18.09.2021 / Kapital & Arbeit / Seite 9

Streik gegen Kahlschlag

Flugzeugbauer Airbus vor Konzernumbau. IG Metall fordert Sozialtarifvertrag. Ausstände an mehreren Standorten

Steffen Stierle

Der Flugzeugbau- und Rüstungskonzern Airbus SE mit seinen weltweit mehr als 130.000 Beschäftigten soll nach dem Willen der Unternehmensführung »schlanker« werden. Vor allem die deutschen Standorte wären von den Umstrukturierungsmaßnahmen betroffen. Bis zu 13.000 Arbeitsplätze stehen hierzulande auf dem Spiel. Die bisherigen Verhandlungen über die Zukunft der Standorte und eine soziale Absicherung der Beschäftigten verliefen ergebnislos. Seit Freitag wird gestreikt.

Heruntergefahren wurde im Rahmen der Arbeitskampfmaßnahmen zunächst die Produktion an den Standorten Hamburg, wo bis zu 4.000 Arbeitsplätze bedroht sind, und Buxtehude. Im Tagesverlauf haben sich weitere Belegschaften von Airbus Operations sowie der in Augsburg ansässigen Konzerntochter Premium Aerotec angeschlossen. Kundgebungen fanden am Freitag vormittag in Hamburg, Stade, Bremen, Varel und Augsburg statt. Der Warnstreik soll laut IG Metall über mehrere Schichten laufen und bis Sonnabend andauern.

»Am Verhandlungstisch kommen wir nicht weiter«, begründete Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, die Arbeitsniederlegung. Die Gewerkschaft fordert unter anderem ein »Zukunftspaket« mit festen Zusagen für alle Beschäftigten und Standorte – unter dem Dach von Airbus, ohne Abspaltung. Dies lehnt die Konzernführung rigoros ab. »Das Unternehmen setzt auf Konfrontation und zwingt uns in den Konflikt«, so Friedrich weiter. Da die Kapitalseite nicht bereit sei, gemeinsam mit den Beschäftigten die Zukunft zu gestalten, »müssen wir für eine soziale Absicherung der betroffenen Kolleginnen und Kollegen streiten«.

Auslöser der Auseinandersetzung war die Ankündigung von Airbus-Chef Guillaume Faury, Anfang kommenden Jahres Teile von Airbus Operations und große Teile von Premium Aerotec in einer neuen Tochterfirma aufgehen zu lassen. Darüber hinaus soll eine neue Einheit geschaffen werden, die für die Fertigung von Einzelteilen und Kleinkomponenten zuständig ist. Diese wiederum soll auch andere Kunden bedienen. Angestrebt wird die Verbindung mit einem »starken, externen Partner«. Ziel des Umbaus sei es, den Produktionsablauf zu optimieren und eine neue industrielle Struktur zu schaffen, hieß es im April, als die Pläne vorgestellt wurden.

Die IG Metall hatte daraufhin angekündigt, man werde »das nicht mittragen«. Befürchtet werden seitens der Gewerkschaft Einschnitte für die Beschäftigten sowie spätere Abspaltungen von Unternehmensteilen. »Morgen Tochtergesellschaft, übermorgen verkauft?« hieß es in einem Flugblatt der Airbus-Betriebsräte. Die strikte Weigerung der Konzernführung, Standorte und Arbeitsplätze zu garantieren, stützt die These, dass durch den Konzernumbau späteren Abspaltungen und Entlassungen Vorschub geleistet wird.

Gemeinsam mit dem Konzernbetriebsrat hatte die Gewerkschaft den angekündigten Umbau als »Schwächung des Luftfahrtstandortes Deutschland« bezeichnet. »Die Gründung neuer Gesellschaften und die Spaltung von Standorten führt zu mehr Schnittstellen im Produktionsprozess, mehr Komplexität, mehr Bürokratie und mehr Kosten«, hieß es weiter.

In den bisherigen beiden von Aktionen der Belegschaften begleiteten Verhandlungsrunden hatte das Management auf stur geschaltet. Weder zur Zukunft der Standorte noch zur Übernahme von Aerotec in die neue Struktur oder zu Zukunftsprogrammen für die Niederlassungen habe die Gegenseite konkrete Aussagen gemacht, hatte die IG Metall im Anschluss beklagt. Die Konzernführung »bewegt sich in Trippelschritten und bleibt immer unkonkret, wenn es spannend wird«, so Friedrich.

Auch die Forderung der Gewerkschaft nach einem Sozialtarifvertrag, in dem die Bedingungen für die von der Umstrukturierung betroffenen Beschäftigten geregelt werden, ist die Unternehmensleitung nicht eingegangen. Als Absicherung für Beschäftigte, die ihren Job verlieren, verlangt die IG Metall eine Abfindung von drei Bruttomonatsgehältern je Beschäftigungsjahr bei einem Sockelbetrag von 25.000 Euro. Zudem sollen nach dem Willen der Gewerkschaft eine Härtefallregelung für die eigenen Mitglieder sowie zweijährige Qualifizierungsmaßnahmen bei Fortzahlung der Bezüge vereinbart werden. Als Laufzeit für diese Regelung werden zwölf Jahre vorgeschlagen.

»Weitere Warnstreiks sind nicht ausgeschlossen«, sagte Heiko Messerschmidt, Sprecher der IG Metall Küste, im Gespräch mit jW. Bislang seien keine Verhandlungstermine mehr angesetzt. Es sei jetzt an Airbus, auf die Gewerkschaft zuzugehen und Angebote zu machen. »Bislang gibt es keine Bereitschaft, die bestehenden Standorte unter dem Dach von Airbus zu behalten«, so Messerschmidt weiter. Auch zur geforderten Absicherung der vom Umbau betroffenen Beschäftigten liege bislang kein Angebot der Gegenseite vor.

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