07.07.2010, 02:05:14 / jW-Ostsee-Tour 2010

Banküberfall in Genua auf Rügen

Von Claudia Wangerin
Seeräuberstück auf der Naturbühne
Seeräuberstück auf der Naturbühne

Im Rahmen der Störtebeker-Festspiele auf Rügen erlebten Teile unseres »Landkommandos« nach einem ereignisarmen Tag noch einen actionreichen Abend.

Gewagt ist die Verknüpfung der Legende vom edlen Räuberhauptmann zur See, der die Reichen überfällt um mit den Armen zu teilen, und der Legende vom Schatz der Templer, die Klaus Störtebeker alias Sascha Gluth nach Granada führt. Beeindruckend sind neben dem Aufführungsort – der Naturbühne in Ralswiek – und den vier dort im Einsatz befindlichen Schiffen vor allem die Leistungen des Pyrotechnikers und der ungarischen Stuntmen. Die beteiligten Pferde, Kamele und Raubvögel glänzen angesichts des Spektakels durch Duldsamkeit. Der Tierschutzverein dürfte von diesem Aspekt weniger begeistert sein.

Die Mimik der Schauspieler kommt für Zuschauer ohne Fernglas oder Zoom-Objektiv kaum zur Geltung. Damit sich das Antlitz des Hauptdarstellers trotzdem gut einprägt, wurde es unter anderem auf die Etiketten von Mineralwasserflaschen gedruckt, die zu Touristenpreisen am Eingang verkauft werden.

Wer das Schauspiel genießen will, sollte zugleich eine gewisse Toleranz für und eine gewisse Immunität gegen religiösen Hokuspokus mitbringen. »Der Fluch des Mauren« lastet nämlich auf einem Mädchen namens Maria, dessen Gebete zum Schluß natürlich erhört werden. Klaus Störtebeker alias Sascha Gluth tritt an die Stelle des weißen Ritters; eine Reliquie steht im Zentrum des Geschehens; und Religion an sich ist gut.

Das gilt eigentlich für alle monotheistischen Weltreligionen, die im historischen Granada aufeinander treffen – und wenn eine manchmal vielleicht doch ein bißchen böse ist, dann nur der Islam. Gleich zu Beginn rettet der edle Fremde aus dem hohen Norden einen jugendlichen Dieb vor der Scharia, welche besagt, ihm solle die Hand abgehackt werden.

Alle lieben »Störti«
Alle lieben »Störti«

Die Veranstalter weisen allerdings in der Pressemappe darauf hin, daß mit der maurischen Herrschaft auf der iberischen Halbinsel eine Phase relativer Toleranz zwischen den Religionen zu Ende ging.

Außerdem gibt es manchen Dialog, der durchaus als Seitenhieb auf die Verursacher der  Wirtschafts- und Finanzkrise verstanden werden kann – sowie einen äußerst spektakulären Banküberfall. Das Bankhaus »San Giorgio« in Genua hat zuvor selbst mit Piraten kooperiert, um zusätzlichen Reibach mit Schiffsversicherungspolicen zu machen.

Das Stück erhebt keinen Anspruch auf die historische Wahrheit. »Man muß sagen können, so könnte es sich zugetragen haben« lautete die Vorgabe, als 1991 die Konzeption für die Störtebeker-Festspiele erstellt wurde, in deren Rahmen seither jedes Jahr ein anderer fiktiver Schwenk aus dem Leben des guten Piraten erzählt wird, der sich nach der Vertreibung von der Ostsee 1395 und 1396 tatsächlich im Mittelmeerraum aufgehalten haben könnte. Mit ein bißchen gutem Willen. Jedenfalls ist das nicht auszuschließen.

Das diesjährige Abenteuer unter der Regie von Holger Mahlich wird noch bis zum 4. September aufgeführt. Jede Ähnlichkeit mit »Indiana Jones« ist rein zufällig.

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