11.09.2021 / Ausland / Seite 2

»Viele Angehörige erstatten keine Anzeige«

In Mexiko sind inzwischen über 90.000 Menschen »verschwunden«. Ein Gespräch mit María Luisa Nuñez Barojas

Elias Korte

Am 24. August hat das Landesparlament des mexikanischen Staates Puebla ein Gesetz zur Suche nach verschwundenen Personen verabschiedet. Welche Bedeutung hat dieses Gesetz für die Familien von Verschwundenen?

Zunächst möchte ich betonen, dass das beschlossene Gesetz nicht so ausgestaltet ist, wie wir es vorgeschlagen hatten. Wir setzen uns seit Jahren für ein Gesetz zur Suche nach Vermissten ein, das den Familien von Verschwundenen mehr Möglichkeiten gibt, Druck auf die staatlichen Institutionen auszuüben. Das bestehende nationale Gesetz, das die Staatsanwaltschaft verpflichtet, zum Verschwinden von Personen zu ermitteln, wird nicht wirklich umgesetzt. Im Fall meines seit vier Jahren verschwundenen Sohnes findet sich bis heute kein ernsthafter Versuch der Suche und Aufklärung in seiner Akte, außer meinen privaten Nachforschungen. Neben anderen Defiziten negiert bereits der Gesetzestitel die Existenz von Verschwundenen, indem einfach nur von der Suche nach Personen die Rede ist. So wird das Problem verschleiert und der Staat zieht sich aus seiner Verantwortung. Der Kampf für dieses Gesetz war langwierig und brachte uns zuletzt dazu, für 40 Tage ein Protestcamp vor dem Kongress zu errichten. Nun müssen wir weiter Druck ausüben und unsere Anstrengungen verstärken, damit das Gesetz auf die bestmögliche Weise umgesetzt wird.

Das Phänomen des Verschwindens von Menschen ist nicht neu. In welchem historischen Kontext ist es zu betrachten?

Seit dem sogenannten Guerra sucia (»schmutziger Krieg«, eine Politik staatlichen Terrors vor allem in den 1970er Jahren gegen linke Oppositionelle) kommt es in Mexiko systematisch zum Verschwinden von Personen. Betroffen war immer das einfache Volk, vor allem die Bauern, die ihr Land gegen die Enteignung verteidigen wollten. Der Großteil der Enteignungen der Bauern fand im Bundesstaat Guerrero statt. Vor allem dort »verschwanden« bäuerliche Aktivisten. Besonders der Fall des 1974 verschwundenen Rosendo Radilla erregte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und gelangte bis vor das interamerikanische Gericht für Menschenrechte, das ein Urteil gegen den mexikanischen Staat verkündete. Betroffen vom Verschwindenlassen war aber von Beginn an auch die nach 1968 erstarkte Studierendenbewegung. Später wandelte sich das Phänomen und geht heute vor allem auf das Konto der Kartelle und Narco-Banden. Betroffen war und ist vor allem der Norden Mexikos, die Grenzregion zu den USA, während das Problem im Zentrum des Landes nicht so akut war. Seit 2016 steigen die Fälle aber auch hier stark an. Viele Frauen sind seitdem zum Zweck der Prostitution verschleppt worden. Wir wissen auch von verschwundenen Kindern für den Organhandel.

Wie hoch ist die Zahl der Verschwundenen?

Auf nationaler Ebene sprechen wir laut dem Register für Verschwundene von über 90.000 Menschen. Im Staat Puebla sind es offiziellen Angaben zufolge 2.500 Fälle. Allerdings wissen wir, dass viele Angehörige aus Angst keine Anzeige erstattet haben.

In welchem Verhältnis steht der mexikanische Staat heute zu diesen Taten?

Das organisierte Verbrechen handelt in Koalition mit und Korruption durch staatliche Funktionäre. Das beginnt bei der Staatsanwaltschaft und geht bis hinunter zu lokalen Polizeidirektoren und Bürgermeistern. Staatliche Stellen halten ihre schützende Hand über die Verbrechen, dies wurde auch zum Teil durch den Staat selbst dokumentiert.

Lässt sich bei den Opfern ein Muster hinsichtlich ihres sozialen Status erkennen?

Betroffen sind in erster Linie die besonders verwundbaren Teile der Bevölkerung: Familien, die arm sind und ein eher niedriges Bildungsniveau haben.

Wie organisieren Sie sich?

Wir haben im August 2018 ein Kollektiv gegründet, mit dessen bescheidenen Möglichkeiten wir die Fälle sichtbar machen wollen. Wir führen friedliche Protestzüge durch, machen fotografische Ausstellungen auf öffentlichen Plätzen und vor der Staatsanwaltschaft. Wir wollen, dass die Bevölkerung darüber Bescheid weiß, was passiert, und zugleich ist es ein Protestakt gegen den Staat und seine Institutionen. Außerdem haben wir uns auf nationaler Ebene vernetzt. Wir wollen auch einen kleinen Beitrag zur Prävention leisten, weshalb wir Foren in Gemeinden durchführen, damit die Menschen sich schützen können und ihre Rechte kennen.

María Luisa Nuñez ­Barojas ist Gründerin und ­Sprecherin des Kollektivs »Voz de los Desaparecidos en Puebla«

https://www.jungewelt.de/artikel/410163.staat-und-verbrechen-viele-angehörige-erstatten-keine-anzeige.html