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Aus: tag der mahnung, Beilage der jW vom 11.09.2010

Laufen lernen

Die Taktik der Blockade mit offensiven Elementen anreichern
Von Commander Shree Stardust
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BU: Die Fotos dieser Beilage entstanden am 4.September bei der antifaschistischen Blockade in Dortmund

»Ich bin dafür, den Ausfall zu wagen/ Zugbrücken runter, den Rössern die Sporen / Lanzen voran und ans Ufer sprengen / schon damit später, die fechtenden Enkel / unsre verrückten Träume / besingen.« (Franz Josef Degenhardt)

Ich lese in einer Lokalzeitung die Überschrift: »Dann machen wir halt eine Sitzblockade!« Es geht dabei nicht um einen Atomtransport oder einen Neonaziaufmarsch: Anwohner eines Dorfes empören sich über den geplanten Bau einer Straße durch die Ortsmitte.

Erfolg macht populär. Die Blockade sämtlicher Zufahrtsstraßen zum Kongreßzentrum in Heiligendamm war 2007 eine taktische Sensation. Und als längst alles danach aussah, als würde Heiligendamm ein einmaliger positiver Ausreißer bleiben, gelang in Dresden die Übertragung der Blockadetaktik auf urbanes Terrain.

Der Blockadesieg von Dresden war so überzeugend, daß davon eine regelrechte Fanalwirkung ausgegangen ist. Dieses Fanal wirkte vielleicht überall stärker als in Dresden selbst, wo die Bündnislage auch für 2011 als harte, noch ungeknackte Nuß im Magen liegt. Aber für das Selbstbewußtsein und die Einigkeit der Gesamtbewegung war die Brillanz dieses Blockadetages reiner Balsam. Es folgten die Massenblockaden in Berlin-Prenzlauer Berg, Erfurt und jetzt Dortmund. Nicht alles seither war glänzender Sieg. Aber eine gewisse Tendenz zum Siegen hat sich herausgebildet.

Nun liegt es in der Natur der Taktik, daß die Halbwertzeit jedweder Methode üblicherweise sehr gering ist. Man taktiert ja nicht allein durch die Gegend. Die anderen spielen auch noch mit – und machen sich seit Dresden Gedanken, wie sie eine Wiederholung solcher Vorgänge unterbinden können.

Die unmittelbare Reaktion auf der politisch-publizistischen Ebene bestand in dem Versuch, das gewaltfreie Blockieren zu einem weiß Gott wie dramatischen Rechtsverstoß aufzublasen. Dazu wurde Wolfgang Thierse, der in Berlin auf die denkbar symbolischste Weise blockiert hatte, öffentlich angegriffen. Die Debatte kam nicht weit. Die geltende Rechtsprechung macht es überdies zu keiner allzu leichten Aufgabe, gewaltfreie Blockaden zu kriminalisieren. Jedoch, es wird weiter versucht werden.

Die Polizeikräfte haben auch reagiert. Sie tun dies in einer Weise, die das Team in den grünen und neuerdings blauen Trikots einmal mehr als mindestens so ideen- wie skrupellos diskreditiert: Man wird halt brutal, knüppelt Jugendliche und Frauen zusammen, reißt Leuten die Piercings aus den Ohren und benimmt sich überhaupt in einer Weise, daß uns filigranen Lusttaktikern menschliche Verachtung und soldatischer Ekel hochsteigen. Man muß sich manchmal schon wirklich schämen, für das Verhalten seiner Gegner.

Was jedenfalls in Dortmund von polizeilicher Seite geboten wurde, sollte uns klar machen, daß die Taktik der Blockade zumindest modifiziert werden muß. Unsererseits gewaltfreie Sitzblockaden verlieren selbst und gerade für hartgesottene Pazifisten schnell ihren Reiz, wenn man dabei von Polizeistiefeln zusammengetreten wird.

Tatsächlich war die Taktik der Blockade in Dortmund bereits modifiziert gegenüber jener von Dresden. Dort war ja kaum glaublich, was unsere Seite da an gepflegtem Straßenschach zelebrierte. Die Blockaden in Dortmund waren demgegenüber weniger statisch, agiler, spontaner, schneller. Positiv formuliert. Anders gesagt: In Dortmund war die Sache auf unserer Seite viel chaotischer angelegt, und die Polizei räumte, was in Dresden nicht gelang, einige Blockaden. Das zwingt automatisch dazu, sich was anderes einfallen zu lassen.

Jetzt geht es darum, diese erzwungene Spontaneität in organisierte und bewußte Bahnen zu überführen. Natürlich bleibt das Ziel einer Blockade auch weiterhin, daß sie ganz genau da stehenbleibt, wo wir sie – also uns – hingestellt haben. Wobei ich anmerken möchte, daß mir das Hinsetzen nie recht eingeleuchtet hat. Eine in festen Ketten stehende Blockade ist nicht grundsätzlich leichter zu räumen als eine sitzende. Stehend behält man aber mehr taktische Optionen bei sich. Der Vorteil sitzender Blockaden, ihr aufreizend harmloses Erscheinungsbild nämlich, ist nur von Vorteil, wenn die zahlreiche Anwesenheit von Medienvertretern oder echter Öffentlichkeit den Hauptschutz der Blockade bildet.

In jedem Fall sind wir in eine wesentliche bewegtere Phase eingetreten – und kein einziges taktisches Element sollte in den Rang eines Dogmas oder auch nur einer unhinterfragten Angewohnheit erhoben werden. Dies gilt auch für die Blockade selbst. Ganz allgemein stellt sich die Frage, ob eine Blockade immerzu eine schnurgerade Linie bilden muß. Sind hier nicht, je nach konkretem Gelände, ganz andere Formationen denkbar?

Sehen wir uns den Sieg in Dresden genauer an, so treten neben den Massenblockaden die kleineren, schnelleren Einheiten, die zwischen den Blockadepunkten agieren, als taktisch entscheidendes Phänomen hervor. Diese Kombination mobiler und statischer Elemente ist der Schlüssel zum Erfolg.

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