13.09.2021 / Ansichten / Seite 8

Keine Überraschung

20 Jahre 9/11: USA geben Dokumente frei

Jörg Kronauer

Nein, in Washington wird immer noch nicht aufgeklärt. Da hat US-Präsident Joseph Biden, unter erheblichen Druck von Angehörigen der Opfer geraten, angekündigt, bislang geheime Dokumente endlich zu publizieren. Diese sollen Auskunft über die Unterstützung Saudi-Arabiens für die Attentäter des 11. September 2001 geben – klare Hinweise darauf liegen schließlich seit 20 Jahren vor. Und was zeigt sich? Das erste Papier, das am Wochenende veröffentlicht wurde, ist so ausgewählt, dass es keine wirklichen Erkenntnisfortschritte bringt; zudem ist es an vielen Stellen geschwärzt – natürlich zuweilen genau dort, wo es spannend werden könnte. Dokumente, von denen sich die Anwälte der Opfer nennenswerte Aufklärung erhoffen, kann das FBI, was für ein unglücklicher Zufall aber auch, laut eigener Aussage partout nicht finden, und auch die nächsten von Biden freigegebenen Papiere werden wohl geschwärzt und wenig erkenntnisförderlich ausgewählt sein. Alles andere wäre eine wirkliche Überraschung.

Denn trotz aller Differenzen, die Washington und Riad zuweilen austragen, etwa bezüglich des Kriegs im Jemen: Die Vereinigten Staaten machen sich die saudischen Beziehungen zu Dschihadisten seit vier Jahrzehnten immer wieder zunutze. Prominentestes Beispiel ist die Unterstützung für die afghanischen Mudschaheddin seit 1979, die oft über den saudischen Geheimdienst GIP abgewickelt wurde; der bediente damals außer afghanischen Terroristen auch einen gewissen Osama bin Laden. Vom Konzept, ihren Gegnern bei Bedarf auch Gotteskrieger an den Hals zu hetzen, ist die US-Regierung seit dem Kampf gegen die sowjetische Armee am Hindukusch nie wirklich abgerückt: Hilfen saudischer Finanziers oder Waffenhändler zum Beispiel für Dschihadisten, die in Syrien gegen die Regierung von Baschar Al-Assad Krieg führen, sind von Washington stets wohlwollend gebilligt worden. Ob die US-Administration künftig auch die ­uigurischen ETIM-Dschihadisten (East Turkestan Islamic Movement), die sie Ende 2020 von ihrer Terrorliste gestrichen hat, im Kampf gegen ­China fördern lassen wird? Wer weiß. Beihilfen aus Saudi-Arabien wären dabei sicherlich hilfreich.

Dabei zeigt sich: Der Dschihadismus, auf den Washington seit den 1980er Jahren immer wieder setzt, ist machtpolitisch ein zweischneidiges Schwert. Er hat nicht nur am 11. September 2001 in den USA und danach auch in Europa immer wieder zugeschlagen; er hat zudem erheblich dazu beigetragen, dass die US-Versuche der vergangenen 20 Jahre misslangen, den weiteren Nahen und Mittleren Osten unter Kontrolle zu bekommen. Der IS-Anschlag am Flughafen von Kabul war der jüngste, aber wohl kaum der letzte Beleg für die Spätfolgen der langjährigen Förderung von militanten Islamisten durch die USA und ihre saudischen Verbündeten. Ganz wie bei Goethe: Hat man die Geister des Dschihadismus einmal gerufen, dann wird man sie nicht mehr los.

https://www.jungewelt.de/artikel/410269.keine-überraschung.html