26.06.2017, 17:19:34 / No G20

»Leute werden wegen G-20-Gipfel vertrieben«

Stadt Hamburg will während des Ereignisses das Campen ­unterbinden. Das wird gerade Obdachlose treffen. Ein Gespräch mit Stefan Karrenbauer

Von Kristian Stemmler
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Obdachlose schlafen auf der Reeperbahn in Hamburg (9. Januar 2014)

Wenn vom G-20-Gipfel am 7. und 8. Juli in Hamburg die Rede ist, werden meist der Protest dagegen, die Repression oder die Einschränkungen für den Normalbürger thematisiert. Aber eine Gruppe der Bevölkerung dürfte ganz besonders unter dem Gipfel leiden: die Obdachlosen der Stadt.

Ja. Die meisten Hamburger erleben vielleicht ein paar Behinderungen auf der Fahrt zur Arbeit oder zurück, aber die sind dann irgendwann zu Hause. Wohnungslose jedoch sind der belastenden Situation durch den Gipfel permanent ausgesetzt. Viele müssen ihre Plätze vermutlich von jetzt auf gleich räumen. Und hinzu kommt: Keiner weiß, wo Demonstrationen und Aktionen genau stattfinden. Die Wohnungslosen könnten also plötzlich mittendrin sein.

Das Oberverwaltungsgericht Hamburg hat am Freitag das Verbot des Camps für Gipfelgegner im Stadtpark bestätigt. Das dürfte auch Obdachlose treffen und ihre Lage weiter verschlechtern.

Kann man wohl sagen. Generell hat die Stadt quasi ein Campingverbot für ganz Hamburg verhängt. Das betrifft natürlich auch die Obdachlosen. Wer soll denn bitte schön die Unterscheidung vornehmen: Das hier ist ein Wohnungsloser, und das da ist ein Gipfelgegner, der angereist ist und auf der Straße jetzt wild zeltet? Also ich traue mir das nicht zu, so etwas zu entscheiden. Unter den Beamten sind ja auch viele aus anderen Bundesländern, die mit den örtlichen Gegebenheiten nicht vertraut sind.

Gab es schon erste Vertreibungen?

Vor einigen Wochen ist eine Platte, also ein Übernachtungsplatz, unter einer Brücke in der Nähe des Luxushotels Steigenberger geräumt worden. Die Behörden können mir erzählen, was sie wollen. Ich gehe davon aus, dass das mit dem Ereignis zusammenhängt, dass die Leute wegen des Gipfels vertrieben werden. Man wird sicher auch an anderen Orten, die als Rückzugsort genutzt werden, so vorgehen.

Wie viele Obdachlose sind betroffen?

Erst gingen wir davon aus, dass zwischen 200 und 300 sein werden, die in der Innenstadt übernachten. Mittlerweile sehe ich das Problem als viel größer an. Denn wenn es generelle Verbote gibt, sind alle betroffen. Es wird sicher einige geben, die bei Bekannten Unterkunft finden können. Aber man kann inzwischen davon ausgehen, dass der Bedarf an zusätzlichen von der Stadt organisierten Übernachtungsplätzen zum Gipfel eine Dimension wie beim Winternotprogramm hat. Etwa 1.000 Personen mehr werden eine Unterkunft suchen.

Sorgt der bevorstehende Gipfel für Unruhe bei den Menschen ohne Bleibe?

Eben nicht. Wohnungslose leben von heute auf morgen und haben genug andere Probleme. Und ich glaube, die können gar nicht einschätzen, was auf sie zukommt. Was es bedeutet, von jetzt auf gleich seinen Übernachtungsplatz mit allem Gepäck räumen zu müssen. Oder ohne ihre Sachen, und wenn sie zurückkommen, sind sie nicht mehr da.

Hinz & Kunzt hat in den vergangenen Wochen Gespräche mit der Polizei und der Sozialbehörde geführt und vorgeschlagen, Ausweichplätze für die Obdachlosen zu suchen. Das ist abgelehnt worden. Woher kommt diese Ignoranz?

Darauf habe ich keine Antwort, ich kann es nicht verstehen. Uns wurde lediglich gesagt: Die Leute können alle in der Stadt bleiben, auch unter den Brücken. Zwei Tage später hieß es dann auf einmal: Wir haben uns vertan, die Brücken müssen doch geräumt werden. Warum hat man nicht gesagt, ja, wir brauchen Plätze für diese Gruppe, und zwar frühzeitig, dass es sich auf der Straße herumspricht und möglichst viele Obdachlose die Ausweichplätze in Anspruch nehmen? Wir haben ja auch viele psychisch Kranke in der Szene, an die auch Sozialarbeiter kaum noch herankommen. Die sehe ich als besonders gefährdet an, weil es sich kaum einschätzen lässt, wie das ständige Sirenengeheul, das Geknatter der Hubschrauber auf sie wirkt.

Ihr Magazin hat aufgedeckt, dass die Stadt mindestens 895 Wohncontainer eingelagert hat. Würden die genutzt, könnte man auf einen Schlag Hunderte Obdachlose unterbringen.

Das macht einen sprachlos und wütend. Wir haben mit sehr vielen Hamburgern in den letzten Tagen geredet. Niemand kann nachvollziehen, warum diese Container eingelagert werden und nicht dauerhaft für Wohnungslose genutzt werden.

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