17.01.2017, 15:29:58 / Rosa-Luxemburg-Konferenz 2017

Über den Laufsteg

Von der Theorie in die Praxis: Linke Kultur bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz

Von Christof Meueler
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Fundamentalopposition, poetisch: Nicolás Miquea

Wenn die junge Welt 70 wird, spielt Daniel Viglietti für sie. Der Uruguayer ist einer der bekanntesten linken Liedermacher Lateinamerikas und sogar noch etwas älter. Dieses Jahr wird er 78 Jahre alt. Am 25. Februar hat ihn diese Zeitung ins Kino International nach Berlin eingeladen, um ihren Geburtstag zu feiern.

Am Samstag spielte Nicolás Miquea auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin schon mal ein paar Lieder von Viglietti. Miquea kommt aus Chile, wohnt in Potsdam, hat eine tolle Stimme und kann sehr gut Gitarre spielen. Sein erstes Lied war den Flüchtlingen gewidmet, sagte er. Gleichzeitig sei es ein Lied »gegen eine heuchlerische Solidarität mit Flüchtlingen von Leuten, die gleichzeitig die imperialistischen Kriege unterstützen, vor denen die Menschen fliehen«.

Der Bühne auf der Konferenz war ein Laufsteg, das Publikum saß auf beiden Seiten. Am einen Ende des Laufstegs stand ein Tisch, an dem Gespräche und Diskussionen stattfanden. Am anderen Ende waren Mikrofone und Instrumente zum Musikmachen aufgebaut. Miquea unterhielt sich erst am Tisch mit Susann Witt-Stahl, der Chefredakteurin der Melodie und Rhythmus, über die Möglichkeiten linker Musik, dann schritt er einmal durchs Publikum den Laufsteg hinunter zur anderen Seite, um diese Musik dann auch zu spielen – ein Sinnbild für den Wechsel von der Theorie in die Praxis.

Genau zu diesem Zweck wurde im Herbst auch das »Büro für Offensivkultur« vom Folksänger Heinz Ratz und dem Liedermacher Konstantin Wecker aus der Taufe gehoben. Die beiden haben schon vor zehn Jahren gemeinsam eine Antifa-Tour bestritten. Nun soll das neue Büro wie eine »Notfallagentur« funktionieren, die innerhalb von 24 bis 48 Stunden Künstler an Orte bringt, in denen Faschisten aktiv sind oder Umweltskandale passieren, erklärte Ratz im Gespräch mit Witt-Stahl. Denn oft wissen die lokalen Aktivisten nicht, an wen sie sich wenden sollen, wenn sie Protest- oder Solidaritätskonzerte organisieren möchten. Ratz kennt jede Menge Künstler und Aktivisten, die er nun zu Netzwerken verknüpfen will, gerade weil die politischen Gruppen das nicht schaffen würden, da sie zu zerstritten seien, glaubt er.

Im Prinzip versteht sich auch die Rosa-Luxemburg-Konferenz als eine Plattform zur Bündelung verschiedener Kräfte der Linken. Anders als bei früheren Konferenzen gab es diesmal keine Trennung von Politik und Kultur, die ja oft hierarchisch als »harte« und »weiche« Themen voneinander getrennt werden, auch wenn sie sich im alltäglichen Medienkonsum permanent vermischen. Statt dessen waren die Kulturgespräche und -präsentationen in das laufende Konferenzprogramm eingebaut.

Die Künstlergruppe Tendenzen stellte ihre Ausstellung »No pasaran!« vor, die ein Stockwerk höher zu besichtigen war, die bekannte italienische Punkband Banda Bassotti präsentierte ihre DVD über ihre Solidaritätsreisen in die »Volksrepubliken« der umkämpften Ostukraine, und der Schauspieler und Gewerkschafter Rolf Becker sprach über die DVD »Losgelöst von allen Wurzeln … Wanderer zwischen den jüdischen Welten«, die demnächst von Melodie und Rhythmus und junge Welt herausgebracht wird. Sie dokumentiert zwei Veranstaltungen mit Esther Bejarano und Moshe Zuckermann im Herbst anlässlich des Erscheinens der Melodie und Rhythmus über »Jüdische Musik«, die von Rolf Becker moderiert worden waren.

Über all diesen Gesprächen schwebte die Frage, wie linke Kultur wirkmächtig werden kann. Heinz Ratz zum Beispiel wurde Musiker, weil er feststellte, dass seine Gedichte dann viel mehr Leute erreichen. Er gründete die Folk-Agit-Band Strom & Wasser und machte spektakuläre Aktionen, um seine politischen Anliegen besser in die Medien zu kriegen. Er schwamm durch Flüsse und fuhr Tausende Kilometer mit dem Fahrrad zu seinen Konzerten, die er in Aktionen für Obdachlose und Flüchtlinge umwandelte.

Als Witt-Stahl ihn fragte, warum es keine »echte Gegenkultur« mehr gebe, die »konsequent in Fundamentalopposition gegen ein System der Vernichtung steht«, sagte Ratz, er glaube, die meisten Menschen hierzulande seien einerseits zu bequem und andererseits abgelenkt von Scheinproblemen – genauso wie viele politische Gruppen auch. Ihnen empfahl er erst mal eine »innere Stille«, um dann kämpferisch zu werden. Miquea verwies später auf einen Satz von Salvador Allende: »Die Revolution fängt nicht in der Universität an, sondern in der Bevölkerung!«


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