23.09.2021 / Ansichten / Seite 8

Lichtkanone des Tages: Frank-Walter Steinmeier

Peter Merg

Frank-Walter Steinmeier mag nicht die schmierige Beflissenheit eines Joachim Gauck haben, doch im staatsmännischen Daherquatschen ist er ganz der Profi, den es im Präsidentenamt braucht. Routiniert umschiffte er am Mittwoch beim Festakt zur Eröffnung des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im Berliner Humboldt-Forum alle Klippen der hitzigen Diskussionen über Kolonialismus und Entschädigung, Raubgüter und Rückgabe.

Und schlug sich so rhetorisch wirkungsvoll wie praktisch folgenlos an die Brust: Auch Deutsche waren unter den Tätern. Als Kolonialherren hätten sie Menschen unterdrückt, ausgebeutet und umgebracht. Nicht nur die Historiker seien hier in der Pflicht, »Licht ins Dunkel« zu bringen: »Das Unrecht, das Deutsche in der Kolonialzeit begangen haben, geht uns als ganze Gesellschaft etwas an«, denn, Überraschung: »in unserem Land gibt es auch in der Gegenwart, mitten im Alltag dieser Gesellschaft, Rassismus, Diskriminierung, Herabsetzung von vermeintlich Fremden – bis hin zu tätlichen Angriffen und Gewalt«. Ob so viel Bekennerstolz sprachlich wagemutig geworden, setzte er hinzu: »Die tieferen Wurzeln des Alltagsrassismus werden wir nur dann verstehen und überwinden können, wenn wir die blinden Flecken unserer Erinnerung ausleuchten, wenn wir uns viel mehr als bislang mit unserer kolonialen Geschichte auseinandersetzen!«

Und mit der kolonialen Gegenwart? Heute ist man pragmatischer geworden und nimmt dem Afrikaner nicht mehr die Bronzestatuen weg, gibt ihm freilich trotzdem die Kugel, wenn er nicht spurt und seine Rohstoffe rausrückt (siehe Mali) oder lässt ihn ersaufen, wenn er sich unerlaubt europäischen Grenzen nähert (siehe Mittelmeer). Damit aber im dunkeln bleibt, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun haben könnte – dafür hat es ein Humboldt-Forum und einen Beleuchter wie Steinmeier.

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