24.06.2022 / Titel / Seite 1

Wut an der Waterkant

Beschäftigte in Nordseehäfen im Streik. Containerschiffe stauen sich auf See. Gewerkschaft: Tarifangebot »klassische Mogelpackung«

Burkhard Ilschner

Am Donnerstag ging nichts mehr in den deutschen Nordseehäfen. Seit den frühen Morgenstunden waren die Beschäftigten zu einem 24stündigen Warnstreik aufgerufen. Etliche tausend Arbeiter beteiligten sich an den Ausständen, zu denen die Gewerkschaft Verdi aufgerufen hatte. Zuvor war am Dienstag die vierte Verhandlungsrunde über einen neuen Lohntarifvertrag ergebnislos abgebrochen worden.

Der seit Wochen andauernde Tarifkonflikt eskaliert. Denn erstens macht das jüngste Angebot des Zentralverbands der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) vom Dienstag die Gewerkschaft richtig sauer: Das sei »keine substantielle Verbesserung«, so Verdi-Verhandlungsführerin Maya Schwiegershausen-Güth in einer Pressemitteilung, sondern eine »klassische Mogelpackung«. Zwar würden Beschäftigte in sogenannten konventionellen Betrieben, also überwiegend des Umschlags von Stück- und Massengut, »eine leichte Aufwertung erfahren«. Aber für die Kolleginnen und Kollegen der Vollcontainerbetriebe bedeute das jüngste Angebot eine Verschlechterung gegenüber früheren ZDS-Offerten. Und zweitens haben die Unternehmer zugleich den Druck erhöht, indem sie jetzt von einem »finalen Angebot« sprechen, sich damit faktisch jeder weiteren Verhandlung verweigern – und statt dessen »umgehend (…) ein geordnetes Vermittlungsverfahren« verlangen. Verdi fordert eine Erhöhung der Stundenlöhne um 1,20 Euro bei einer Tariflaufzeit von zwölf Monaten. Darüber hinaus geht es Verdi um einen »tatsächlichen Inflationsausgleich«.

Nach Angaben des ZDS betrifft der aktuelle Tarifkonflikt 58 an den geltenden Lohntarif gebundene Betriebe (von 156 ZDS-Mitgliedern), die überwiegende Mehrheit der rund 12.000 betroffenen Beschäftigten konzentriert sich auf die großen Häfen – laut Radio Bremen sind das, der Sender beruft sich auf Angaben von Verdi, »6.000 im Hamburger Hafen und 5.500 in Bremerhaven«, die übrigen 500 Beschäftigten verteilten sich auf Bremen, Brake, Emden, Wilhelmshaven und Nordenham. Dazu zählten sowohl Hafenarbeiter mit abgeschlossener Berufsausbildung als auch viele ungelernte Arbeitskräfte, wie sie beispielsweise beim Automobilumschlag eingesetzt werden.

Beobachter meinen, dem ZDS sei sehr bewusst, was bevorsteht: Momentan ankern in der Deutschen Bucht 45 Frachter und warten auf Abfertigung, davon knapp die Hälfte Containerschiffe. Das hat (noch) nichts mit dem Tarifstreit zu tun, sondern ist allein dem aktuellen Lieferkettenchaos geschuldet. Die partielle Aufhebung des Lockdowns im chinesischen Shanghai wird dieses Problem alsbald drastisch verschärfen: Seefrachtspediteure wie der DB-Schenker-Manager Jochen Thewes warnten bereits zu Monatsanfang vor der daraus resultierenden »Ladungsschwemme«, eine Normalisierung dieser Verkehre werde sechs bis neun Monate dauern.

Der ZDS nannte auch diesen Streik »unverhältnismäßig«, manche Zeitungen hauten in dieselbe Kerbe, bescheinigten Verdi eine »starre Haltung« und warnten vor »fatalen Folgen« eines Streiks in den Seehäfen. Für die Gewerkschaft könnte das indes eine ­Chance bedeuten, den Druck im Tarifkonflikt zu erhöhen: Es seien gerade die Containerbetriebe in den Häfen, so Verdi, die schon jetzt mit hohen Lagergelderlösen von den aktuellen Lieferkettenstörungen profitierten. So gesehen, dürften weitere Staus und Verzögerungen nicht allein die logistischen Lagerprobleme in den Terminals zunehmen lassen, sondern den Firmen auch höhere Umsätze – und Gewinne – bescheren.

https://www.jungewelt.de/artikel/429011.arbeitskampf-im-norden-wut-an-der-waterkant.html