26.11.2021 / Feuilleton / Seite 10

Wer ist Lisa?

Mutanten metzeln war auch mal spannender: »Resident Evil: Welcome to Raccoon City«

Marc Hairapetian

Werktreue muss kein Garant für Qualität sein. Jüngstes Beispiel: die Computerspielverfilmung »Resident Evil: Welcome to Raccoon City«. Ein Reboot, auf das man problemlos hätte verzichten können. Die Adaption von Regisseur Johannes Roberts folgt der von Shinji Mikami erdachten und 1996 von der japanischen Softwarefirma Capcom veröffentlichten Videospielreihe, im Wortsinn auf Schritt und Tritt, ist aber weitaus weniger gruselig. Zudem ist sie deutlich dilettantischer inszeniert als die von Paul W. S. Anderson produzierten, teilweise auch gedrehten, sechs Vorgänger, die zwischen 2002 und 2016 insgesamt 1,2 Milliarden US-Dollar in die Kinokassen spülten (Anderson ist diesmal nur Executive Producer).

Die in der kanadischen Gemeinde Greater Sudbury (Ontario) gedrehte US-amerikanisch-britisch-deutsche Koproduktion spielt in einer einzigen Nacht, der vom 30. September auf den 1. Oktober 1998: Raccoon City, die einst so florierende Heimat des Pharmariesen Umbrella im Mittleren Westen der USA, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Abwanderung des Unternehmens hat den Ort in eine Geisterstadt verwandelt. Dem nicht genug, breitet sich eine merkwürdige Seuche aus, die die Bewohner in mordende Monster verwandelt. Claire Redfield (Kaya Scodelario) versucht, die seltsamen Vorkommnisse zu enträtseln und vor allem Umbrellas zwielichtige Rolle darin aufzudecken. Parallel dazu untersucht ihr Polizistenbruder Chris (Robbie Amell) mit seiner Einheit in einem alten Anwesen vor den Toren der Stadt das Verschwinden zweier Kollegen.

»Resident Evil« gilt als Inbegriff des »Survival Horror«-Genres. In klaustrophobischen Szenarien müssen die Protagonisten Mutanten töten, um nicht selbst abgeschlachtet zu werden. So auch in der Kinoversion von Johannes Roberts. Doch der Regisseur und Drehbuchautor ist eben nicht Anderson. Und dessen Gattin Milla Jovovich, die in den ersten sechs Filmen die Hauptfigur spielte, vermisst der Genrefreund natürlich auch. Das mimisch nicht sehr hochbegabte Fotomodell gab der toughen Alice tatsächlich so etwas wie Ausstrahlung – was man von der blassen Kaya Scodelario als Claire leider nicht behaupten kann.

Die zu Beginn des Films bei der Recherche zu den mysteriösen Ereignissen aufgeworfenen Fragen spielen im weiteren Verlauf fast keine Rolle mehr. Wer ist denn nun die durch Experimente schrecklich entstellte Lisa Trevor (Marina Mazepa)? Welche Strippen hat Umbrella in Raccoon City überhaupt gezogen? Und wie konnte Claire als Kind aus dem Waisenhaus fliehen? Roberts schert sich um Logik reichlich wenig, die von ihm verfassten Dialoge sind hölzern, die CGI-Technik ist lausig. Seine guten Momente hat das B-Movie über das unvorstellbar Böse immer dann, wenn, wie bei den Masken der Monster, auf handgemachte Effekte gesetzt wird. Die Tagline des Trailers passt halbwegs: »Angst ist ansteckend.« Für die sorgt im Kinosaal freilich nicht der Film – eher schon ein Virus namens Corona.

»Resident Evil: Welcome to ­Raccoon City«, Regie: Johannes ­Roberts, USA/BRD/GB 2021, 107 Min., bereits angelaufen

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