07.07.2017, 18:04:54 / No G20

»Die Stimmung war geradezu hippiesk«

Erst spielten »Die Goldenen Zitronen« vor der »Welcome to Hell«-Demonstration, später legte der Gitarrist das »Solidaritätslied« auf. Gespräch mit Ted Gaier

Von Johannes Supe
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»Offenbar gibt’s mittlerweile einen Konsens, dass der G-20-Gipfel scheiße ist«: Ted Gaier (l.) beim Konzert der Goldenen Zitronen vor der »Welcome to Hell«-Demo am Donnerstag in Hamburg

Im Vorfeld der »Welcome to Hell«-Demonstration gegen den G-20-Gipfel am Donnerstag ist Ihre Band »Die Goldenen Zitronen« auf dem Hamburger Fischmarkt aufgetreten. Können Sie …

Hast du mich gerade gesiezt?

Gut, machen wir das hier anders. Habt ihr während des Auftritts schon geahnt, dass es bald knallen wird?

Wir haben gegen 16 Uhr gespielt, also drei Stunden, bevor die Demo loslief. Das hatte mehr den Charakter einer Kulturveranstaltung, es wurde auch erst langsam voll. Und verglichen mit der Stimmung, die ich rund um den G-8-Gipfel in Heiligendamm erlebt habe, ging es hier extrem hippiesk zu. Es wird ja die ganze Zeit von 8.000 Gewaltbereiten gesprochen, die es in Hamburg geben soll. Keine Ahnung, wo die sein sollen, auf dem Fischmarkt waren die jedenfalls nicht.

Na, vielleicht sind die erst ein paar Stunden später gekommen, als die Demo loslief.

Ich stand in der Demo nicht vorn, viel habe ich also auch erst später auf Videos gesehn. Die Bullen haben ja von tausend Vermummten gesprochen. Die hab’ ich so nicht gesehen. Von da, wo ich in der Demo stand, war die ganze Situation nicht durchschaubar. Man bekam nur mit, dass alle nach wenigen Metern schon wieder standen; von vorne wurde geschrien: »Haut ab!« Jedenfalls wurden die Leute dann eingekesselt, es gab Scharmützel, Menschen sind von der Straße auf die höhergelegene Promenade geklettert. Ich bin dann irgendwann weggegangen.

Und das war’s für dich an dem Tag?

Ich wohne auf der Reeperbahn. Da sind später noch verschiedene Demos langgekommen. 1.500 Leute wurden in meiner Nähe von den Bullen gestoppt. Ich habe dann Boxen in die Fenster gestellt und aufgelegt, zum Beispiel das »Solidaritätslied« von Hanns Eisler. Das kam gut an. Es gab auch nicht diese typische Aggrostimmung, die sonst oft nach einer Eskalation besteht. Die Stimmung passte eher zu einem lauen Sommerabend. Die Leute, die Bock auf was andres hatten, sind eher einzeln losgezogen. Von meiner Wohnung aus konnte ich am Abend noch Rauchschwaden über der Stadtsilhouette aufsteigen sehen.

Irgendwie hätte ich von den Linken in Hamburg was andres erwartet. Was war da los? War die Übermacht des Staats so groß?

Ich find’s ganz o. k. so. Vorgestern gab es ja eine Ravedemo, die ziemlich geil war. Extrem gute Musik, geile Tonkollagen, super Stimmung, junge Leute. Da hatte ich nicht das Gefühl, dass sie irgendwie »lau« war. Es muss ja nicht immer Sachschaden geben. Ist auch gut, dass bei der »Welcome to Hell«-Demo der Gewaltfetisch eben nicht kollektiv ausgelebt wurde. Sonst hätte es jetzt schon eine Stimmung à la »verbrannte Erde« gegeben. Dabei hatte der Gipfel da ja noch gar nicht richtig angefangen.

Wenn einzelne vereinzelt Autos abfackeln, dann werden dabei immerhin nicht Leute mit reingezogen, die darauf keinen Bock haben. Die werden nämlich sonst quasi als sicheres Hinterland in einem Protestzug verwendet, und zwar von denen, die so einen altmodischen Militanzgestus der 80er Jahre nachleben wollen.

»Altmodischer Militanzgestus«, ja ja. Aber dann das »Solidaritätslied« von 1930 spielen.

Das hatte damit zu tun, dass das eine Musik ist, die sehr gut durchkommt. Dubbässe hätte meine Anlage nicht so laut spielen können, dass man sie draußen richtig hört. Hat dann aber Spaß gemacht. Ich hab’ es natürlich gemischt, am Ende gab’s die ganze Bandbreite rebellischer Musik der vergangenen 80 Jahre. War auch interessant zu sehen, dass sogar 20jährige eine sentimentale Bindung ans »Solidaritätslied« haben und mitsingen.

Was denkst Du eigentlich über den Auftritt von Grönemeyer und Freunden beim »Global-Citizen-Festival«?

Das konnte ich kaum fassen. Ich wusste von der Veranstaltung nichts, habe dann aber abends das Ende davon im Fernsehn geschaut. Das war ja unglaublich scheiße. Gerade der Grönemeyer – wirklich unterirdisch.

Aber was sich da gezeigt hat und was ich echt bemerkenswert finde: Offenbar gibt’s mittlerweile einen Konsens, dass der G-20-Gipfel scheiße ist. Ich habe in Hamburg noch überhaupt niemanden getroffen, der gesagt hat: »Sollen die Leute sich doch treffen.« Also nicht mal der Bäcker um die Ecke oder so sagt das. Dass diese Haltung so sehr im Mainstream ankommt, habe ich noch nicht erlebt.


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