29.10.2021 / Titel / Seite 1

Bosse zündeln bei Opel

Konzernspitze von Stellantis will Werkzeugbau in Rüsselsheim dichtmachen. Proteste diesen Freitag bei bundesweitem Aktionstag der IG Metall

Oliver Rast

Sie setzen auf Eskalation. Die Bosse von Opel wollen den Bereich Werkzeugbau am hessischen Traditionsstandort Rüsselsheim plattmachen, alle 260 Arbeitsplätze vernichten. Das kündigten sie nonchalant am Mittwoch an: »Bestehende Projekte werden hier zum Jahresende auslaufen«, entgegen anderslautenden Zusagen von vor vier Monaten. Ein Affront gegen den Gesamtbetriebsrat (GBR). Der reagierte prompt, sprach in einem internen Rundschreiben, das jW vorliegt, von »Vertragsbruch«.

Und das gleich doppelt: Zum einen werde der abgeschlossene »Teilinteressenausgleich gegen soziale Härten« seitens des Unternehmens annulliert, zum anderen verstoße Opel gegen den geltenden Zukunftstarifvertrag, der den Autobauer verpflichtet, zur Betriebserhaltung und Beschäftigungssicherung zu investieren, betonten die Mitarbeitendenvertreter. Sie fordern ferner ein Ende der »permanenten und nie endenden Restrukturierung«, die mit der Übernahme von Opel Anfang des Jahres durch Stellantis eingesetzt habe. Der neue, viertgrößte Fahrzeughersteller war Anfang des Jahres aus der Fusion der Peugeot-Mutter PSA mit Fiat Chrysler entstanden.

Die Betriebsräte legten am Donnerstag mit einem zweiten Schreiben nach, das jW aus Belegschaftskreisen zugespielt wurde. Darin warnten sie vor dem »großen Fehler«, die Fachkompetenz der Karosseriebauer in Rüsselsheim aufzugeben.

Der Interessenkonflikt zwischen Konzernspitze und Arbeitern schwelt bereits seit Jahren. Anfang 2020 etwa hatte der GBR mit der Geschäftsführung vereinbart, den Kompaktwagen »Astra« wieder im Rüsselsheimer Stammwerk zu bauen und den Kündigungsschutz bis Mitte 2025 zu verlängern. Ein Deal mit Folgen: Im Gegenzug hatten GBR und IG Metall (IGM) der Streichung von bis zu 2.100 Stellen in Deutschland bis Ende 2021 über ein »Freiwilligenprogramm« zugestimmt.

Klar ist: Stellantis hält von Abmachungen nichts – und rechtfertigte den Angriff auf Arbeiterexistenzen am Donnerstag gegenüber jW damit, dass »infolge der Transformation der Automobilindustrie« ab kommendem Jahr »keine angemessene Auslastung im Werkzeugbaubereich mehr möglich sein wird«. Nun gehe es darum, die Werksdemontage »sozialverträglich umzusetzen«. Zum Vorwurf aus Belegschaftskreisen, wonach bei Stellantis »Mitarbeiterabschusslisten« geführt würden, wollte sich der Konzernsprecher nicht äußern.

Jubelmeldungen waren wichtiger. Stellantis präsentierte am Donnerstag einen Nettoumsatz von knapp 33 Milliarden Euro für das dritte Quartal. Ein Geschäftserfolg, wie Finanzvorstand Richard Palmer in einer Stellungnahme befand – erzielt mittels »umfassender kommerzieller Maßnahmen«. Übersetzt: durch aggressive Kahlschlagspolitik.

Unterstützung erhält die Belegschaft aus der hessischen Landespolitik. Die Oppositionsfraktion der SPD forderte am Donnerstag gegenüber jW, dass die »schwarz-grüne« Landesregierung der Stellantis-Geschäftspolitik »entgegentritt«. Deutlicher wird Pascal Meiser, gewerkschaftspolitischer Sprecher der Linke-Bundestagsfraktion: »Die Beschäftigten haben alles Recht der Welt, sich mit aller Macht zur Wehr zu setzen«, sagte er gleichentags zu jW.

Das wollen sie tun. Betriebsrat und Metaller mobilisieren Opelaner zu Protesten im Rahmen des bundesweiten IGM-Aktionstags »Fairwandel« an diesem Freitag. Mit der »Zerstückelung von Opel« müsse Schluss sein, heißt es im Aufruf – und für Rüsselsheim: »Rücknahme der Schließungspläne!«

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