12.05.2022 / Inland / Seite 2

»Patienten müssen gut behandelt werden können«

Niedrige Löhne, schlechteste Personalbemessung: Berufseinsteiger protestieren am Tag der Pflegenden. Ein Gespräch mit Ruth G.

Gitta Düperthal

Zum Internationalen Tag der Pflegenden an diesem Donnerstag protestieren bundesweit »Walk of Care«- Gruppen in verschiedenen Städten, unter anderem in Berlin, gemeinsam mit der Initiative »Bunte Kittel«. Was ist das Ziel?

Wie in den sechs vergangenen Jahren schon fordern wir, die Zustände im Gesundheitswesen zu verbessern. Wir wünschen uns eine bessere Finanzierung. Eine angemessene Personalbemessung muss festgelegt und in die Praxis umgesetzt werden – und zwar daran orientiert, was die Patientinnen und Patienten benötigen; nicht daran, wieviel Gewinn das Krankenhaus machen möchte. Es muss eine gute Aus-und Weiterbildung geben. Und wir fordern auf allen Ebenen politisches Mitspracherecht, auch im Gemeinsamen Bundesausschuss als oberstem Beschlussgremium der Selbstverwaltung der Krankenkassen, der Krankenhäuser, der Ärztinnen und Ärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Deutschland. Dass dort weder die Stimmen von Patientinnen und Patienten noch von Pflegenden der unterschiedlichen Gesundheitsberufe gehört werden, geht gar nicht: Wie soll der Beruf so attraktiver für junge Menschen werden, damit uns künftig kein sich ausweitender Pflegenotstand droht?

Eine Studie mit dem Titel »Ich pflege wieder, wenn …« der Hans-Böckler-Stiftung verdeutlicht: Mindestens 300.000 Pflegekräfte in Deutschland würden in den Beruf zurückkehren oder ihre Arbeitszeit aufstocken – sofern sich die Arbeitsbedingungen deutlich verbessern. Was ist aus Ihrer Sicht der Grund dafür?

Menschen verlassen die Gesundheitsberufe, weil sie den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden können. Ob im Krankenhaus, bei der Hebammenarbeit oder in der Altenpflege: Was wir in der Ausbildung lernen, können wir nicht umsetzen. Aufgrund der schlechten Personalsituation geraten wir in Gewissenskonflikte, kommen ständig an die Grenzen unserer Zeitkapazitäten und Kräfte. Wir können nicht tun, was unsere Patientinnen und Patienten von uns benötigen und was wir machen wollen. Diese Belastung führt dazu, dass viele den Beruf nicht mehr ausführen können oder es nicht mehr möchten. Wer will schon, dass Patienten nach dem Prinzip »satt, sauber, trocken« nur die Minimalversorgung erhalten? Zudem sind Pflegekräfte nach einem Arbeitstag mit enormem Stress und mit Hektik so fertig, dass nach Feierabend nichts mehr läuft. Der Arbeitslohn ist angesichts dessen, was eine gute Fachkraft alles leisten muss, wie kompetent sie ist und welche Verantwortung sie trägt, viel zu gering.

Sylvia Bühler aus dem Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi fordert beispielsweise die Bundesregierung auf, die Pflege betreffende Vorhaben im Koalitionsvertrag sofort umzusetzen.

In der Tat muss es jetzt endlich angemessene gesetzliche Rahmenbedingungen für das Gesundheitspersonal geben. Laut diversen Studien hat Deutschland in der Pflege die schlechteste Personalbemessung in Europa. Es darf also nicht nur um minimale Absicherung gehen. Wir müssen die Patienten gut behandeln können.

Die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg teilte am Dienstag zum »Tag der Pflegenden« mit: Vor allem Fachkräfte fehlten. Auf 12.900 freie Stellen kämen derzeit 5.400 Erwerbslose. Woran kann das liegen?

Wie soll es Menschen gehen, die diesen Beruf lange ausüben, wenn schon in den ersten drei Jahren Ausbildung auffällt, dass Krankenhäuser kaputtgespart werden? Aufgrund des Personalmangels müssen Azubis Aufgaben wahrnehmen, für die sie noch gar nicht qualifiziert sind. Anleitung fehlt oft.

62 Prozent der zu Pflegenden sind weiblich, Frauen stellen mit 83 Prozent den Großteil des Pflegepersonals. Der Dachverband Lesben und Alter e. V. vermeldet zum Tag der Pflegenden, dass feministische und lesbische Frauen spezielle Bedürfnisse haben. Spielt das eine Rolle?

Wenn eine Pflegekraft bis zu 16 Personen betreuen muss, sind im Endeffekt alle gleichermaßen einem hohen Risiko ausgesetzt. Aber natürlich treten feministische Verbände besonders für ihre Klientel ein, weil auf deren Bedürfnisse und Biographie erst recht kaum Rücksicht genommen werden kann. Wir vom »Care Walk« treten für mehr Gleichberechtigung und bessere Bezahlung ein.

Ruth G. (Name der Redaktion bekannt)ist beim »Walk of Care«, einer Initiative von Auszubildenden in verschiedenen Gesundheitsberufen, organisiert

https://www.jungewelt.de/artikel/426356.bundesweite-walk-of-care-demos-patienten-müssen-gut-behandelt-werden-können.html