17.09.2021 / Thema / Seite 12

Friedhof der Großmächte

Afghanistan: Es ging und geht um imperialistische Machtpolitik, nicht um Frauenrechte und Demokratie

Stefan Bollinger

Die Medien waren voll von Schreckensnachrichten. Afghanistan, der Staat am Hindukusch, befindet sich in Auflösung, die Taliban sind zurück an der Macht. Tausende strömten zum Kabuler Flughafen, um im letzten Moment ihr Leben zu retten. Westliche Politiker und Journalisten zeigten sich erschrocken, dass ein zwanzig Jahre dauernder Krieg, der Zehntausende Afghanen – Regierungssoldaten, Aufständische und Zivilisten – sowie Tausende westliche Soldaten und ihre lokalen Helferinnen und Helfer das Leben gekostet hat, so unrühmlich zu Ende gehen konnte.

Die Kommentatoren erinnerten daran, dass bereits die Briten im 19. und die Sowjets im 20. Jahrhundert an den eigensinnigen, bärtigen, strikt religiösen Kämpfern für ihren Glauben und ihr Land – wohl genauer: ihre Clans – gescheitert waren. Nun ist es der »westlichen Staaten- und Wertegemeinschaft« ebenso widerfahren. Christopher Patten, jener britische Gouverneur, der 1997 die Kronkolonie Hongkong der Volksrepublik China übergeben musste, urteilt nüchtern: »Es stimmt, Afghanistan hat einen wohlverdienten Ruf, ein politischer Friedhof zu sein, aber auch ein echter.« Patten zitiert den früheren britischen Premier Harold Macmillan, »dass es das erste Gesetz der Politik sei, nicht in Afghanistan einzumarschieren. Eine ähnliche Lektion hat die Sowjetunion in den 1980er Jahren in einem neunjährigen Krieg gelernt.« Nun also der Scherbenhaufen US-amerikanischer, westlicher Politik. »Was als Werbung für humanitäre Interventionen begann, diskreditierte das Konzept.«¹ Die Schlussfolgerung, die Patten nicht zieht: Die Sowjetunion ging auch »dank« ihres Krieges in den Bergen Afghanistans unter – ein Schicksal, dass nun auch dem Westen droht?

Die Verfasser der meisten sogenannten Analysen zu Afghanistan drücken sich vor dem Zusammenhang von imperialistischer und neokolonialer Politik, den Spätfolgen der Systemauseinandersetzung des vergangenen Jahrhunderts, den Abhängigkeiten innerhalb der »westlichen Gemeinschaft« und der rassistischen Überheblichkeit des Westens.

US-Amerikaner, Chinesen, Russen, Inder und Pakistanis wissen, wie wichtig die Länder zwischen Nahost und Indien, zwischen Russland und China sind. Sie bieten Transitwege und sind reich an Rohstoffen. Der Westen weiß, sie sind, wenn man sie beherrscht oder zumindest kontrolliert, ideale Aufmarschgebiete für Truppen, reguläre und irreguläre, die gegen die »Feindstaaten« Russland und China in Marsch gesetzt werden können.

Kaum einer mag sich erinnern: Der Krieg begann vor mehr als 40 Jahren. Im Februar 1980 posierte US-Sicherheitsberater Zbigniew Brezezinski am Khaiberpass, dem bedeutendsten Grenzübergang zwischen Afghanistan und Pakistan, mit einem Maschinengewehr, auf Afghanistan zielend, das mit sowjetischer Hilfe seine Revolution zu verteidigen suchte. Im Gepäck hatte der US-Emissär die Zusage für die Fortsetzung der finanziellen und logistischen Unterstützung der Mudschaheddin, die gegen die Kabuler Zentralregierung kämpften. Ein gewisser Osama bin Laden erhielt hier seinen ersten Einblick in das Terrorgeschäft, nur dass es sich seinerzeit eben »Freiheitskampf« nannte. Das gilt auch für viele Führer der Taliban. Dank großzügiger Hilfe durch die USA – unter anderem Waffenlieferungen, die auch tragbare Raketensysteme umfassten – konnten diese Kämpfer ihre Gegner in Schach halten und zurückdrängen.

Gescheiterte Revolution

Im April 1978 hatte in Afghanistan die linksgerichtete, prosozialistische und prosowjetische Demokratische Volkspartei Afghanistans (DVPA) mit Hilfe junger Militärs die Regierung gestürzt. Auch wenn es heute mitunter anders erzählt wird: Das Afghanistan jener Zeit war keine Demokratie – ganz im Gegenteil. Die Macht lag fest in den Händen einiger weniger reicher Familien. Ein aufstrebendes Bürgertum in den Großstädten stand einer riesigen armen und rückständigen Landbevölkerung gegenüber. Immer wieder kam es zu Massenprotesten gegen den seit 1973 amtierenden, autoritär herrschenden Präsidenten Mohammed Daoud Khan. Der Vorabend der »Saurrevolution« – »Saur« (Bulle, Stier) ist der persische Name für den zweiten Monat des iranischen, auch in Afghanistan gültigen Kalenders – war von Straßenprotesten und staatlicher Repression geprägt.

Die Ziele der DVPA entsprachen denen anderer linksgerichteter Bewegungen und Parteien in den Staaten der »dritten Welt«: Zerschlagung der feudalen und kapitalistischen Strukturen, Zurückdrängung der Religion, schrittweise Vergesellschaftung der Wirtschaft auch auf dem Lande, demokratische Verhältnisse jenseits der feudalen und Stammesstrukturen, breite Bildung für Männer wie Frauen sowie gesellschaftliche Gleichberechtigung der Geschlechter. Sie schrieben sich Bodenreform, Alphabetisierung, die Befreiung der Frauen auf die Fahne. Auch wenn es bis heute so dargestellt wird – der Umsturz durch die DVPA hatte wenig mit den Absichten der Sowjetunion zu tun. Afghanistan war aus deren Sicht ein passabler Nachbarstaat gewesen. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Moskau und Kabul waren gut. Trotzdem neigten die Führer Afghanistans – vom Westen umworben – wie so manch anderes »Dritte-Welt«-Land dazu, zwischen den machtpolitischen Blöcken zu lavieren.

Die Revolution änderte die Lage drastisch. Sie war die Reaktion auf ein autoritäres Regime, das wenige Jahre zuvor an die Stelle des Königreichs Afghanistan getreten war, das die Machtverhältnisse der feudalen und bürgerlichen Eliten lediglich modernisiert hatte und sich anschickte, die Linke auszuschalten. Als die DVPA, ihrem Selbstverständnis nach kommunistisch, in Kabul an die Macht kam, suchte sie die Nähe zur So­wjetunion. Gestützt auf Intellektuelle und Teile der Mittelschichten, löste die neue Regierung Enthusiasmus und Veränderungswillen aus.

Wenn es da nicht zwei miteinander verbundene Probleme gegeben hätte, die hier nur angedeutet werden können: Einmal war die DVPA keineswegs ein linker Monolith. Sie war in sich zerstritten, was sich alsbald nicht allein in Streitereien, sondern in heftigen, auch tödlichen Konfrontationen niederschlug. Die Fraktionen bekämpften sich bis aufs Blut. So wurde der erste Revolutionspräsident, Nur Muhammad Taraki, von seinen eigenen Genossen ermordet. Moskau wollte angesichts des drohenden Chaos retten, was noch zu retten war. Die einsame Entscheidung eines kleinen Kreises rund um den sowjetischen Partei- und Staatschef Leonid Breschnew zum Jahreswechsel 1979/80, mit eigenen Truppen in die Auseinandersetzungen der Bruderpartei einzugreifen, hatte verhängnisvolle Konsequenzen. Spezialisten in Moskau hatten davor gewarnt, aber sie blieben ungehört. Die eigentliche Militäraktion war zunächst erfolgreich. Es gelang, den Nachfolger Tarakis, den Parteiführer Hafizullah Amin, zu liquidieren. Sowjetische Truppen sicherten fortan das Funktionieren der politischen Macht in Kabul. Aber schnell wurde aus dem seit der Revolution laufenden, vom Westen unterstützten Bürgerkrieg der Mudschaheddin ein Krieg gegen die sowjetische Besatzungsmacht.

Das zweite Problem ist mit den innerparteilichen Auseinandersetzungen um den richtigen Kurs verbunden. Konnte ein radikales Programm der sozialen Umgestaltung zur Not mit Härte und Rücksichtslosigkeit umgesetzt werden? Musste oft ungeschickt provozierter politischer Widerstand mit Gewalt gebrochen werden, zumal schnell deutlich wurde, dass die Besitzenden Rückhalt jenseits der Grenzen fanden?

US-gestützter Bürgerkrieg

Fakt ist, die soziale Umgestaltung der alten feudalen, patriarchalen Strukturen ließ sich keineswegs so rasch ins Werk setzen wie gewünscht. Die Jahre 1978/79 waren durch einen linksradikalen Sturmlauf geprägt, der sich, Traditionen sowie Stammesbindungen leugnend, am Ende ins Gegenteil verkehrte. Bei vielen Afghanen provozierte das Feindschaft gegenüber den Machthabern in Kabul, gegenüber den Städtern und Intellektuellen. Die soziale Revolution scheiterte durch eigenes Verschulden und bot antikommunistischen Besitzstandswahrern diesseits und jenseits der Grenzen alle Chancen für eine Rückkehr an die Macht.

Zwar sorgten der sowjetische Einfluss und die sich nun durchsetzenden realistischeren Kräfte in der DVPA sowie im Staat für einen Lernprozess; in den folgenden Jahren wurde das Tempo der Umgestaltung gedrosselt, und man suchte Unterstützung in den Stammesstrukturen und fand diese teilweise auch. Aber die Nachwirkungen der radikalen Anfangsphase verbanden sich schnell mit den Konsequenzen des von außen geschürten Bürgerkriegs. Letztlich scheiterte die sowjetische Hilfe. Der Rückzug der Sowjetarmee 1989 verlief im Vergleich zur Flucht der US-geführten Allianz heute fast planmäßig. Die Moskauer Führung unter Michail Gorbatschow hoffte, dass die Afghanen ihre Probleme selbst lösen würden. Der neue starke Mann an Spitze von Staat und DVPA, Mohammed Nadschibullah, erwies sich als gewiefter Taktiker. Er schwächte den sozialen Umbruch ab und wandte sich den Stämmen zu. Es schien, als könnte es eine Chance für einen friedlichen Weg geben.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und die Abwendung der Weltöffentlichkeit einschließlich der Vereinten Nationen von den afghanischen Problemen sorgten schließlich für jene Wirren, die Nadschibullah 1992 zu Fall brachten. Nach langen blutigen Kämpfen setzten sich 1996 die Taliban durch, zu deren ersten Amtshandlungen Nadschibullahs Ermordung und die öffentliche Zurschaustellung seines Leichnams vor dem Präsidentenpalast zählten. Der afghanische Bürgerkrieg der 1990er Jahre war nicht mehr durch verschiedene ideologische Lager geprägt, die nackte Macht der Warlords bestimmte den Konflikt. Erst mit der Invasion der US-geführten Allianz 2001 wurden die Fronten geklärt und eine dem Westen genehme Führung installiert. Unter dem Deckmantel von Demokratisierung und Befreiung entstand ein Regime, das die alten Machtverhältnisse aufrechterhielt.

Allzuoft wird ausgeblendet, dass sich in den ausgehenden 1960er und in den 1970er Jahren die weltpolitische Lage verschoben hatten: Die strikte Ideologiekonfrontation begann sich aufzulösen. Das hatte in den sozialistischen Gesellschaften entscheidend mit dem Hinterherhinken hinter der westlichen Wirtschaftskraft zu tun. Dies war kein Vorgang, der sich schlagartig vollzog. Die sowjetischen Erfolge in Weltraumfahrt und Militärtechnik verdeckten noch, dass die Staaten des Warschauer Vertrags sich nicht weiterentwickelten. Aber bald wurde deutlich, dass eine Lücke zwischen dem ideologischen Anspruch und den materiellen Möglichkeiten der sozialistischen Staaten bestand. Das betraf auch die Fähigkeit, soziale Befreiung in Ländern zu finanzieren, die gerade erst den Weg in die Unabhängigkeit eingeschlagen hatten.

Religion macht Weltpolitik

1978/79 entschied sich im benachbarten Iran diese neue Tendenz. Die Antwort auf die als immer unerträglicher empfundene westliche Bevormundung war ein uraltes Ideologie- und Machtelement: die Religion in Gestalt des Islam. Dessen Führer versprachen ein Ende der sozialen Verwerfungen, eine neue Gemeinschaft von Gläubigen, ungeachtet ihrer sozialen Unterschiede, kurz: eine bessere Zukunft. In der Praxis erwiesen sich diese neuen Kräfte um den Ajatollah Ruhollah Khomeini als sehr machtsicher. Sie drängten den westlichen Einfluss zurück und schalteten rücksichtslos die linke Konkurrenz im Ringen um das Erbe der Schah-Macht aus. Die Tudeh-Partei, die wichtigste linke Partei des Iran, und andere linke politischen Kräfte wurden brutal bekämpft und buchstäblich ausgerottet. Die Besetzung der US-Botschaft und die Geiselnahme von US-Diplomaten im Winter 1979/81 markierten auch nach außen hin die Konfrontationsbereitschaft dieser neuen Ordnung.

Es gehört zu den verhängnisvollen Fehldeutungen der Geschichte, wenn heute die Zäsur im Verhältnis von »Islamismus« und »freiheitlichem Westen« in das Jahr 2001 verlegt wird. Der 11. September ist nur ein spektakulärer Nachklang. Denn der Iran steht für den älteren und viel schwerwiegenderen Bruch.

Anzumerken bleibt, dass die politische Reaktivierung und Radikalisierung unter religiösen Vorzeichen keineswegs ein Privileg von Muslimen ist. Evangelikale Verteidiger der »Freiheit« in den USA, einschließlich der militanten Schützer ungeborenen Lebens, die religiös argumentierenden Verfechter eines geteilten Irlands, die Verfechter eines biblischen Großisraels oder die Verteidiger der montenegrinischen Unabhängigkeit gegen eine serbisch-orthodoxe Vorherrschaft zeigen bis in diese Tage die Lebendigkeit dieser Konfliktverschiebungen und die Ohnmacht linker Parteien, Bewegungen und Ideologen.

Neue Ära des Imperialismus?

US-Präsident Joseph Biden hat am Tag des Abzugs des letzten regulären US-Soldaten aus Afghanistan sein Fazit aus zwei Jahrzehnten offenen US-Engagements gezogen: »Erstens müssen wir Missionen mit klaren, erreichbaren Zielen festlegen – nicht solchen, die wir nie erreichen werden. Und zweitens müssen wir uns klar auf die grundlegenden nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten von Amerika konzentrieren. Bei dieser Entscheidung über Afghanistan geht es nicht nur um Afghanistan. Es geht darum, eine Ära großer militärischer Operationen zu beenden, um andere Länder neu zu gestalten.«²

»Nation Building«, der große »System Change« mit militärischen Mitteln, steht wohl auf absehbare Zeit nicht mehr auf der Tagesordnung des US-Imperialismus. Für die USA ist seit 1945 – bis auf die Invasion Grenadas 1983 – keiner dieser Kriege, von Korea über Vietnam bis Afghanistan und Irak, glücklich ausgegangen. Weder gelang es, diesen Ländern das US-amerikanische, kapitalistische System in der gewünschte Form dauerhaft überzustülpen, noch wurde erreicht, in ihnen »Freedom and democracy« zu implementieren.

Diese Form von Menschheitsbeglückung ist moderner Imperialismus. Das schließt nicht aus, dass im Zuge dieser Missionen Teile der örtlichen Bevölkerung zu einigem materiellen Wohlstand kommen, dass bestimmte Akteure erfolgreich korrumpiert werden und für die Bürger durchaus Zugewinne an demokratischen Freiheiten und Rechten abspringen können. Doch es gab immer klare militärische und politische Ziele. Die betreffenden Länder sollten unter westlichen Einfluss gebracht, und im Fall Afghanistan sollte eine konkrete terroristische Bedrohung eliminiert werden, die man selbst gezüchtet hatte. Das war auch in dem entsprechenden Antrag der Bundesregierung für ein Einsatzmandat der Bundeswehr nicht anders formuliert: »Dazu beteiligt sich die Bundeswehr an der Operation Enduring Freedom. Diese Operation hat zum Ziel, Führungs- und Ausbildungseinrichtungen von Terroristen auszuschalten, Terroristen zu bekämpfen, gefangenzunehmen und vor Gericht zu stellen sowie Dritte dauerhaft von der Unterstützung terroristischer Aktivitäten abzuhalten. Deutsche bewaffnete Streitkräfte tragen dazu mit ihren Fähigkeiten bei. Der Beitrag schließt auch Leistungen zum Zweck humanitärer Hilfe ein.«³

Viele haben heute die Hoffnung, dass nach dem desaströsen US-Abzug aus Afghanistan die Karten neu gemischt werden, dass es auf Dauer für die USA und ihre Verbündeten schwer wird, politisch genehme Akteure zu finden, die sich auf ein riskantes Bündnis einlassen. Möglich, dass die USA sich, kurzfristig betrachtet, zurückhalten und vor weiteren Abenteuern zurückschrecken werden. Aus US-Sicht geht es aber nicht um die Preisgabe der Einflussnahme auf die Politik anderer Staaten. Das Modell der »samtenen Revolution« ist von Kiew bis Belgrad erfolgreich, an anderen Orten weniger erfolgreich erprobt worden. An Geld für solche Aktionen wird es ebensowenig mangeln wie an dafür benötigten »Dissidenten«. Und die inneren Widersprüche und Konflikte von Minsk bis Hongkong sorgen dafür, dass aus berechtigtem Unmut eine systemsprengende Opposition werden kann.

Sicher werden US-Planer im Pentagon oder in Langley, dem Sitz der CIA, auch der Niederlage in Afghanistan etwas Positives abgewinnen können. Denn nun herrscht eine explosive Gemengelage an den Grenzen von Russlands mittelasiatischen Verbündeten sowie an der Grenze zu China. Außerdem sind die von westlicher Interventionspolitik zerstörten Staaten – die »Failed states« von Libyen bis Somalia – für imperiale Machtgelüste gar nicht so unpraktisch. Hier kann Einfluss genommen werden, können Banden formiert und Rohstoffe ausgebeutet werden, ohne wirkliche staatliche Autorität fürchten zu müssen.

In Berlin und Brüssel denken Bundesregierung, EU und NATO darüber nach, wie neben den USA auch bei ihnen neue militärische Potentiale wie schnelle Eingreifverbände oder Lufttransportkapazitäten und Weltraumaufklärung aufgebaut werden könnten, genauer, wie die bereits eingeleiteten Rüstungsschritte zu forcieren sind. Keine guten Aussichten für das Lernen aus Fehlern und Niederlagen.

Demokratisches Alibi

In Moskau ist sich die Führung dieser Risiken sehr wohl bewusst. Am 1. September 2021 führte der russische Präsident Wladimir Putin aus: »20 Jahre – 20 Jahre! – lang waren US-amerikanische Truppen auf diesem Territorium präsent, 20 Jahre lang – man kann das ohne Beleidigung sagen – haben sie versucht, die dort lebenden Menschen zu zivilisieren, ja sogar eigene Normen und Lebensstandards im weitesten Sinne des Wortes einzuführen, auch in der politischen Organisation der Gesellschaft. Ergebnis? Einige Tragödien, einige Verluste für diejenigen, die es getan haben, die Vereinigten Staaten – und noch wesentlich mehr für die Menschen, die in Afghanistan leben. Das Ergebnis ist Null, wenn nicht sogar negativ.« Aus eigener, sowjetischer Erfahrung ist Putin klar: »Wenn jemand etwas in bezug auf jemanden tut, dann muss er von der Geschichte, Kultur und Philosophie im weitesten Sinne des Lebens dieser Menschen ausgehen, muss sich ihren Traditionen mit Respekt nähern. Er muss verstehen, dass es unmöglich ist, von außen etwas aufzuzwingen. Die Situation muss reifen.«⁴

Auch wenn in den 1980er Jahren die afghanische Revolution und ihre sowjetischen Helfer an den eigenen Fehlern wie an dem von außen geschürten Bürgerkrieg scheiterten: Es war eine soziale Bewegung, die breiten Teilen des afghanischen Volkes soziale Verbesserung, demokratische Einflussnahme auf ihr Leben und soziale Gerechtigkeit bringen sollte. Das westliche »Zivilisieren«, sowieso nur Alibi für die militärische Besetzung des Landes und den Kampf gegen den Terrorismus, hatte wenig mit den Ideen einer solidarischen und demokratischen Gesellschaft zu tun. Sicher, auch der Kapitalismus braucht zumeist ein demokratisches Mäntelchen, doch Demokratie ohne dauerhafte und breite Verbesserung der sozialen Lage der Menschen, ohne solidarische Strukturen, ohne soziale Gerechtigkeit ist stets fragwürdig und fragil.

Anmerkungen

1 Christopher Patten: The Wages of Defeat in Afghanistan, Project Syndicate, 31.8.2021, kurzelinks.de/patten

2 Remarks by President Biden on the End of the War in Afghanistan, 31.8.2021, kurzelinks.de/Biden (Übersetzung, S. B.)

3 Antrag der Bundesregierung auf Einsatz bewaffneter deutscher Streitkräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe gegen die USA, 7.11.2001, documentArchiv.de/brd/2001/bundesregierung-antrag-bundeswehr.html

4 Treffen mit Schülern in Wladiwostok, 1.9.2021, kremlin.ru/events/president/news/66554 (Übersetzung S. B.)

Stefan Bollinger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 23. Juni 2021 über den deutschen Angriff auf die Sowjetunion.

https://www.jungewelt.de/artikel/410616.hindukusch-friedhof-der-großmächte.html