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Aus: literatur, Beilage der jW vom 03.02.2010

Angriffsschwung verpufft

Kolonialkriegsanalyse und Guttenberg-Fanfeldpost: Was die Bundeswehr in Afghanistan treibt und warum sie scheitern muß
Von Rüdiger Göbel
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Edel ist die Bundesregierung, hilfreich und gut. Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) will bis 2013 erreichen, daß in Nordafghanistan 60 Prozent aller Schulkinder von ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden. Derzeit sollen es 25 Prozent sein. Zwei Millionen Afghanen sollen in der Region bis in drei Jahren über Strom und Wasser verfügen statt heute nur 900000. Bundesaußenminister Guido Westerwelle wiederum gibt den Streetworker und stellt 50 Millionen Euro für »Taliban-Aussteiger« zur Verfügung. Fehlen nur noch Grünen-Freiwillige fürs Quartiersmanagement in Kundus, und die Besatzer können endlich abziehen.

Frisch gebackene »Afghanistan-Ve­teranen« der Bundeswehr korrigieren den politisch-korrekten Kriegszweckoptimismus. Nach Achim Wohlgetan (»Endstation Kabul«, »Operation Kundus«) hat nun Marc Lindemann, Hauptmann der Reserve, in »Unter Beschuß« seinen »Einsatz« am Hindukusch Revue passieren lassen. Der ehemalige Nachrichtenoffizier erklärt in seinem Buch, »warum Deutschland in Afghanistan scheitert« – und fordert in der ihm eigenen Konsequenz eine massive Aufstockung der Truppen. Lindemann war 2005 und 2009 in Kundus stationiert. Der heute 32jährige hat in den umliegenden Dörfern Spitzel für die Besatzer angeworben – und miterlebt, wie sich die Sicherheitslage für die internationalen Truppen, und damit auch für die Einheimischen, zunehmend verschlechtert hat. Jetzt will er endlich den Krieg gewinnen. Dafür macht er mobil an der Heimatfront: »Würden wir uns jetzt zurückziehen und Afghanistan sich selbst und damit den Taliban überlassen, wären alle bisher gebrachten Opfer umsonst gewesen. Es ist eben nicht das Sterben an sich, was falsch ist. Es ist das sinnlose Sterben!« Gleich­zeitig konstatiert der Krieger a.D. aber: »Es gibt keine tragfähige Strategie für das deutsche Afghanistan-Abenteuer!« Wohin man auch blickt am Hindukusch, »Ermüdung durch Erfolg- und Aussichts­losigkeit«. Der »Angriffsschwung« ist, so Lindemanns Armeesprech, »verpufft«. Erschwerend komme hinzu: »Unsere Gesellschaft ist nicht bereit, einen langen und verlustreichen Krieg zu führen.« Die »Schuld« liege nicht beim Volk, sondern bei den politisch und militärisch Verantwortlichen. »Die jahrelangen Lügen über die Ziele und den Zustand in Afghanistan haben die Chance darauf, der Be­völkerung die Mission zu erklären, fast unmöglich gemacht.«

Hoffen läßt ihn Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). »Wie angenehm es doch ist, endlich einen Mann mit Anstand und gutem Benehmen an der Spitze des Verteidigungsministeriums zu haben.« Und als wäre Lindemann der Adjutant des fränkischen Freiherrn, drischt er auf dessen Amtsvorgänger aus Hessen ein. »Allein die Wahl der Vokabeln, die der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung auf seinem Truppenbesuch im März 2009 wählte, war eine Unverschämtheit«, schreibt der Nachrichtenoffizier a.D. Der CDU-Wehrminister sagte damals: »Ich habe den Eindruck, daß die Dinge gut vorangehen.« In Wirklichkeit, so Lindemann, gehe am Hindukusch seit langem nichts mehr gut voran.

Lichtblick für Lindemann: Das von Oberst Georg Klein am 4. September 2009 angeordnete Bombardement zweier Tanklaster und umstehender Afghanen. Bis zu 142 Menschen, darunter viele Zivilisten, wurden damals umgebracht. »Ob der Befehl zum Angriff auf die Taliban in Übereinstimmung der ISAF-Regeln stand oder nicht, sollen Juristen prüfen. Falls sich dann nach vielen Monaten herausstellen sollte, daß Oberst Klein gegen diese verstieß, als er jene angriff, die mordend und bombend durch Afghanistan ziehen, wird mich das nicht beeindrucken. Dann sind nämlich die Regeln falsch und nicht sein Entschluß«, schreibt Lindemann, Kapitelüberschrift: »Die Bundeswehr schlägt zurück«. »Für mich und meine Kameraden aus dem 18. Kontingent, mit denen ich den Angriff diskutierte, war die Frage schon am frühen Morgen jenes 4. September beantwortet. Selbstverständlich war der Befehl zum Angriff korrekt!« Oberst Klein habe »seine Soldaten durch die gefährlichste Zeit, die je ein deutsches Kontingent« erleben mußte, geführt, rechtfertigt Lindemann das Massaker. »Es ist total unglaubwürdig, daß sich Zivilisten zufällig am Ort des Angriffs aufhielten.« Der ehemalige Nachrichtenoffizier betont, »der Feind in Afghanistan« gebe sich nicht durch Uniform zu erkennen. Eine »scharfe Trennlinie in diesem durchmischten Umfeld zu ziehen, ist nicht möglich. Die Schuld daran tragen nicht wir, sondern der Feind.« Und der gehört »ausgeräuchert« und »pulverisiert«.

Von dieser Landserprosa hebt sich der »Afghanistan-Code« von Marc Thörner wohltuend ab. Der Islamwissenschaftler und Rundfunkreporter legt mit seinem neuen Buch eine fulminante Reportage über den ganzen Irrsinn des Krieges am Hindukusch vor, in dem sich die NATO-Besatzer mit Warlords, konservativen Mullahs und all jenen verbünden, die die Bevölkerung scheinbar »im Griff« haben. Um Freiheit und Demokratie, um Brunnen und Bildung geht es längst nicht mehr, sollte es darum jemals bei dem westlichen Einmarsch gegangen sein. Auf der Agenda steht Aufstandsbekämpfung, um jeden Preis. Eine Aufstandsbekämpfung wie vor hundert Jahren, in den nordafrikanischen Kolonien durch die Franzosen etwa. Brunnenbauen und Gefangenenfolter inklusive, streng nach Lehrbuch. Immer wieder geht Thörner vom Heute in die Geschichte. In Exkursen referiert er Wurzeln und Werdegang des islamischen Extremismus als Reaktion auf das koloniale Joch.

Wiederholt ist Thörner ins Kriegsgebiet gefahren. Akribisch untersucht er den Justizskandal um den wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilten Pervez Kamaksh, Bruder des kritischen afghanischen Journalisten Yaqub Ibrahimi; oder den nächtlichen Sturmangriff von US-Spezialtruppen auf das Anwesen Sufi Manans, des Ortsvorstehers von Imam Sahib, einer Kleinstadt, nur wenige Kilometer vom deutschen Feldlager entfernt. Fünf Hausangestellt wurden erschossen, Al-Qaida-Terroristen, wie das von einheimischen Neidern auf die Spur gebrachte Überfallkommando hartnäckig behauptet. Eine Lüge, wie so vieles in der Operation grenzenlose Freiheit. Thörner macht die NATO-PR nackt: Berichte über Ziviltote werden in aller Regel zunächst zurückgewiesen, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden läßt, wird ein Untersuchungsteam eingesetzt, nach Monaten werden dann irgendwann die Vorwürfe eingeräumt. »Strategische Information« heißt die Salamitaktik im Fachjargon nun.

Wenn in den kommenden Wochen wieder einmal die »neue Afghanistan-Strategie« beschworen wird, derzufolge die Besatzer fortan in engeren Kontakt mit der Bevölkerung treten, sei jedem das Kapitel über das »Provincial Reconstruction Team« ans Herz gelegt. Thörner bekam von der NATO die Gelegenheit, mit einem Trupp afghanische Lokalrats­abgeordnete zu besuchen, um sich »vor Ort ein Bild über die Interaktion zwi­schen der afghanischen Verwaltung und der Operation Enduring Freedom zu verschaffen«. Am Ende würde er sehen, versicherte ihm der für die Presse zuständige Offizier, »daß OEF, anders als ihr Ruf es sagt, weniger kämpft als aufbaut«.

Nicht ohne Witz beschreibt Thörner seine »Expedition« im Osten Afghanistans: »Bei der Sicherheitseinweisung rund um den Führungshumvee wurden die vielfältigen Gefahren eines Guerillakrieges heraufbeschworen: Straßenbomben, Hinterhalte, Angriffe mit Panzerfäusten. Nicht ausgelassen wurde die Frage des Verwundetentransportes ebenso wie die des Entsatzes; geklärt auch, wann Luftunterstützung angefordert werden könne. Am Lagerausgang faßte der martialische Konvoi Munition, rasselte aus dem Schutzbereich, Funksprüche flogen hin und her, Beobachtungen wurden ausgetauscht, die MG-Schützen im Ausguck spähten gespannt in alle Richtungen aus, kurbelten sich unternehmungslustig herum, es sah aus wie ein Raid, eine Attacke gegen Aufständische mit geballter Feuerkraft. Vor meinem geistigen Ohr erklangen die Signale der Kavallerie-Trompeten – ob man vorher noch schnell einen Stützpunkt der Aufständischen anzugreifen gedenke, fragte ich den Major. Nein, erwiderte er, das sei die normale Vorbereitung für einen Konvoi zum Provincial Coordination Center. Kaum hat er das gesagt – erst 500 Meter waren zurückgelegt – fuhr die gepanzerte Schlange bereits wieder in den sicheren Hafen eines anderen Schutzbereiches ein. Eine Etappe auf dem Ziel? Nein, keine Etappe, brüllte Major Fishback durch den Fahrtlärm, dies sei das Ziel: das sogenannte Provincial Coordination Center, ein Neubau mit afghanisch-islamischen Stilelementen, über dessen Eingang ein Monumental-Porträt von Präsident Karsai hing.« Nach einer Stunde ergebnisloser Gespräche Aufbruch, aus Sicherheitsgründen, Aufständische könnten einen Angriff vorbereiten. »Dann rasselte der gesamte gepanzerte Konvoi wieder die 500 Meter zur Basis zurück, die Tore schwangen auf, die Soldaten winkten einander zu. Es sah aus, als kehrte eine Abteilung Kämpfer aus einer siegreichen Schlacht heim.«

Um überhaupt bestehen zu können, stellen sich Bundeswehr und andere Besatzer hinter skrupellose Warlords, deren Milizen, Honoratioren und Gemeindechefs. Die regieren die Distrikte des Nordens wie ihre eigenen kleinen Fürstentümer, betreiben Waffen- und Drogenhandel. Sie morden, vergewaltigen, ohne daß sie jemand zur Verantwortung zieht. »Die Deutschen machen sie stark. Andernfalls hätten Atta, Dostum und ihre Gefolgsleute keinen Rückhalt in der Bevölkerung. Die Menschen hassen sie. Erst durch die ISAF können sie sich ihre Verbrechen erlauben«, zitiert Thörner seinen afghanischen Kollegen Ibrahimi. Bieten die Taliban den Terrorisierten Hilfe an, wird die in der Not angenommen, auch wenn man nicht unbedingt gegen die westlichen Truppen ist.

Immer deutlicher zeichnet sich für den Autoren ab: Der islamische Extremismus, zu dessen Bekämpfung die NATO-Truppen in Afghanistan offiziell stationiert sind, hat sich erst durch die Zusammenarbeit von Aufstandsbekämpfern und lokalen Machthabern entwickelt. Und diese unheilige Allianz verhindert, daß sich islamische Gesellschaften demokratisieren und sich schließlich der ausländischen Dominanz entziehen. Wer den neuen Kolonialkrieg am Hindukusch, die Diskrepanz zwischen Bombenrealität vor Ort und heimischer Friedens-und-Aufbau-Propaganda entschlüsseln will, kommt am »Afghanistan-Code« nicht vorbei. Die Guttenberg-Fanfeldpost »Unter Beschuß« immerhin verdeutlicht, wie weit sich soldatisches Denken schon von Grundgesetz und Völkerrecht absetzt.

Marc Lindemann: Unter Beschuß. Warum Deutschland in Afghanistan scheitert. Econ-Verlag. 288 Seiten, 18,95 Euro

Marc Thörner: Afghanistan-Code. Eine Reportage über Krieg und Fundamentalismus. Edition Nautilus. Ca. 160 Seiten, ca. 16 Euro. Erscheint Ende Februar 2010


Die Möglichkeiten erkunden, die in der freiwilligen Beschränkung auf einfachste Mittel liegen – das hat sich der britische Fotograf und Musiker Wolf Howard vorgenommen, dessen Lochkamera-Fotografien die vorliegende Beilage illustrieren.

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