21.09.2021 / Kapital & Arbeit / Seite 9

Heizen wird teurer

Steigende Gaspreise: Firmenpleiten in Großbritannien. Haushalte in Deutschland werden durch höhere CO2-Abgabe belastet

Steigende Gaspreise setzen der britischen Wirtschaft zu. Die Energiekrise könne noch einige Monate dauern, sagte Premierminister Boris Johnson in der Nacht zum Montag bei einem Besuch in New York. Es brauche Zeit, bis sich die globale Industrie von den Folgen der Coronapandemie erhole. »Es ist, als ob am Ende einer TV-Sendung jeder den Wasserkocher anstellt. Es ist eine enorme Belastung der weltweiten Versorgungssysteme zu sehen«, sagte Johnson. Zugleich versuchte der Premier, die Bevölkerung zu beruhigen. Die Störungen seien nur vorübergehend. »Die Marktkräfte werden das sehr schnell ausgleichen, und wir werden alles tun, um zu helfen.«

Die Gaspreise sind in Großbritannien seit Jahresbeginn um 250 Prozent gestiegen. Dafür werden unter anderem die weltweit steigende Nachfrage und die geringere Energiegewinnung durch Wind und Sonne verantwortlich gemacht. Dem Guardian zufolge stehen mehrere kleine Energiefirmen kurz vor dem finanziellen Kollaps. Fünf von ihnen haben bereits in den vergangenen Wochen Insolvenz anmelden müssen. Die Regierung will jedoch keine finanziellen Rettungsprogramme für die betroffenen Unternehmen auflegen. Die Kunden sollen demnach an größere Unternehmen versteigert werden. Damit solle verhindert werden, dass die Verbraucherpreise weiter erhöht werden. Die Gaspreissteigerungen treffen auch weitere Bereiche der britischen Wirtschaft und der öffentlichen Versorgung. Zwei große Düngemittelfabriken, die Kohlenstoffdioxid (CO2) als Nebenprodukt produzieren, müssen geschlossen wurden. CO2 wird unter anderem für Vakuumverpackungen bei Fleisch oder für Bier benötigt. Der Lebensmittelkonzern Bernard Matthews kündigte daraufhin an, es könne zu erheblichen Einschränkungen im Weihnachtsgeschäft kommen. Der staatliche Gesundheitsdienst teilte mit, wegen des CO2-Mangels könnten Operationen abgesagt werden. Dadurch würde der enorme Rückstau in den Kliniken noch vergrößert.

Auch in Deutschland machen sich die steigenden Gaspreise bemerkbar. Nach Angaben des Vergleichsportals Verivox haben 32 regionale Anbieter für September und Oktober Aufschläge von durchschnittlich 12,6 Prozent angekündigt. Beim Beheizen eines Einfamilienhauses führe das zu Mehrkosten von 188 Euro im Jahr. Die Einfuhrpreise für Erdgas, die vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle ermittelt werden, sind in diesem Jahr um 42 Prozent gestiegen. »Wir erwarten in diesem Herbst eine größere Gaspreiswelle«, sagte Thorsten Storck von Veri­vox. Hinzu komme, dass die Gasspeicher in Europa nach dem vergleichsweise kalten Winter 2020/21 noch nicht wieder komplett aufgefüllt seien. In der Bundesrepublik seien sie aktuell zu weniger als zwei Drittel genutzt. Die über ganz Deutschland verteilten unterirdischen Speicher gleichen vor allem im Winter Verbrauchsspitzen aus. An kalten Tagen werden bis zu 60 Prozent des Gasverbrauchs aus inländischen Speichern abgedeckt.

Die von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte erhöhte CO2-Abgabe schraubt die Energiepreise zusätzlich nach oben. Die Verbraucherzentrale (Bundesverband) forderte am Montag, die Einnahmen aus dem Aufschlag für Öl und Gas vollständig an die Bevölkerung zurückzuerstatten. Die seit 1. Januar geltende Steuer auf fossile Energieträger müsse unabhängig von der Höhe an die Haushalte zurückfließen. Kurzfristig solle die Bundesregierung die Bürger bei den Kosten für mehr Klimaschutz entlasten, indem sie die EEG-Umlage und insgesamt die Strompreise senke, heißt es weiter. Der CO2-Preis im Verkehr und fürs Heizen beträgt derzeit 25 Euro pro Tonne CO2. Er verteuert den Einsatz klimaschädlicher Brennstoffe und soll so Anreize für das Nutzen sauberer Energiequellen schaffen. Bis 2025 soll der Preis auf 55 Euro steigen. Dadurch müssen Verbraucher an der Zapfsäule und fürs Heizen mehr zahlen – sofern keine sauberen Alternativen genutzt werden. (AFP/dpa/jW)

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