06.04.2022 / Inland / Seite 5

Lehren aus der Pandemie

Krankenhausreport 2022: Weniger Schwererkrankte suchten in letzten beiden Jahren Kliniken auf. AOK fordert Konzentration der Versorgung

Susanne Knütter

Die Stimmen, die hierzulande eine Konzentration der Krankenhausversorgung fordern, mehren sich. Am Dienstag nahm der Bundesverband der AOK seinen Krankenhausreport 2022 zum Anlass, um »mehr Spezialisierung von Kliniken und eine Konzentration von Leistungen« zu fordern. »Gerade ein herausforderndes Krankheitsbild wie Covid-19« brauche eine Versorgung »durch spezialisierte und routinierte Behandlungsteams an gut ausgestatteten Kliniken«, sagte die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann, bei der Vorstellung des Berichts in Berlin.

Laut dem Krankenhausreport, der als Schwerpunktthema die Patientenversorgung während der Pandemie aufgriff, hat ein Viertel der Kliniken in Deutschland etwa 62 Prozent der schwer erkrankten Patienten mit Covid-19 behandelt. Und das waren in erster Linie große »Maximalversorger« und Unikliniken. Für Reimann ist das ein Indiz dafür, »wie dringlich eine Krankenhausreform ist, die Zentrenbildung, mehr Kooperation und mehr Spezialisierung der Kliniken forciert«. Nach Einschätzung der AOK werden »unsere gut ausgebildeten Mediziner und Pflegekräfte auf viel zu viele Klinikstandorte« verteilt. Das sei ineffizient und erhöhe die Arbeitsbelastung der Beschäftigten.

Dabei ist der Befund nicht neu. 25 Prozent der größten Krankenhäuser behandeln auch generell etwa 60 Prozent der stationären Patienten in Deutschland, erklärte Klaus Emmerich vom Bündnis Klinikrettung auf jW-Nachfrage. »Die restlichen 40 Prozent stationären Fälle und auch Covid-Behandlungen erfolgen kompetent in kleinen Krankenhäusern überwiegend in ländlichen Regionen.« Daraus eine Klinikkonzentration abzuleiten, sei nicht gerechtfertigt. Zum einen wären die Großkliniken niemals in der Lage gewesen, die verbleibenden 40 Prozent der Covid-19-Patienten zu behandeln. Nicht umsonst habe es Lockdownphasen und sogar Verlegungen von Coronapatienten in andere Bundesländer gegeben. »Es fehlte bundesweit an Vorsorgekapazitäten in großen und in kleinen Kliniken.« Zum anderen sind die kleinen Krankenhäuser unverzichtbar, um ein flächendeckendes klinisches Versorgungsnetz mit der Erreichbarkeit von Allgemeinkrankenhäusern binnen 30 Fahrzeitminuten zu sichern. Dies ist bereits heute nicht flächendeckend gewährleistet. Ein klinischer Konzentrationsprozess würde die Engpässe signifikant verschärfen. Die Belastung der Beschäftigten hänge eben nicht von der Anzahl der Krankenhäuser, sondern von der Anzahl der zu behandelnden Patienten ab. Das sieht auch Jürgen Klauber, Geschäftsführer des wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido), so. Aus seiner Sicht könnte eine Ausgliederung von stationären Behandlungen in den ambulanten Bereich Abhilfe schaffen. Keine Rolle spielten auf der Pressekonferenz hingegen Entlastungsinstrumente wie eine verbindliche Personalbemessung oder die Abschaffung der Fallpauschalen.

Auf die bereits bestehenden Engpässe im hiesigen Krankenhauswesen deuteten auch die Rückgänge bei den Fallzahlen hin, die der AOK-Krankenhausreport 2022 dokumentiert.

Insbesondere die Entwicklungen im Bereich der Notfallversorgung geben dem Bericht zufolge Anlass zur Sorge: Beim Herzinfarkt waren 2021 insgesamt neun Prozent weniger Krankenhausbehandlungen festzustellen als 2019. Die Zahl der Schlaganfall-Behandlungen lag 2021 um sieben Prozent niedriger als im Vergleichsjahr 2019. »Eine Detailanalyse für den Krankenhausreport zeigt, dass in den Kliniken eher schwerere Fälle angekommen sind«, berichtete Wido-Geschäftsführer Klauber. Die Verschiebung hin zu einem höheren Anteil schwererer Fälle mit höherer Sterblichkeit sei ein Hinweis darauf, dass Patienten mit milderen Symptomen »vielfach nicht oder nur verzögert den Rettungsdienst alarmiert haben«, erläuterte er.

Aus Sicht von Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Krankenhausgesellschaft, zeigen gerade die Zahlen bei Herzinfarkt und Schlaganfall, dass viele leichtere Fälle überhaupt nicht behandelt wurden, weil Patienten aus Angst vor Infektion oder Überlastung das Krankenhaus gemieden haben.

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