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Aus: Feminismus, Beilage der jW vom 07.03.2026
Beilage Feminismus

»Ich wünsche mir von uns Lesben mehr Mut«

Erneut unsichtbar gemacht: Der Kampf um lesbische (Frei-)Räume. Ein Gespräch mit Melina Rauch
Von Gitta Düperthal
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Die politische Organisation »Corriente Clasista y Combativa« (CCC) protestiert vor dem Regierungsgebäude während einer Veranstaltung zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (25.11.2024)

Melina Rauch engagiert sich bei LGB Alliance Deutschland, die sich seit 2019 für die Rechte von Lesben, Schwulen und Bisexuellen einsetzt

Lesbische Liebe steht vor Herausforderungen: Das Gesetz über die Selbstbestimmung in bezug auf den Geschlechtseintrag (SBGG) erschwert den Kampf für Frauen- und Lesbenrechte. Wie ist feministischer Zusammenhalt zu wahren?

Für lesbische Frauen gibt es zwei Kernproblematiken. Erstens: Unter aktuellen medialen und politischen Einflüssen neigen immer mehr junge Lesben dazu, aufkeimende homosexuelle Gefühle als Hinweis auf ihr vermeintlich »nichtweibliches Geschlecht« fehlzudeuten. Dies verleitet einige dazu, sich ihre Brüste abzubinden oder gar irreversibel chirurgisch abnehmen zu lassen und Testosteron zu nehmen, was gravierende Auswirkungen auf den weiblichen Körper und die Sexualfunktion haben kann.

Der zweite Punkt: Jahrzehntelang gepflegte Lesbenräume und kulturelle Zentren müssen jetzt quasi Männern ihre Türen öffnen, die sich per Selbstdefinition zu Frauen oder als nichtbinär, also geschlechtsneutral, erklären. Die Zentren heißen jetzt FLINTA-Räume: Akronym für Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nichtbinäre, trans und agender Personen. Kaum eine traut sich noch zu sagen: »Hier bist du nicht richtig, das hier ist eine Lesbengruppe.«

Was kritisieren Sie an der Medienberichterstattung?

Viele Medien haben sich zum Sprachrohr des Transaktivismus gemacht. Das 2024 verabschiedete Selbstbestimmungsgesetz ist nichts anderes als die staatliche Anerkennung der Idee, Geschlecht sei subjektiv bestimmbar. Medien erklären uns nun, jeder habe Männer mit Passeintrag »weiblich« vollumfänglich als Frauen anzuerkennen. Das SBGG hat in Kombination mit transaktivistisch interpretierter Antidiskriminierung zusätzlich den Druck auf Lesben erhöht, unsere Räume zu öffnen. Sogar unsere Dachorganisation, der Lesbenring e. V., setzt sich dafür inzwischen ein.

Können Sie am Beispiel erklären, was Sie stört?

2022 trug ich auf dem Dyke March Hamburg (traditionelle Lesbendemo am Vorabend des Christopher Street Day, jW) ein Shirt mit der Aufschrift »Lesben sind homosexuelle Menschen weiblichen Geschlechts«, also der Definition von Lesbe, die gilt, seit es den Begriff gibt, und die auch schon immer Grundlage unserer Diskriminierung war. Ich wurde als Menschenfeindin beschimpft, ich solle abhauen. Eine kleine Gruppe lesbischer Radikalfeministinnen war mit inhaltlich ähnlichen Parolen unterwegs. Auch sie wurden angefeindet, mit Wiederholungen des Mantras »Trans Frauen sind Frauen« niedergeschrien. Der sogenannte Transblock legte sich auf die Straße zum »Die-in«, um »Sterben« zu symbolisieren. Man wollte uns sagen: »Ihr tötet uns« Die Botschaft an Lesben ist also: Der Ausschluss von trans Frauen aus eurem Begehren ist gewaltvoll.

Es gibt den Begriff Schranklesbe. Wir sollen zurück in den Schrank: uns wieder verstecken, in Kneipen mit Klingeln, an Orten, wo der Zutritt nur mit Codewörtern möglich ist. In diesen Zeiten sind wir jetzt wieder.

Kommen alte Vorurteile zurück?

Ja. Früher wurden wir von rechts bekämpft: Lesbische Liebe sei abartig und sündhaft. Heute wird uns von großen Teilen des sich als links verstehenden Spektrums »Feindlichkeit«, »Phobie«, gar »Rechtsextremismus« vorgeworfen.

Wie das Selbstbestimmungsgesetz missbraucht wird, lässt sich am Beispiel des Neonazis Sven Liebich nachvollziehen, der sich in Svenia umbenannte, um in den Frauenknast zu kommen. Profitieren die Rechten davon?

Das SBGG beruht auf der Maxime: »Frau ist, wer sich als Frau bezeichnet, Punkt.« Es ist ein Jackpot für die Rechten, spült ihnen Stimmen in die Wahlurne. Aber auch wenn die AfD die Partei ist, die das SBGG am schärfsten kritisiert, ist uns klar, dass Schwule, Lesben und Bisexuelle von ihr keine Wohltaten zu erwarten haben.

Deren Familienbild ist althergebracht …

Ja. Und Lesben sind für die »bäh«. Das halte ich aber für leichter zu kontern als die Umdefinition der Begriffe, die elementar wichtig sind für uns: Geschlecht, Mann, Frau, Homosexualität.

Ihr Ausblick?

Ich wünsche mir von uns Lesben mehr Mut, zu unserer Homosexualität zu stehen. Vor allem aber wünsche ich uns wieder mehr Lust auf exklusive ­Frauenevents und -räume. Es ist insbesondere für junge Frauen ein besonderes körperliches Erlebnis, auf einer Lesbenparty mit anderen Frauen zu tanzen. Und jungen Schwulen und Lesben wünsche ich wieder mehr sichtbare ­Vorbilder, die signalisieren: Es ist okay, wenn ihr Personen des Gegengeschlechts kategorisch aus eurem ­Liebesleben ausschließt. Mehrere Generationen von LGB haben erreicht, dass wir zumindest in diesem Land zu unserer Orientierung stehen dürfen. Gebt das nicht auf!

Wenn das Geschlecht angeblich keine Rolle mehr spielt, schwächt das soziale Kämpfe der Frauenbewegung. Ein Kommentar von Gitta Düperthal

LGBTIQ – also lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche sowie queere Menschen – haben aktuell in der BRD ein Problem gemeinsam: Sie alle bedroht der Rechtstrend, der sie in patriarchalische Rollenklischees unter Männervorherrschaft drängen will. Es bedarf des Widerstands gegen Angriffe von Neonazis auf der Straße und gegen rechte Phraseologie, unsoziale diskriminierende Politik in Parlamenten. Bündnispolitik unterschiedlicher Gruppen ist sinnvoll; auch die linker, marxistischer und feministischer Frauen- und Lesbengruppen, wenn es um die Verteidigung universaler Menschenrechte von trans Personen geht. Dafür gilt es am 8. März gemeinsam auf die Straße zu gehen. Das passiert jedoch immer seltener.

Zentren und Gruppen der autonomen Frauen- und Lesbenbewegung, die eine eigene festgelegte Agenda haben, sehen sich oft überfordert, wenn Ansprüche von trans Frauen an sie herangetragen werden, sie in ihrem Selbstfindungsprozess zu begleiten. Historisch erinnert dies an die »Softis« der 70er und 80er Jahre. Das waren Männer, die mit den gesellschaftlichen Erwartungen an sie und Rollenklischees nicht zurechtkamen, ihre Sexualität neu entdecken wollten. Sie strickten, wollten an Frauenseminaren und -gruppen teilhaben. Frauen- und Lesbengruppen begrüßten dies, weil es immer gut für Frauen ist, wenn fortschrittliche Männer sich entwickeln wollen. Die erkämpften Frauenräume aber wollte man nicht für sie öffnen: Zuviel Misstrauen, dass sie Frauen Carearbeit abverlangen könnten. Damals gründeten sich Männergruppen.

Heute begehrt manch trans Frau Zugang zu historisch mit anderen Inhalten angelegten Frauen- oder Frauen/Lesben-Zentren. Trifft das dort nicht auf Zustimmung, ist die Rede von Diskriminierung, es werden gar rechte Beweggründe unterstellt: In einer Zeit, in der die Frauenbewegung einem Rollback zunehmender sozialer und ökonomischer Ausbeutung und Unterdrückung ausgesetzt ist, erschwert das die politische Arbeit. Vermehrte sexuelle Übergriffigkeiten und Gewalt richten sich unter anderen Vorzeichen auch gegen trans Frauen. Die Gründung eigener autonomer TIN-Zentren (TIN – trans, inter, nichtbinär) wäre für gute Bündnispolitik und den gemeinsamen Kampf gegen ein gewaltvolles Patriarchat von Vorteil.

Wer aber profitiert heute von der Debatte? Staatlich von oben durch das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) verordnete »Solidarität« kommt nicht gut an, zumal verbunden mit andernfalls angedrohter Kürzung von Geldern. In der CDU-Regierungspolitik unter Kanzler Friedrich Merz ist kaum mehr zu hören, dass man das SBGG abschaffen will. Einst von Bündnis 90/Die Grünen durchgesetzt, spielt es der Regierung in die Hände, Frauenprojekte zu kürzen: Ist alles egal, angeblich keine Geschlechtsspezifik mehr existent, hat man – welch wunderbare Fügung – den Kampf um Frauenrechte quasi zugleich wegdefiniert. Frauen ist die Organisierung erschwert, um für gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu kämpfen, für Quoten bei Posten in Politik und Wirtschaft oder gegen den sogenannten Abtreibungsparagraphen 218. Kurz: Es ist ein Bärendienst, der den Frauen da von den Grünen erwiesen wurde. Der Frauenkampf ist geschwächt, Patriarchen und Kapitalisten freut’s.

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