11.09.2021 / Feuilleton / Seite 10

Die inszenatorische Fassade

Die Ausstellung »Die Liste der ›Gottbegnadeten‹. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik« dokumentiert faschistische Kunstkarrieren

Matthias Reichelt

Die Namen von Bildhauern, Malern und Vertretern anderer Kunstgattungen, die von Hitler und Goebbels geschätzt wurden oder sich für das Naziregime verdient gemacht hatten, wurden auf einer Liste als »gottbegnadet« festgehalten. Damit verbunden waren besondere Steuererleichterungen, Großaufträge, Auszeichnungen und das Attribut »unabkömmlich«, das die betreffenden Personen vom Dienst in der Wehrmacht befreite. Sie konnten ungestört in ihren Ateliers an der inszenatorischen Fassade des Regimes arbeiten.

Eine vom Kunsthistoriker und Musikwissenschaftler Wolfgang Brauneis für das Deutsche Historische Museum konzipierte Ausstellung widmet sich den »gottbegnadeten« Künstlern und zeigt an Beispielen, wie nahtlos sie nach dem Krieg in der BRD ihre Karrieren fortsetzen konnten. Für die Ausstellung wurden noch existierende Skulpturen und Fassadengemälde in den einzelnen Bundesländern neu erfasst und sind nun kartographisch detailliert abrufbar. Arno und Hans Breker, Paul Mathias Padua und Richard Scheibe und viele andere konnten unbehelligt weiterarbeiten und verfügten über ein Netzwerk von mächtigen Förderern, Unterstützern und Auftraggebern.

In einigen Fällen wurden vormals hochdekorierte Nazikünstler in der BRD mit öffentlichen Denkmälern für die Opfer der Nazigewalt beauftragt. Ein besonders dreistes Beispiel hierfür ist Willy Meller. 1938 schuf er die Skulptur »Fackelträger« für die »NS-Ordensburg« in Vogelsang. Nach dem Krieg schuf er dann beispielsweise den Bundesadler für die Fassade des Palais Schaumburg. 1962 schließlich durfte er sich mit »Die Trauernde« für das erste »NS-Dokumentationszentrum« der BRD in Oberhausen in einen antifaschistischen Kontext stellen.

Ein ähnlicher Spagat gelang auch dem »gottbegnadeten« Richard Scheibe. Von den Nazis hochdekoriert, wurde seine gefesselte männliche Figur am 19. Juli 1953 als »Ehrenmal der Opfer des 20. Juli 1944« im Hof des Bendlerblocks in Berlin enthüllt.

Arno Brekers ebenfalls »gottbegnadeter« Bruder Hans hatte nach dem Krieg in Weimar unter dem Namen Hans van Breek eine Professur, ging aber in den Westen und gestaltete unter seinem echten Namen das »Ehrenmal für die Sturmartillerie« im bayerischen Karlstadt, das zusammen mit Bundeswehr, US-Army und Ehemaligen der Waffen-SS 1958 eingeweiht wurde.

Der Münchner Bildhauer und Maler Richard Klein, bekannt auch als »Plaketten-Klein«, da er für das Naziregime als Entwurfszeichner für Hoheitszeichen und NSDAP-Reichstagsplaketten tätig war, wurde von der Spruchkammer am 20. März 1947 als belastet eingestuft. Das Urteil sah den Verlust der bürgerlichen Rechte und die Konfiszierung seines Vermögens vor. Doch bereits einen Monat später wurde das Urteil revidiert und Klein nur noch als Mitläufer eingestuft.

Der Maler Hermann Kaspar erhielt unter den Nazis zahlreiche Staatsaufträge und zeichnete ab 1939 auch für die Gestaltung der »Festaufmärsche zum Tag der Deutschen Kunst« verantwortlich. Nach vorübergehender Entlassung erhielt er seine Professur an der Akademie der Künste in München zurück und konnte diese bis zu seiner Emeritierung 1972 bekleiden. Die studentische Protestausstellung »Der Fall Hermann Kaspar« 1968 blieb folgenlos. Bei der Einweihung von Kaspars Wandteppich »Die Frau Musica« in der Nürnberger Meistersingerhalle sagte der CSU-Politiker Konrad Pöhner in seiner Rede:

»Neue Lebenskraft und Freude haben die Schatten der Vergangenheit aufgehellt, die ohne Schuld der Bürger über der Stadt lagen.«

Die »Gottbegnadeten« waren also keineswegs kaltgestellt. Sie wurden weiterhin mit Aufträgen bedacht und geehrt und hinterließen so zahlreiche auch noch heute sichtbare Spuren im öffentlichen Raum. Nur in ganz seltenen Fällen führte dies zu Protesten.

Als aber 1974 der umtriebige Frankfurter Kunstverein unter der Leitung von Georg Bussmann die antifaschistisch und marxistisch fundierte Ausstellung »Kunst im Dritten Reich – Dokumente der Unterwerfung« zeigte, regte sich ausgerechnet an dieser Stelle Widerstand. In der Ausstellung wurden Werke u.a. von Arno Breker, Josef Thorak und dem Maler Adolf »Schamhaar« Ziegler in den Kontext der rassistischen und imperialistischen Nazipolitik gestellt, um die Funktion und Bedeutung der propagandistischen Inszenierung für das System herauszuarbeiten. Viele Linke, darunter Ernst Bloch, Ossip K. Flechtheim oder Gerhard Zwerenz, sahen darin allerdings die Gefahr einer Rehabilitierung »faschistischer Kunst«.

Noch 1987, als die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin aus linker Perspektive die ideologiekritische Ausstellung »Inszenierung der Macht« ankündigte, äußerte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Bedenken, die erst nach Gesprächen ausgeräumt werden konnten.

»Die Liste der ›Gottbegnadeten‹. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik«, Deutsches Historisches Museum noch bis 5.12.2021.

Der Katalog kostet 20 Euro

dhm.de

https://www.jungewelt.de/artikel/410328.kunstgeschichte-die-inszenatorische-fassade.html