06.11.2010, 16:04:33 / Castorproteste 2010

Wendland-Stimmung in der Pfalz - Stuttgarter Demonstranten machen mit

Von Sandra Schipp, dapd

Berg/Pfalz. Wendland-Stimmung in Südwestdeutschland: Über tausend Menschen demonstrieren am Samstag in Berg/Pfalz nahe der deutsch-französischen Grenze gegen den Castor-Transport von der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins niedersächsische Atommülllager Gorleben. Über Stunden halten sie die Bahngleise besetzt - eine der möglichen Transportstrecken des Castors.

Auf Strohsäcken und Isomatten warten sie, bis die Polizei am frühen Nachmittag beginnt, die Strecke zu räumen. Zuvor hat die französische Polizei in der Nachbarschaft 16 Deutsche dabei erwischt, wie sie sich gerade an die Gleise ketten wollen. Zwei der Greenpeace-Aktivisten schaffen es noch, sie werden jedoch bald wieder von den Schienen gelöst.

Der Widerstand gegen den Atommülltransport jedenfalls ist in diesem Jahr erheblich - die Castoren schlagen schließlich eine andere Route ein und fahren über Kehl, was die Demonstranten als ihren Erfolg verbuchen.

Der sonst so beschauliche Ort Berg/Pfalz wird am Morgen zum Versammlungsort von hunderten Atomkraftgegnern aus ganz Südwestdeutschland. Sie treffen sich zur Auftaktkundgebung mit anschließender Demonstration durch den Ort. Danach geht es am zweiten Versammlungsort vorbei über Wiesen, ein abgeernetes Maisfeld, einen Bach und ein Waldstück zu den Schienen. Dort wartet
zwar die Polizei, sie ist jedoch den Demonstranten zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen. Kommen die Atomkraftgegner an einer Stelle nicht mehr auf die Gleise, versuchen sie es eben woanders. Über 2 000 Atomkraftgegner hätten schließlich die Transportstrecke blockiert, erklärt ein Sprecher der südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen. Die Polizei spricht von rund 800 Teilnehmern.

»Die Bilder gehen ins Wendland, die freuen sich«, sagt ein Mann, der auf den Schienen sitzt. Und tatsächlich ähneln sich die Bilder sehr: Hunderte Menschen sitzen in Berg/Pfalz friedlich auf Strohsäcken und Isomatten auf den Schienen, viele von ihnen tragen Flaggen und Sticker mit der Aufschrift »Atomkraft - Nein Danke«, einige haben Sonnenblumen mitgebracht. Zwischendrin trommelt eine Percussion-Band, die Stimmung ist gelöst.

»Diese Musikgruppe - ist die aus Stuttgart? Die kommt mir so bekannt vor«, fragt ein Polizist zwei Gleisbesetzer. Stuttgart ist tatsächlich allgegenwärtig: Viele Demonstranten haben das Symbol für den Widerstand gegen Stuttgart 21 auf Jacken und Taschen geheftet. Nach Angaben der südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen hat der enorme Protest gegen das Bahn-Bauprojekt auch ihnen neuen Zulauf beschert.

Aber auch der Protest gegen die Atomkraft hat in der Region Tradition. Nicht weit entfernt bei Karlsruhe befindet sich das Atomkraftwerk Philippsburg, weitere AKW liegen in der mittelbaren Umgebung. Viele Leute, die heute gegen den Castor-Transport auf die Schienen gehen, haben schon in den 80er Jahren gegen Atomkraft demonstriert.

So auch Andrea Schöffer, die in Berg/Pfalz wohnt. Als sie in den Ort zog, rechnete sie nicht damit, noch einmal direkt mit dem Thema konfrontiert zu werden. Doch dann wurde die Bahnstrecke durch Berg/Pfalz ausgebaut - und das sei nur wegen des Atommülltransports aus La Hague passiert, sagt sie. Dennoch spielte der Castor lange Zeit kaum eine Rolle in der Region, bis sich 2008 ganz in der Nähe des Ortes mehrere junge Leute an die Gleise ketteten und den Atommülltransport für Stunden aufhielten. Damals hätten viele Helikopter über dem Ort ihre Kreise gezogen, und das habe viele genervt. Sie sei jedenfalls froh, daß die Menschen auf die Straße gingen, und sie werde auch selbst  mit dabei sein.

Nicht alle der rund 2 200 Bewohner von Berg/Pfalz denken so wie Andrea Schöffer. Einige schließen lieber schnell Tür und Tor, als der lärmende Demonstrationszug näher kommt. Das FC Berg Clubhaus hat für Samstag vorsorglich geschlossene Gesellschaft angemeldet. Einige Neugierige schauen dennoch zu, als die Demonstranten schließlich am späten Vormittag mehrere hundert Meter Schienen besetzen.

Nach zweieinhalb Stunden und mehreren Aufforderungen der Polizei werden die Atomkraftgegner schließlich einzeln von den Schienen gehoben und weggetragen, ihre Personalien aufgenommen. Ob Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet werden, darüber müsse noch entschieden werden, sagt Rudolf Höser, Sprecher der Bundespolizeiinspektion Trier. Die Demonstranten hätten nicht nur gegen die Allgemeinverfügung verstoßen - auch das Betreten der Gleisanlagen selbst könne mit einem Bußgeld geahndet werden.

Die Atomkraftgegner stört es kaum - sie dürfen nach Feststellung der Personalien ihres Weges ziehen und gehen mit einem Lächeln im Gesicht. Schließlich haben sie einen Sieg davongetragen: Der
Castor-Transport rollt in diesem Jahr erstmals nicht durch Berg/Pfalz.
(dapd/jW)


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