Teilung des Landes entlang des Euphrats zu tun. Der zentral organisierte Anbau, Ernte und Verarbeitung – die Syrern vor dem Krieg immer genügend Mehl und Brot garantierten – werden dadurch unterbunden. Die Hälfte der syrischen Weizensilos wurde im Krieg zerstört. Bedingt durch die Wirtschaftssanktionen von EU und USA, wird mit Weizen – wie mit Öl und Baumwolle – spekuliert, was den Preis in die Höhe treibt. Aus Hasaka, Rakka und Deir Al-Sor werden diese Rohstoffe in den Nordirak und in die Türkei verkauft.

Im Nordosten des Landes werden Dünger und Saatgut von internationalen Hilfsorganisationen verteilt. Das syrische Agrarministerium kann dort aktuell nicht agieren. Zudem kann Damaskus Dünger nicht auf dem Weltmarkt kaufen, weil er als Explosivstoff auf der Sanktionsliste von EU und USA steht.

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