18.02.2016, 03:02:16 / Havanna 2016

Zwei Häuser, zwei Geschichten

Von Dietmar Koschmieder
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Rechts das Hotel Riviera des Mafiosi Lansky, links Deborahs Wohnblock

Ein Teil unserer Delegation ist bei Deborah untergebracht. Ihre Wohnung befindet sich im obersten Stockwerk eines elfgeschossigen Plattenbaus fast am Malecón, Havannas Uferpromenade. Vom großen Wohnzimmerfenster fällt der Blick direkt auf den Atlantik, rechts ragt nur das hellgrün gestrichene Hotel Riviera in den blauen Himmel. Die Geschichte der beiden Häuser stehen für die Geschichte Kubas.

Das Riviera wurde in den 50er Jahren erbaut: Der US-amerikanische Mafiaboss Meyer Lansky steckte einen Teil des Geldes, das er mit Drogenhandel, Glücksspiel und Prostitution in Kuba zusammenraffte, in diese Immobilie – um sie dann für Drogenhandel, Glücksspiel und Prostitution zu nutzen. Bis die kubanische Revolution 1959 diesem Treiben ein Ende setzte. Ganz anders die Geschichte des Plattenbaus: Bis Anfang der 70er Jahre gab es hier nur Felsen. Das neue Kuba schickte ab Anfang der 60er Jahre Arbeiter, die zum Teil noch Analphabeten waren, als Diplomaten der Würde und der Revolution in den Auslandsdienst. Für die Zurückkehrenden musste Wohnraum geschaffen werden. Diplomaten des Außenministeriums erklärten sich bereit, ein großes Wohnhaus für die Genossen zu bauen und bekamen dafür das Felsgrundstück vom Staat geschenkt. Nach DDR-Vorbild gründeten sie Mikrobrigaden, um das Wohnungsproblem zu lösen. Sie bekamen ihr Gehalt weiter – bauten aber in ihrer Arbeitszeit den Elfgeschosser nach den Plänen eines jugoslawischen Architekten. So entstand von 1973 bis 1978 eines von drei Häusern in Havanna, die erdbebensicher sind. Einer der Brigadisten war Deborahs Vater, er durfte sich nach der Fertigstellung eine der 152 Wohnungen für sich und seine Familie aussuchen. Deborah hat dann die Wohnung von ihrem Vater geerbt. Nach diesem Muster entstanden viele Häuser und Wohnungen im ganzen Land.

Wem aber gehören nun diese Wohnungen? In Kuba ermittelt eine staatliche Kommission deren Wert. Sechs Prozent des Einkommens des Hauptverdieners wird als Miete verlangt. Aus diesen beiden Werten wird dann berechnet, zu welchem Zeitpunkt die Wohnung in das Eigentum des Mieters übergeht. Danach müssen nur noch die Nebenkosten bezahlt werden. Um Spekulation zu verhindern, war der Weiterverkauf bis vor kurzem ausgeschlossen. Dieser Hintergrund ist einer der Gründe, warum viele Kubaner nicht sonderlich scharf darauf sind, dass ehemalige Eigentümer mit ihren Besitzansprüchen auf die Insel zurückkehren. Zumindest bei Deborahs Wohnung dürfte aber auch das kein Problem sein, denn der ungenutzte Felsengrund wurde vom Staat geschenkt und das Haus erst im revolutionären Kuba erbaut.

Anders ist das beim Hotel Riviera. Heute sind dort neben Touristen auch Patienten aus Lateinamerika untergebracht, die in Kuba ärztlich versorgt werden. Im Rahmen der sich verändernden Beziehungen zwischen den USA und Kuba machen sich alte Mumien oder deren Nachfahren wieder Hoffnungen auf schmutzige Geschäfte: Die Nachfahren des Mafiosi Meyer Lansky haben jedenfalls schon mal vorsorglich ihre Ansprüche auf das Riviera vor US-amerikanischen Gerichten geltend gemacht.

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