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Aus: 1956, Beilage der jW vom 11.02.2026
1956

Krisen, Brüche und Verwechslungen

Ein eigentümlich »aktuelles« Jahr: 1956 in der Geschichte des 20. Jahrhunderts
Von Nico Popp
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Da tut sich was: DDR-Polizisten beobachten im April 1956 ein Gebäude in Berlin-Rudow, von dem aus die CIA über einen Spionagetunnel Telefonleitungen im Ostteil der Stadt angezapft hatte

Es gibt – und zwar nicht erst, seit immer häufiger die Ansicht vertreten wird, man durchlebe ganz aktuell eine weltgeschichtliche Umbruchphase oder eine »Zeitenwende« – in der politisch-historischen Publizistik eine inflationäre Neigung, »Epochenjahre« auszumachen. Also Jahre, die als Wendepunkte oder als besonders wesentlich für langfristige Entwicklungen gelten können. Das ist nicht in allen Fällen plausibel. Einigermaßen unumstritten ist aber, dass das Jahr 1956 als Epochenjahr gelten kann – auch wenn sich die Begründungen für diese Einordnung durchaus unterscheiden.

1956 war – mit der Klammer der Chruschtschowschen »Geheimrede« beim XX. Parteitag der KPdSU im Februar und den Ereignissen in Ungarn im Herbst 1956 – ein Krisenjahr der kommunistischen Weltbewegung. Es war aber auch – mit dem politischen Scheitern des britisch-französisch-israelischen Überfalls auf Ägypten – das Jahr des offenen Ausbruchs der finalen Krise des alten imperialistischen Kolonialsystems. Abseits dieser gleichsam weltgeschichtlichen Konstellationen war 1956 mit dem KPD-Verbot auch ein für die deutsche Innenpolitik auf eigentümliche Weise »aktuelles« Jahr, denn dieses als solches nie aufgehobene Verbot war ein wesentliches Element der politischen Durchsetzung der Remilitarisierung der Bundesrepublik.

Eine solche Epochenjahrdiskussion ist allerdings nur dann fruchtbar, wenn sie nicht schematisch geführt wird. So ist etwa der von ganz unterschiedlichen Seiten formulierte Befund, 1956 habe »der Niedergang« der kommunistischen Weltbewegung begonnen, so schematisch sicher nicht haltbar. Zweifellos begann 1956 auf breiter Front die von einer Kombination aus Anpassungsdruck und genuiner Distanzierung angetriebene Ablösungsbewegung jener Intelligenzschicht, die in den 30er und 40er Jahren in Westeuropa in ein Nahverhältnis zu den kommunistischen Parteien getreten war. Hier liegt eine Wurzel jener »neuen Linken«, die in den folgenden Jahrzehnten vor allem an den Universitäten und im Kulturbereich ein Faktor wurde. Auch in Ländern mit kommunistischen Parteien an der Macht gab es 1956 Brüche im Verhältnis zur parteinahen Intelligenz, bei denen Ähnlichkeiten mit Entwicklungen in späteren Jahrzehnten nicht zu übersehen sind.

Es ist indes ein Fehler, die Geschichte der kommunistischen Bewegung mit der Geschichte der linken Intellektuellen zu verwechseln. Während letztere 1956 vielfach als »Schock« empfanden, blieb die Massenbasis der kommunistischen Parteien in der Arbeiterklasse dort, wo eine solche vorhanden war, davon unberührt und auch nach 1956 zunächst intakt oder verbreiterte sich noch, und unter diesem Gesichtspunkt sind Deutungen, die 1956 zum »Wendepunkt« für die kommunistische Weltbewegung erklären, mindestens zu relativieren.

Die Beiträge dieser Beilage beleuchten die komplexe Geschichte von »1956« nur schlaglichtartig. Obwohl der anstehende 70. Jahrestag des XX. Parteitages der ­KPdSU den zeitlichen Anhaltspunkt für die Beilage liefert, spielt auch dieses Ereignis nur mittelbar eine Rolle. Das Ziel war nicht die Präsentation einer umfassenden Chronik, sondern die Anregung einer weiterführenden vertieften Diskussion.

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