06.07.2017, 00:24:30 / No G20

Graue Gestalten in der Gipfelstadt

Von Georg Hoppe
Graue Gestalten in der Hamburger Innenstadt
Ohne Individualität, ohne Kommunikation
Auf den Knien und niemand hilft
Die Schauspieler bei einer Pause – da ihre Bühne die Öffentlichkeit war, wurde auch das Ausruhen Teil der Performance
Eine Gestalt am Boden – und niemand hilft

Im Vorfeld des G-20-Gipfels tauchten sie bereits an mehreren Orten in Hamburg auf. Am Mittwoch waren es bis zu 1.000 von ihnen, die sich rund um die Gebäude am Burchardplatz im Zentrum der Stadt schleppten. Mit grauem Lehm beschmiert, mit verkrustetem Haar und Hoffnungslosigkeit, Trauer und Leere im Blick zogen Schauspieler auf einem Weg ohne Ziel.

Die Performance war der Höhepunkt der Aktion »1000 Gestalten«. Die dargestellten Menschen stünden für »eine Gesellschaft, die sich ihrer Hilflosigkeit vor den komplexen Zusammenhängen der Welt ergeben hat und nur noch für das eigene Vorankommen kämpft«, wie es auf der Webseite der Veranstalter heißt.

Der Auftritt war wirkungsvoll. Das langsame Tempo der Menschen wirkte quälend, ein hohles, klapperndes Geräusch wie von ausgezehrten Knochen begleitete die lebenden Toten. Es gab keine Kommunikation untereinander, auch keine mit dem Publikum. Langsam blickten einige zur Seite, doch ihre Blicke blieben unerwidert. Einige brachen zusammen. Manche schafften es unter Mühen, wieder aufzustehen, andere blieben liegen. Jeder hatte seine eigene Strategie, mit seiner Bürde fertig zu werden.

Interessant war die Reaktion des Publikums. Jeder fotografierte und filmte, Presse wie Schaulustige. An den Zusammengebrochenen bildeten sich Schlangen, um eine möglichst gute Position für eine Nahaufnahme einzunehmen. Auf Leid und Zerstörung wurde mit dem Fotoapparat reagiert. Dabei hatte man, wenn man die Sache ernst nahm, eigentlich das Bedürfnis, zu helfen, die Zusammenbrechenden zu stützen, einen Eimer herbeizuschleppen und den Leuten die Kruste abzuwaschen. Aber störte man dann nicht die Performance? Intendiert oder nicht: Man wurde hier mit seinem eigenen Zaudern konfrontiert.

Der Kellner in einem Imbiss fragte mich, was das für eine Aktion sei. Wir tauschten uns aus, und er hatte das gleiche Gefühl. Wir fassten uns ein Herz, gingen zu einer Liegengebliebenen und »störten« die Performance. Wir sagten ihr, wir wollten nicht einfach zusehen. Er bot ihr Wasser an. Ich meine, dass sie gezwinkert hat.

Nach über einer Stunde brach die graue Menge in Jubel aus, die Toten erwachten zum Leben und rissen sich und ihren Nachbarn die verkrusteten Kleider vom Leib. Jetzt waren sie bunt, tanzten und jubelten, der Staub stieg in den Himmel.

»1000 Gestalten« nannte das eine »Transformation«. Die Gestalten gewännen ihre Menschlichkeit und ihren individuellen Ausdruck zurück. Leider blieben diese Verwandlung, der zündende Funke und vor allem auch ein Danach jenseits von Jubel und Tanz abstrakter als das eindrucksvoll dargestellte Leid.


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