Gegründet 1947 Freitag, 4. Dezember 2020, Nr. 284
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Aus: Literatur, Beilage der jW vom 10.06.2015

Libertalia

Seeräuber als Demokraten
Von Thomas Wagner
Bar im kenianischen Mombasa im Jahr 2009
Bar im kenianischen Mombasa im Jahr 2009

Wo immer staatliche Herrschaft entstand, versuchten Menschen, ihr zu entfliehen. Dafür boten sich unzugängliche Gebiete an: Wälder, Gebirge, Wüsten und das Meer. Die Gemeinschaften der Flüchtlinge schufen Institutionen, die eine Antwort auf die Erfahrung der Unterdrückung waren. Bei den »Gesellschaften ohne Staat«, die von Ethnologen untersucht wurden, handelt es sich oft nicht um »Urgemeinschaften«, sondern um solche Gemeinwesen. Sie entwickelten neue Weisen des Zusammenlebens und nicht selten eine entschieden staatsfeindliche Identität.

So geschah es im letzten Drittel des 2. Jahrtausends vor unserer Zeit im heutigen Palästina, als sich Halbnomaden, Bauern, Enteignete, Ausgestoßene und Angehörige der unteren Schichten der Städte Kanaans auf die Seite der Landbevölkerung schlugen. Sie bildeten eine Gesellschaft, in der es keine Staatsgewalt und keine Klassen mehr geben sollte. Statt dessen organisierten sich die Menschen nach Familien- und Stammesprinzipien und hoben sich mit dem Kult um Jahwe von der Vielgötterei der Israel umgebenden Stadtstaaten ab.

Der Agrar- und Politikwissenschaftler James C. Scott hat in einer Studie über die Bergvölker Südostasiens ähnliche Vorgänge als wiederkehrendes historisches Muster nachgewiesen. Er entzifferte die Produktionsweisen, die soziale Struktur und die demokratischen Politikformen von Stammesgesellschaften als Strategien, sich über einen Prozess von ca. 2.000 Jahren dem Einfluss zunächst früher Staaten, dann der Kolonialherrschaft und schließlich der Nationalstaaten im 20. Jahrhundert zu entziehen.

Es handelt sich um ein historisches Phänomen, das sich in den neuzeitlichen Kolonialgesellschaften wiederholte. So ist aus Nordamerika überliefert, dass sich die frühen puritanischen Siedlungen in den Neuenglandstaaten und die französische Militäradministration im späteren Kanada mit dem Problem der massenhaften Flucht in die Wälder auseinandersetzen mussten. Das freiere Leben der Indianer lockte vor allem Deserteure, Sklaven und Angehörige der unteren Schichten.

Auch die ethnisch bunt zusammengewürfelten Besatzungen der Piratenschiffe des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts entsprachen diesem Muster. Sie praktizierten für Räuberbanden erstaunlich demokratische Modelle des Zusammenlebens. Davon kündet der Daniel Defoe zugeschriebene Bericht über die Piratenrepublik Libertalia aus dem Jahr 1724. Die von Helge Meves zum ersten Mal in deutscher Sprache publizierte Fassung dieser wichtigen historischen Quelle bespricht Jochen Knoblauch auf Seite 3 dieser Beilage. Der Übersetzer, David Meienreis, hat ein Gespräch mit dem Piratenforscher Gabriel Kuhn geführt (Seite 5 und 6). Peter Wolter stellt eine neue Lesart der Meuterei auf der Bounty vor (Seite 7), und Helge Meves nimmt einen aktuellen Jugendroman zum Anlass, das emanzipierte Leben der Piratin Anne Bonny (1690 bis 1720) zu beleuchten (Seite 2).

Die von der Bundesmarine im Rahmen der EU-Militärmission Atalanta seit 2008 bekämpften Piraten am Horn von Afrika gingen zum Teil aus einer selbstorganisierte Küstenwache der Fischer aus der somalischen Region Puntland hervor. Als illegal operierende Fangfabrikschiffe aus Asien und Europa die thunfischreichen Gewässer plünderten, taten sich die somalischen Fischer mit ehemaligen Milizionären des Bürgerkriegs und technischen Experten zusammen. Im Auftrag ihrer Hafengemeinden und Clans brachten sie schwimmende Fangfabriken auf und erpressten Wegzoll von Handelsschiffen, die Giftmüll in afrikanischen Küstengewässern verklappten. Die Fotostrecke dieser Beilage zeigt, dass Piraterie dort heute wieder zum Alltag der Menschen gehört. Darüber hinaus finden Sie in diesem Literatur Extra Wissens- und Lesenswertes über Schiffwracks, Monster auf alten Seekarten und die Flucht von Afrikanern über das Mittelmeer.

Scott, James C.: The Art of not being governed. An anarchist History of Upland Southeast Asia. New Haven/London 2009

Daniel Defoe: Libertalia – die utopische Piratenrepublik, Lesung des Übersetzers David Meienreis. Thomas Wagner im Gespräch mit dem Herausgeber Helge Meves.  Donnerstag, 11. Juni 2015, jW-Ladengalerie, Torstraße 6, 10019 Berlin, Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro

 

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist die Zeitung gegen Krieg, die schreibt, was andere weglassen. Nur durch Information ist Veränderung möglich, deswegen ist sie für uns unverzichtbar.«  – Rose-E. Wachata und Sonja Riedel für die jW-Leserinitiative Chemnitz/Erzgebirge

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Die neue jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken« – ab morgen am Kiosk!