08.07.2022 / Feuilleton / Seite 10

In der Kadaverfabrik

Die Wiener Substandardwelt des Voodoo Jürgens

Eileen Heerdegen

Ein Hamburger Kaufhaus in den 90ern. Direkt vor mir an der Kasse ein Mann in einem sehr gepflegten, aber sicher 20 Jahre alten Anzug. Dunkelblau, Nadelstreifen, Hose mit weitem Schlag, langes, tailliertes Jackett mit breitem Revers. Feinste 70er, wenn auch leicht ludenmäßig. Letzteres ein Gesamteindruck, unterstrichen durch eine auffallende Blässe, und ich überlegte, für welches Verbrechen er wohl 20 Jahre im Knast gesessen hatte.

Aus der Entfernung kann ich es nicht genau erkennen, aber der junge Mann, der wie angeschickert auf die Bühne tänzelt, hat möglicherweise genau diesen Anzug dann irgendwann in einer Wiener Humana-Filiale entdeckt. Dazu trägt er ein nicht allzu hübsches Hemd und einen Vokuhila, der zum Glück durch natürliche Locken an Schärfe verliert. Voodoo Jürgens ist der Hauptact dieses Samstagabends, und in die Wiener Arena sind mehr Zuschauer gekommen als kürzlich zu den schottischen Indiestars von Franz Ferdinand.

Ich sehe keinen im Publikum, der kleidungsmäßig ein ähnliches Faible für das Hässlichste aus den 70ern und 80ern hätte wie der schlaksige Star des Abends, doch das Gesamtpaket begeistert – Jubel für die »Drei Geschichtn ausn Cafe Fesch«. Storytelling in tiefstem Wienerisch, das so wenig mit dem Schönbrunner Deutsch von André Heller oder dem Schmäh von Peter Alexander gemein hat wie die handelnden Personen. Der »dicke Russ«, der noch bei der Mutter in der winzigen Wohnung lebt, der Wirt, der seine Tochter an den Goldenen Schuss verloren hat, und der »Hatscherte« (Hinkende), dem man als Kind das abgestorbene Bein hatte amputieren müssen, nachdem der Vater ihn mal zur Strafe in eine Kiste gesperrt und dann vergessen hatte.

Musikalisch ist das Voodoo-Universum sehr weit. Von Singer-Songwriter-Geklampfe bis zu Free-Jazz-Elementen ist so ziemlich alles vertreten. Die hervorragende Band Ansa Panier, was wörtlich übersetzt 1-A-Klamotten, also in etwa den Sonntagsanzug meint, aber auch für »sich panieren« (besaufen) stehen könnte, begeistert mit Spielfreude und überrascht durch Instrumentenvielfalt, von Kontrabass bis zu Posaune und Horn.

Die Texte des 1976 als David Öllerer in Tulln, einer eher öden Wiener Vorstadt, geborenen Voodoo erzählen durchweg von den Abgehängten, den Gestrandeten, Betrügern und Betrogenen, vom kleinkriminellen Milieu, von verzweifelten Glücksspielern, aber auch von den physischen und psychischen Verletzungen, die so ziemlich jeder kennt. Doch so skurril, dass Tragisches komisch wird. »Nochborskinda« beispielsweise listet eine Reihe der seltsamsten Ausdrücke für die tägliche Kindesmisshandlung auf: »Beim Voda hätts Watschn gregnt, a gscheide Nussn, a Ohrwaschlreiberl, a Knackflack, a Spitz und waunns a Eisenbahna is, a Stereowatschn, an Sherriffstern, a Packl Hausdetschn, dass amal urndlich plärrn …« (Übersetzt geht es da um Ohrfeigen, Kopfnüsse, Genickschläge und Arschtritte mit und ohne spitze Schuhe.) Und wo der verballhornte Namensvetter Udo von »17 Jahr’, blondes Haar« schwurbelt, erzählt Voodoo Jürgens von den »Scheidungsleichn«, den leerstehenden Jungfamilienhäusern in den Vorstädten.

Im Winter erscheint ein neues Album, nach »S’ klane Glücksspiel« (2019) und »Ansa Woar« (beste Ware), dem Debüt aus 2016 mit dem eher untypischen Hit »Heite grob ma Tote aus« und dem wunderwunderbaren autobiografischen »Tulln«: »Zwischen Zuckerbude und Kadaverfabrik, wos siaßld oda noch hinige Viecha riacht« wird von der ersten Marlboro, dem Vater im Häfn (Knast), den Quälereien durch Mitschüler, Benzinschnüffeln, der überfahrenen Freundin und den 500 Schilling erzählt, die man vom Stadtpark-Fredl bekam, »wennst eam beim Wixn zuagschaut host«.

Für diesen berührenden Song lohnt es sich, einen Übersetzer zu bemühen, auch wenn sich das Gefühl selbst einstellt, wenn man nicht alles versteht. Den Voodoo selbst hat jedenfalls die Erinnerung bei dieser letzten Zugabe im Konzert so übermannt, dass er das Lied nicht zu Ende singen konnte.

https://www.jungewelt.de/artikel/430049.pop-in-der-kadaverfabrik.html