23.04.2022 / Feuilleton / Seite 10

Der verheimlichte Krieg

Die meisten deutschen Medien nahmen den Aufstand im Donbass und die Verbrechen Kiews seit 2014 nicht zur Kenntnis. Ulrich Heyden versucht, das zu korrigieren

Arnold Schölzel

Alle Russen seien Feinde, sagt der ukrainische Botschafter und Faschistenfan Andrij Melnyk in der FAZ. Das gilt in der »Zeitung für Deutschland« schon immer, also war in ihr wie in allen Medien von der »antiterroristischen Operation«, die Kiew seit April 2014 gegen die eigene Bevölkerung in der Ostukraine durchführt, kaum etwas zu lesen. Es geht um 14.000 Tote – gefoltert, erschlagen, Opfer wahllosen Artilleriebeschusses. Aber eben Russen.

Mit seinem Buch »Der längste Krieg in Europa seit 1945. Augenzeugenberichte aus dem Donbass« bietet nun der Journalist Ulrich Heyden nützliche Informationen. Wer die eigene Faktenschwäche etwas beheben möchte, dem sei der Band empfohlen. Der Autor war seit 1992 Moskau-Korrespondent für Taz, Tagesspiegel, Deutschlandfunk oder die Sächsische Zeitung – bis 2014. Nun hat ihm am 23. März auch der Chefredakteur des Freitag, Philip Grassmann, mitgeteilt, Heyden sei »bis auf weiteres nicht mehr« für die Wochenzeitung tätig. Denn der Westen trage, anders als Heyden schreibe, »keine Mitverantwortung« für den Ukraine-Krieg. Hierzulande wird nicht verboten, nur eine abweichende Meinung rausgeworfen. Die deutschen Chefredakteure, schreibt Heyden in seinem Buch, »schicken seit 2014 keine Journalisten mehr in die Volksrepubliken« Donezk und Lugansk. Sein Kommentar zu dieser Glanzleistung: »Man schaut, versteht aber nichts. Denn man weiß nicht, wie die Menschen in den Volksrepubliken leben.« Sie seien anscheinend »so etwas wie Aussätzige«.

Das ist nicht nur deutsche Tradition im Umgang mit Russen, es folgt auch der Methode Melnyk: Wer Feind ist, wird umgebracht, und man redet nicht darüber. Heyden begründet seine Idee zu diesem Buch so: »Weil die großen deutschen Medien über den Krieg im Donbass nur aus der Sichtweise Kiews berichten.« Also Verbrechen abstreiten, die begehen nur Russen. Heyden hat in diesem Band Reportagen, Interviews und Analysen aus den vergangenen acht Jahren zusammengefasst, einige sind schon erschienen, anderes liegt erstmals gedruckt vor. Sein Buch handele »von Menschen, deren Dörfer und Städte von der ukrainischen Armee und rechtsradikalen Freiwilligenbataillonen beschossen wurden, von Kindern, die am Geräusch erkennen, um was für eine Granate oder Rakete es sich handelt und woher geschossen wird, von freiwilligen Kämpfern, die sich an der ›Kontaktlinie‹ zur Zentralukraine tief in die Erde eingegraben haben und gelegentlich auch zurückschießen.« Heyden war seit 2014 oft in der Region und hat dort nie russische Truppen angetroffen, obwohl doch laut allen freien Stimmen der freien Welt Wladimir Putin das Land besetzen ließ. Wie sich das erklärt? Man müsse, so Heyden, nicht Anhänger des russischen Präsidenten sein, »um festzustellen, dass Rechtsextremismus und Ultranationalismus in der Ukraine von staatlichen Stellen gefördert werden und einen starken Einfluss auf die Gesellschaft haben.« Als Beispiel führt der Autor den bis heute nicht geahndeten Brandanschlag auf das Gewerkschaftshaus von Odessa am 2. Mai 2014 an, bei dem mindesten 42 Menschen ums Leben kamen. Heyden war Koregisseur des Films »Lauffeuer«, der das Verbrechen untersucht. Das Berliner Kino »Babylon« und das »Haus der Demokratie« zogen 2015 Zusagen für dessen Aufführung zurück. Es wird nichts verboten, nur verjagt.

Dazu passt Melnyks Plapperei am 6. Februar 2022 in der ARD-Sendung »Anne Will«, die Heyden zitiert: »Das deutsche Verteidigungsministerium hat seine strategischen Berater in unserem Verteidigungsministerium seit Jahren sitzen und arbeiten, und die deutsche Seite ist bestens informiert, was wir brauchen und was wir nicht brauchen.« Und, lässt sich ergänzen: Was das Nazibataillon »Asow« benötigt. Vor allem Panzer.

Der Autor hat den Band in sieben Kapitel gegliedert, von »Eine Reise durch die Volksrepublik Lugansk« über »Das über die Jahre zerredete Minsk-2-Abkommen« und »Die heiße Phase des Krieges 2014/15« bis »Oligarchen, Kohleschmuggel und Schienenblockaden« sowie »Alltag im Krieg«. Die Gesprächspartner stammen aus allen sozialen und Altersgruppen – nur nicht aus Oligarchenkreisen. Heyden schildert, dass der Aufstand im Donbass 2014 zwar durch das Entsetzen über den Putsch vom 22. Februar 2014 in Kiew und den Einzug von Faschisten in die Regierung ausgelöst wurde, aber stets eine antioligarchische Tendenz hatte. Das gefiel in Moskau nicht, also wurden Kommunisten und Linke in den »Volksrepubliken« marginalisiert.

Hierzulande gilt das Wort des ehemaligen ZDF-Moderators Klaus Kleber vom 21. Juli 2014: »In der Ukraine gibt es keine Faschisten, zumindest nicht an verantwortlichen Stellen in Kiew.« Wer wie Heyden anderes nachweist, wird nicht verboten, nur vom Hof gejagt.

Ulrich Heyden: Der längste Krieg in Europa seit 1945. Augenzeugenberichte aus dem Donbass. Verlag Tredition, Hamburg 2022, 335 Seiten, 19,90 Euro

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