04.05.2022 / Titel / Seite 1

Tod durch Polizeigewalt

Mannheim: Video zeigt Misshandlung eines am Boden liegenden Mannes durch Polizeibeamte. Protestkundgebungen in mehreren Städten

Kristian Stemmler

Mitten in der belebten Mannheimer Innenstadt ist am Montag nachmittag ein offenbar psychisch kranker Mann bei einer Festnahme durch zwei Polizeibeamte schwer verletzt worden. Wenig später verstarb der 47jährige. Auf einem Video, das sich im Internet verbreitete, ist zu sehen, wie einer der Beamten mehrfach gegen den Kopf des am Boden fixierten Mannes schlägt. Ein zweites Video zeigt, wie einer der Beamten zuvor Pfefferspray einsetzte, und die beiden dem Mann hinterher rannten. Nach Angaben der Polizei wurde das Opfer, das nach Informationen von jW kroatischer Herkunft sein soll, vor Ort reanimiert. Es starb aber wenig später im Universitätsklinikum Mannheim.

Die verfügbaren Informationen zur Vorgeschichte des Einsatzes sind bisher dünn. In einer gemeinsamen Mitteilung der Staatsanwaltschaft Mannheim und des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg von Montag abend wird lediglich vermerkt, die Polizei sei am Mittag von einem Arzt des Zentralinstituts für seelische Gesundheit Mannheim, einer Psychiatrie mit knapp 400 Betten, alarmiert worden. Ein Patient der Klinik, bei dem es sich um den 47jährigen gehandelt haben soll, benötige Hilfe. Der Mann habe dann »durch zwei Beamte des Polizeireviers Mannheim-Innenstadt zusammen mit dem alarmierenden Arzt« im Bereich der Marktstraße »lokalisiert« werden können.

Weil der Mann »Widerstand geleistet« haben soll, sei »unmittelbarer Zwang« angewandt worden. Und weiter: »Der 47jährige kollabierte plötzlich und wurde aus bislang unbekannter Ursache reanimationspflichtig.« Der Berliner Linke-Politiker Ferat Kocak, der in Verbindung mit Aktivisten in Mannheim steht, bezeichnete diese Darstellung, die von vielen Medien übernommen wurde, als »dreist und abstoßend«. »Das kommt einer Täter-Opfer-Umkehr gleich. Jemand, der mit blutiggeschlagenem Gesicht auf der Straße liegt – der ist nicht plötzlich kollabiert«, sagte er am Dienstag gegenüber jW.

Tatsächlich ist in dem knapp 40 Sekunden langen Video zu sehen, wie die Beamten den bäuchlings auf dem Bürgersteig vor einem Geschäft liegenden Mann auf dem Boden fixieren. Deutlich ist zu hören, wie er ruft: »Ich will einen Richter.« Als er sich aufbäumt, schlägt ein Beamter ihm mehrfach mit der rechten Faust gegen den Kopf und legt ihm Handschellen an. Kurz darauf kollabiert der wehrlose Mann. Nach einem Schnitt im Video sieht man ihn leblos auf dem Rücken liegend, mit einer blutenden Wunde im Gesicht.

Die Mannheimer Bundestagsabgeordnete Gökay Akbulut (Die Linke) forderte eine »lückenlose Aufklärung« des Einsatzes. Der Fall zeige, »wie wichtig es ist, Polizistinnen und Polizisten beim Umgang mit psychisch kranken Menschen zu schulen«. Dies müsste dringend nachgeholt und für alle Beamten im Außendienst obligatorisch werden. Die Polizei erklärte, eine baldige Obduktion solle Klarheit über die Todesursache bringen. Gundram Lottmann, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, verwahrte sich gegen die in sozialen Medien laut gewordene Kritik an den Beamten, die er »menschenverachtend« nannte.

Schon am Montag abend hatten sich rund 200 Demonstranten auf dem Mannheimer Marktplatz versammelt. Für Dienstag abend wurde zu einer Demonstration in der Stadt mobilisiert. Auch in anderen süddeutschen Städten waren Kundgebungen geplant. Ferat Kocak sagte zu jW, nach dem Tod von ­George Floyd »hieß es immer von Medien und Politikern, in Deutschland sei so etwas nicht möglich. Das scheint ein Irrtum gewesen zu sein.«

https://www.jungewelt.de/artikel/425804.brutaler-einsatz-tod-durch-polizeigewalt.html