09.12.2013, 17:57:47 / Weltfestspiele 2013

Persönliche Auswirkungen einer Blockade

Von Christian Selz, Quito
jorgejerez
Jorge Jeréz (zweiter von links) mit Genossen der kubanischen Delegation

Eigentlich waren es mehr Hintergründe zu wirtschaftspolitischen Aggressionen als emotionale Momente, die das Seminar „Blockaden, Embargos und Sanktionen“ am ersten Programmtag der Weltfestspiele am gestrigen Sonntag versprach. Rund eine Stunde referierte Professor Adalid Contreras von der Universidad Andina Simon Bolivar über die völkerrechtlichen Unterschiede zwischen den Instrumenten und den Auswirkungen, vor allem am Beispiel Kubas. Der Bolivianer, der seinen Lehrstuhl an der multinationalen Institution in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito hat, wies besonders auf die Einmischung der USA in die Handelsbeziehungen anderer Länder mit Kuba hin – die die offiziell als Embargo deklarierte Isolierung des sozialistischen Karibikstaates zur weitreichenden Blockade machen. Die hat selbstredend Auswirkungen auf den gesamten Kontinent. „Wenn ein Mitglied der Familie krank ist, sind alle besorgt“, veranschaulichte Contreras, „und das ist der Fall mit Kuba“.

Wie brutal die Realität einer Blockade auf menschlicher, individueller Ebene sein kann, wurde deutlich als sich der Kubaner Jorge Jeréz Belisario zu Wort meldete. Merklich still wurde es im Seminar-Zelt, als der 20jährige versuchte, selbst das Mikrofon zu halten, letztendlich aber doch die Unterstützung einer Genossin in Anspruch nehmen mußte. Jeréz, der in seiner Heimat im dritten Jahr Journalistik studiert, leidet seit seiner Geburt an spastischen Lähmungen, vor allem sein rechter Arm gehorcht ihm fast gar nicht. Um die Auswirkungen der chronischen Muskulaturspannungen zu behandeln, brauchten die Ärzte in Kuba Botox, das sie aufgrund der Blockade allerdings nur zu extrem hohen Preisen bekommen konnten. Nach einer anfänglichen Behandlung, konnten die Mediziner den Wirkstoff gar nicht mehr organisieren. Als einzige Alternative blieb eine Operation. Jeréz‘ rechter Arm ist heute fast vollständig immobilisiert, zur Begrüßung und Verabschiedung reicht er die linke Hand. Mühsam hat er, der eigentlich Rechtshänder ist, seitdem gelernt, mit links zu schreiben.

Doch davon erzählt er erst später im Gespräch mit jW. In seinem Redebeitrag ist das eigene Schicksal nur die Randnotiz zur Veranschaulichung einer seinem Land von den USA seit mehr als 50 Jahren aufgezwungenen Isolierung. „Nieder mit der Blockade“ und „Viva Cuba“ ruft Jeréz, bevor er sich wieder setzt. Seine Zuhörer reißt er damit aus der Schockstarre, hier und da sind auch ein paar Tränen geflossen, doch nun stimmen alle in die Rufe der kubanischen Delegation ein, die das „Viva Cuba“ machtvoll zurückschmettern. Auch Professor Contreras wirkt gerührt, vergißt aber nicht, darauf hinzuweisen, daß Kuba trotz der Blockade eines der besten Gesundheitssysteme der Welt hat.


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