18.09.2012, 09:20:00 / Venezuela wählt

Vier Männer, zwei Frauen: Die Kandidatinnen und Kandidaten

Von André Scheer
Hugo Chávez in Catia
Aussichtsreichster Kandidat ist Hugo Chávez (Wahlkampfveranstaltung am 17. September in Catia, Caracas)

Hugo Chávez Frías

ist seit dem 2. Februar 1999 Präsident Venezuelas und wurde bislang dreimal im Amt bestätigt: bei den Präsidentschaftswahlen 2000 und 2006 sowie bei dem von der Opposition erfolglos betriebenen Amtsenthebungsreferendum 2004.

Der 1954 in Sabaneta geborene ehemalige Militär hatte am 4. Februar 1992 gemeinsam mit der von ihm 1982 gegründeten »Revolutionären Bolivarischen Bewegung« (MBR-200) versucht, durch einen Aufstand den damaligen Staatschef Carlos Andrés Pérez zu stürzen. Das mißlang, und Chávez ging gemeinsam mit seinen Mitstreitern ins Gefängnis. 1994 wurde er vom neuen Staatschef Rafael Caldera begnadigt und kandidierte 1998 für das höchste politische Amt Venezuelas. Auf seine Initiative wurde noch 1999 eine neue Verfassung ausgearbeitet, mit der die Bolivarische Republik begründet wurde.

Bei der Präsidentschaftswahl 2012 wird Chávez vom »Großen Patriotischen Pol« unterstützt, einem Bündnis der von ihm selbst geführten Vereinten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV), der Kommunistischen Partei (PCV) und zahlreicher kleinerer Parteien, Organisationen und Bewegungen. In seinem Wahlprogramm kündigt Chávez  für die Amtszeit bis 2019 an, den Übergang zum Sozialismus unumkehrbar zu machen und die partizipative Demokratie zu radikalisieren. In der Übersicht werden eine »Demokratisierung der Produktionsmittel« – durchaus auch durch Vergesellschaftung – und eine »Förderung neuer Eigentumsformen im Dienste der Gesellschaft« sowie eine »Stärkung der zentralisierten Planung« verlangt: »Für den Zeitraum 2013 bis 2019 nehmen wir die Herausforderung an, die Bolivarische Revolution in ihrem Kern zu vertiefen: der sozialen Gerechtigkeit. Die Kontinuität der Revolution muß die Unumkehrbarkeit des Prozesses hinsichtlich der Fortschritte bei den Menschenrechten garantieren, durch Bedingungen, die eine Rückkehr der Armut unmöglich machen, die die Vertiefung des Kampfes gegen die sozialen Ungleichheiten bestimmen und es erlauben, mit der Befreiung des Volkes fortzufahren sowie durch die protagonistische Beteiligung des Volkes an den sozialen Missionen. Das Ziel des Aufbaus einer gerechten und gleichberechtigten Gesellschaft voranzutreiben bedeutet, dem Weg zum Sozialismus zu folgen.«

Das von Chávez proklamierte Wahlziel lautet, einen Anteil von etwa 70 Prozent bzw. zehn Millionen Stimmen zu erreichen. In den meisten Umfragen werden ihm derzeit zwischen knapp 50 und 57 Prozent der Stimmen prognostiziert.

Homepage: www.chavez.org.ve
Wahlprogramm (in spanischer Sprache): www.cne.gob.ve/divulgacion_presidencial_2012/programas/V4258228.pdf



Henrique Capriles Radonski

ist seit 2008 Gouverneur des Bundesstaates Miranda und Präsidentschaftskandidat der  Oppositionsparteien Venezuelas, die sich zum »Tisch der demokratischen Einheit« (MUD) zusammengeschlossen haben. Der 1972 geborene Rechtsanwalt gehörte zunächst der christdemokratischen COPEI an und ist heute aktiv in der Rechtspartei »Zuerst Gerechtigkeit« (PJ). Deren Gründung wurde einem Bericht des Fernsehsenders TeleSur zufolge im Jahr 2000 aus Mitteln des damals noch von Regierungsgegnern kontrollierten staatlichen Erdölkonzerns PDVSA finanziert. Aktiv unterstützt wird diese Partei unter anderem auch von der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung. Während des Putsches im April 2002, als der demokratisch gewählte Präsident Hugo Chávez kurzzeitig gestürzt wurde, war Capriles in der ersten Reihe an den Angriffen auf die kubanische Botschaft in Caracas beteiligt. Er erklärt heute , er habe damals schlichten wollen, was von den betroffenen Diplomaten jedoch bestritten wird.

Während Capriles in seinem Wahlprogramm lediglich von einer »Überprüfung« der Kooperation mit anderen Ländern spricht und erklärt, die sozialen Missionen aufrechterhalten und »verbessern« zu wollen, enthüllten frühere Mitstreiter des Kandidaten im August ein bislang geheimgehaltenes Wirtschaftsprogramm, das ihren Angaben nach eine Privatisierung des Erdölkonzerns PDVSA und die Zerschlagung der Missionen vorsehe. Politiker wie der Parlamentsabgeordnete William Ojeda – dessen Partei »Eine Neue Zeit« (UNT) ihn daraufhin sofort ausschloß – warnten, daß die Opposition für die Umsetzung ihrer tatsächlichen Absichten »einen Pinochet braucht«. Vier kleinere Oppositionsparteien zogen nach diesen Enthüllungen ihre Unterstützung für Capriles zurück.

In den meisten Umfragen liegt Capriles derzeit zwischen 30 und 35 Prozent der Stimmen, auch wenn ihm einige bislang kaum bekannte Institute Ergebnisse von bis zu 48 Prozent vorhersagen und ihn auf Augenhöhe mit oder sogar vor Chávez sehen.

Homepage: www.hayuncamino.com
Wahlprogramm (in spanischer Sprache): www.cne.gob.ve/divulgacion_presidencial_2012/programas/V9971631.pdf




Orlando Chirino

tritt für die trotzkistisch orientierte Partei »Sozialismus und Freiheit« (PSL) an. Der heute 63jährige, in Coro geborene Gewerkschafter war in jungen Jahren in der damaligen Bewegung der Revolutionären Linken (MIR) aktiv, bevor er die Sozialistische Arbeiterpartei (PST) gründete. In den ersten Jahren der Bolivarischen Revolution gehörte er zu den Unterstützern des Präsidenten Hugo Chávez und war Mitbegründer des linken Gewerkschaftsbundes UNETE. Inzwischen hat er sich jedoch mit dem Regierungslager überworfen und wirft Chávez vor, seit 2006 einen »Rechtsruck« vollzogen zu haben. Dessen Kurs sei weder sozialistisch noch antiimperialistisch, sondern liefere Venezuela den transnationalen Konzernen aus, erklärte der Kandidat. Sein Ziel ist eine »Alternative von links« zur Politik des Präsidenten Hugo Chávez, dem er vorwirft »für die Reichen« zu regieren.

In den Umfragen spielt er keine Rolle, erwartet wird ein Ergebnis von unter einem Prozent.

Homepage: www.laclase.info
Wahlprogramm (in spanischer Sprache): www.cne.gob.ve/divulgacion_presidencial_2012/programas/V3674643.pdf




María Josefina Bolívar

Die 1975 geborene und derzeit in Maracaibo wohnende Rechtsanwältin schrieb sich als erste beim Nationalen Wahlrat (CNE) für die Präsidentschaftswahl am 7. Oktober ein. Sie ist Vorsitzende der erst dazu registrierten »Vereinten Demokratischen Partei für den Frieden und die Freiheit« (PDUPL). Die Kandidatin spricht sich für eine »demokratische, partizipative und dezentralisierte« Regierung aus.

In den Umfragen spielt sie keine Rolle, erwartet wird ein Ergebnis von unter einem Prozent.

Homepage: www.mariabolivarpresidenta12.jimdo.com
Wahlprogramm (in spanischer Sprache): www.cne.gob.ve/divulgacion_presidencial_2012/programas/V13056480.pdf




Reina María Sequera

ist die Kandidatin der Partei »Arbeitermacht« (Poder Laboral), deren Generalsekretärin sie ist. Die 1963 geborene Erziehungswissenschaftlerin ist seit Jahren aktiv in der venezolanischen Arbeiterbewegung und kandidierte 2001 bei den internen Gewerkschaftswahlen der CTV erfolglos für deren Vorsitz. Nominiert wurde sie damals von einem Minderheitsflügel der Bolivarischen Arbeiterfront (FTB-200). 2010 wurde sie von einer Reihe linker, aber in Opposition zum bolivarischen Lager stehenden Parteien in einem Wahlbezirk der Hauptstadt Caracas als Kandidatin für die Nationalversammlung nominiert, erreichte jedoch nur 0,6 Prozent der Stimmen. Schon 2005 hatte sie auf dem Ticket ihrer Partei für das Andenparlament kandidiert, aber landesweit nur gut 2300 Stimmen (0,0 Prozent) erreicht.

Auch bei der diesjährigen Präsidentschaftswahl spielt sie in den Umfragen keine Rolle, erwartet wird erneut ein Ergebnis von unter einem Prozent.

Homepage: keine
Wahlprogramm (in spanischer Sprache): www.cne.gob.ve/divulgacion_presidencial_2012/programas/V7583323.pdf




Luis Reyes Castillo

Der 1959 im Bundesstaat Falcón geborene Verwaltungsrechtler, der mehrere Jahre in den USA studiert und an der Universität von Oregon Spanisch gelehrt hat, geht für die evangelikale »Authentische Erneuernde Organisation« ins Rennen, deren Abkürzung ORA übersetzt »Bete« heißt. Ziel der 2008 offenkundig als Familienprojekt des jetzigen Kandidaten und seiner Verwandten gegründete Partei ist »die Geburt der Christlichen Republik Venezuela«, was die »erste und einzige Alternative« für die Befreiung des Menschen sei.

Homepage: www.oraporvenezuela.org
Wahlprogramm (in spanischer Sprache): www.cne.gob.ve/divulgacion_presidencial_2012/programas/V5292054.pdf


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