Weltkrieg und Wehrpflicht
Von Arnold Schölzel
Vom 8. bis zum 10. März 1956 fand in Berlin auf Initiative der Philosophen Ernst Bloch (1885–1977), Wolfgang Harich (1923–1995) und Georg Klaus (1912–1974) an der Akademie der Wissenschaften der DDR die Konferenz »Das Problem der Freiheit im Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus« statt. An ihr nahmen Marxisten aus Ost und West teil. Im Vordergrund stand die Auseinandersetzung mit der Freiheitsdemagogie des Westens, aber auch mit Philosophen wie Jean-Paul Sartre. Ein Hintergrund war, dass im Jahr zuvor die Pariser Verträge in Kraft getreten waren und der Kalte Krieg sich zugespitzt hatte. Durch das Vertragswerk wurde die BRD Mitglied der NATO und begann den Aufbau der für kurze Zeit offiziell so genannten »neuen Wehrmacht«.
Bloch hielt auf der Konferenz das einleitende Referat über »Freiheit, ihre Schichtung und ihr Verhältnis zur Wahrheit« und steuerte bereits in den ersten Sätzen auf den politischen Aspekt des Themas zu: Freiheit sei ein besonders »missbrauchbares« Wort, das öfter verunreinigt worden sei. »Ja, Menschen konnten und können in seinem Namen so verwirrt sein, dass sie sich den dauernden Zustand von Herr und Knecht als freie Welt vormachen lassen.« Dergleichen sei wohl noch nie dagewesen, erst im heutigen Westen werde »eine der besten Sachen dazu benutzt, dass sie Ketten putzt«. So sei zwar die Antreiberei aufs höchste gestiegen, »aber es wird gesagt, man sei ein freier Mann. So wüten zwar die Kolonialherren in Algier, Kenia, Zypern, Südafrika und wo immer sonst, aber man spricht vom Selbstbestimmungsrecht der Völker und singt von der freien Welt.« Bloch, der in den USA vor der Nazidiktatur Zuflucht gefunden hatte, sah nun das Land zum Faschismus tendieren: »Wie recht hatte Thomas Mann, als er prophezeite, der Faschismus werde in und von Amerika unter dem Namen der Freiheit eingeführt werden.« Mit solcher Verkleidung werde »gegen die echte Freiheitsbewegung dieser Zeit Reichstagsbrand gemacht«.
Der Hauptteil des Referats bestand jedoch aus einer Untersuchung verschiedener Elemente des Freiheitsbegriffs, die in eine fast schwärmerische Darstellung des Sozialismus mündete. So formulierte Bloch zum Beispiel: Ordnung, die in der Klassengesellschaft »nur der Libertät der Fürsten und Herren, nicht der Freiheit des Volkes« dienlich sei, werde »sozialistisch, gar kommunistisch der gebaute Raum um die Freiheit in Solidarität«, »die ungezwungene Struktur der nichtantagonistischen Gemeinschaft schlechthin«. Das war angesichts der harten Staatlichkeit des realen Sozialismus mindestens flott formuliert, entsprach aber dem Verhältnis Blochs zur gesellschaftlichen Realität wie zum Marxismus insgesamt: Sein humanistischer Optimismus entsprang dem Geist der Utopie. Das schloss für ihn ein, den Marxismus als ergänzungsbedürftig durch seine eigene Philosophie zu sehen.
An seiner Loyalität zur DDR und zur Sowjetunion – allerdings nicht zu den Parteiführern – änderte das zu diesem Zeitpunkt nichts. Ende März 1956 war Bloch Ehrengast der 3. Parteikonferenz der SED. Selbst nach dem Verkaufsverbot für den Protokollband der Freiheitskonferenz im Sommer, der Niederschlagung der Konterrevolution in Ungarn und der Internierung seines Freundes Georg Lukács (1885–1971), die bis April 1957 dauerte, sowie der Verhaftung seines Freundes Wolfgang Harich veröffentlichte Bloch im Heft 12/1956 der Zeitschrift Aufbau einen Text unter dem Titel »Friede den Hütten«, in dem es heißt: »Plötzlich sind die alten Geschichten wieder an der alten Stelle, frisch angeleuchtet. So fällt dem westdeutschen Arbeiter, wenn er wieder Landser werden soll, mehr als ihm sonst vielleicht lieb ist, Liebknecht ein.« Durch die Existenz der Sowjetunion breche bereits »die koloniale Unterdrückung zusammen, dem weißen Wolf ist nicht mehr, als könne er farbige Kinder so weiter verschlingen.« Gezeigt habe sich zwar, auch innerhalb des »Guten« könne »gefährlich fehlgegriffen werden«. Aber: »Einige westliche Sümpfe hatten Anlass darüber zu frohlocken, doch sie wurden dadurch nicht reinlicher.« Noch im selben Monat starteten öffentliche Angriffe auf Bloch, etwa im Neuen Deutschland. 1957 wurde er unter Protest einiger seiner Schüler zwangsemeritiert und durfte nicht mehr lehren. 1961 kehrte er von einer Reise zu den Bayreuther Festspielen nicht in die DDR zurück.
Hier sei als Beispiel für die Situation unter bekannten Intellektuellen der DDR angefügt, wie Bertolt Brecht sich in diesen Jahren an zwei Punkten politisch äußerte: Im Inhalt ähnlich, aber sehr viel konkreter. Brecht war nach enthusiastisch aufgenommenen Reisen mit Inszenierungen des Berliner Ensembles 1954 und 1955 nach Frankreich und der »Dreigroschenoper«-Aufführung durch Giorgio Strehler in Mailand am 10. Februar 1956 (Brechts Geburtstag) auf einem neuen Höhepunkt seines Weltruhms – unvergleichbar mit Bloch.
Brecht hatte am 25. Mai 1955, 20 Tage nach dem Beitritt der BRD zur NATO, in Moskau den Stalin-Friedenspreis entgegengenommen und dabei erklärt: »Es ist eine der erstaunlichen Gepflogenheiten der Sowjetunion, dieses höchst erstaunlichen Staates, alljährlich einige Leute mit einem Preis für Bemühungen um den Weltfrieden auszuzeichnen.« Was immer man den Völkern einrede, sie wüssten: »Der Friede ist das A und O aller menschenfreundlichen Tätigkeiten«, einschließlich der Kunst zu leben. Im Kapitalismus kämpften die Menschen das ganze Leben um ihre Existenz, in den sozialistischen Ländern verwandele sich der Kampf aller gegen alle aber »in den Kampf aller für alle«. Er habe zwei Weltkriege erlebt und wisse jetzt, »an der Schwelle des Alters«, »dass von neuem ein ungeheurer Krieg vorbereitet wird.«
Ein Jahr später, bereits schwer erkrankt, schickte Brecht am 4. Juli 1956 einen offenen Brief an den Bundestag in Bonn, in dem das Gesetz über die Einführung der Wehrpflicht zur Verabschiedung stand. Brecht schildert, dass es Wehrpflicht in Deutschland gab, als er jung war, und ein Krieg begonnen wurde, der verlorenging. Die Wehrpflicht sei abgeschafft und wieder eingeführt worden und ein zweiter Krieg begonnen, der »gründlicher« verlorengegangen sei. Gegen wen sei der dritte Krieg geplant? »Wir leben im Atomzeitalter, und zwölf Divisionen können einen Krieg nicht gewinnen – wohl aber beginnen.« Er sei »gegen die Einführung der Wehrpflicht in beiden Teilen Deutschlands« und schlage eine Volksbefragung darüber in beiden Teilen vor.
Im Bundestag ging niemand auf den Brief ein, Brecht erhielt jedoch zustimmende Reaktionen u. a. von dem Bildhauer Hans Graf aus Karlsruhe, vom Physiker Max Born aus Lindau und vom Verleger Ernst Rowohlt. Brecht starb am 14. August 1956. Am 9. Mai 1957 sagte BRD-Außenminister Heinrich von Brentano (CDU) im Bundestag, »dass die späte Lyrik des Herrn Bert Brecht nur mit der Horst Wessels zu vergleichen ist«. Der westdeutsche Brecht-Boykott wurde umfassend und endete erst 1961.
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