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Aus: marxismus, Beilage der jW vom 14.03.2008

Es kommt drauf an

125 Jahre nach seinem Tod ruft die Theorie von Karl Marx in der Bundesrepublik den Verfassungsschutz auf den Plan. Das ist nicht der einzige Beleg für Lebendigkeit
Von Arnold Schölzel
Gerhard Glück, Marx im Baumarkt (BRD, 1999)
Gerhard Glück, Marx im Baumarkt (BRD, 1999)

»Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.«

Karl Marx, 1845



In Blau gebunden und für weniger als 20 Euro will der Münchner Erzbischof Reinhard Marx in diesem Jahr eine »sozialethische Streit schrift« unter dem Titel »Das Kapital« erscheinen lassen. Nicht zum heutigen 125. Todestag seines Namensvetters oder zu dessen 190. Geburtstag am 5. Mai, aber der Bezug soll offenbar wahrnehmbar sein. Bereits für den gestrigen Donnerstag kündigte die Volkshochschule Lübeck ein Referat über »Karl Marx heute« mit den Worten an: »Die Ideen, Thesen und Analysen von Karl Marx laden im Jahr 2008 nicht mehr zum Etablieren eines politischen Systems ein. Sie lassen sich heute aber immer noch als kritische Ideen begreifen, die als Vorschläge in einer offenen Gesellschaft diskutierbar sind.« Man möchte meinen, ein Wort zur Güte. In Chemnitz ist für den Marx-Geburtstag im Internet-jW-Kalender eine Lesung von Texten des Autors an seinem Denkmal angekündigt – mit Prominenten und Unprominenten, Beginn mit einem Arbeitslosenfrühstück. Sachsen wäre aber nicht Sachsen, wenn nicht sein Landtag auf Antrag der NPD über die Wiederaufstellung des Karl-Marx-Reliefs, das einst am Hauptgebäude der in der DDR nach ihm benannten Leipziger Universität angebracht war. diskutiert hätte. Der Bronzeguß soll nun auf dem Sportcampus der Hochschule stehen, was nach Ansicht der Neonazis einen Marx-Kult fördere. Die CDU-Fraktion pflichtete dem bei, selbstverständlich aus anderen Gründen wie die Neonazis, nur zufällig mit demselben Ziel.

Der Tagesspiegel am Sonntag ließ die Frage »Wie tot ist Karl Marx?« von einer Autorin und fünf Autoren beantworten. Juso-Chefin Franziska Drohsel meinte, wer sich 2008 mit der Verfaßtheit der Welt, dem Verhältnis von Staat und Individuum und der Globalisierung beschäftige, »kommt an Karl Marx nicht vorbei«. Georg Fülberth stellt fest, daß Marx’ Erkenntnisse über Klassenkämpfe bis zum tendenziellen Fall der Profitrate wie die anderer großer Wissenschaftler »so gründlich in unseren Gedankenhaushalt« eingegangen sind, »daß wir uns gar nicht mehr erinnern, wo sie herkommen.« Und Heiner Geißler meint, Marx habe den bislang nicht eingetretenen Zusammenbruch des Kapitalismus vorhergesagt und kommentiert zwei Sätze aus dem »Manifest der Kommunistischen Partei«: »Das Kapital hat die Bevölkerung agglomeriert, die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen konzentriert. Die Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.« Das sei, so Geißler, »eine hinreichende Beschreibung des jetzigen Weltwirtschafts- und Finanzsystems, das moralisch krank und auf Dauer nicht konsensfähig« sei.

Normalerweise reicht so etwas für einen Vermerk im Dossier des Verfassungsschutzes. Marx in der Bundesrepublik 2008: Das ist Stumpfsinn der Gedankenpolizei, rechte Verbissenheit, postmoderne Auswahl des gerade Angesagten aus dem Werk, aber auch ernsthafte Interpretation. Die Beiträge dieser Beilage enthalten dafür Vorschläge. Es kommt eben drauf an.







Die Abbildungen sind dem Band »Grüß Gott! Da bin ich wieder. Karl Marx in der Karikatur«, gesammelt und herausgegeben von Rolf Hecker, Hans Hübner und Schunichi Kubo (223 Seiten, Eulenspiegel Verlag, 2008, 24,90 Euro), entnommen und erscheinen mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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