06.09.2021 / Titel / Seite 1

Widerstand gegen Taliban

Afghanistan: Kämpfe im Pandschir-Tal. Generalstabschef der USA warnt vor Bürgerkrieg. Neue Machthaber wollen diplomatische Beziehungen zu BRD

Wiebke Diehl

Im Pandschir-Tal, der einzigen nicht von den Taliban kontrollierten afghanischen Provinz, ist es auch am Wochenende zu schweren Kämpfen gekommen. So sind Taliban-Kämpfer laut dpa zwar in den Bezirk Schutul vorgedrungen. Laut dem ehemaligen Parlamentsabgeordneten Sal Mohammed Salmai Noori sind die restlichen Gebiete des Tals aber unter vollständiger Kontrolle der »Nationalen Widerstandsfront«. Deren Sprecher schrieb am Sonntag auf Twitter, man habe den Islamisten schwere Verluste zugefügt und etwa 1.000 ihrer Kämpfer getötet oder gefangengenommen. Dagegen erklärte Taliban-Sprecher Bilal Karimi, man kontrolliere nun fünf der sieben Bezirke der Provinz. Keine der beiden Darstellungen wurde bislang von unabhängigen Quellen bestätigt.

Der »Nationalen Widerstandsfront« unter Führung von Ahmed Massud haben sich auch Vertreter der entmachteten Regierung des geflohenen Präsidenten Aschraf Ghani, darunter dessen Vizepräsident Amrullah Saleh, sowie ehemalige Soldaten der afghanischen Armee angeschlossen. Ahmed Massud ist der Sohn von Ahmed Schah Massud, der in den 1980er Jahren gegen die sowjetische Armee und die linke afghanische Regierung sowie in den 90ern gegen die Taliban kämpfte. Die Familie Massud gehört der Minderheit der Tadschiken an. Auch die anderen beiden großen Minderheiten des Landes, die Usbeken und die mehrheitlich schiitischen Hasara, könnten sich gegen die überwiegend paschtunischen Taliban erheben.

Im US-amerikanischen TV-Sender Fox News warnte am Sonnabend US-Generalstabschef Mark Miley vor einem »größeren Bürgerkrieg«, der ein »Wiederaufleben des Terrorismus« begünstigen könne. Unerwähnt ließ er dabei, dass sich unter der NATO-Besatzung bis zu 15.000 ausländische Islamisten in Afghanistan festsetzen konnten. Der IS-Khorasan ist in dieser Zeit erst entstanden. »Internationaler Terrorismus«, der von Afghanistan ausgehe, war einer der Vorwände für die Besetzung des Landes 2001.

Seit 20 Jahren hat sich die Situation von Mädchen und Frauen, von der damals auch die Rede war, nicht flächendeckend verbessert. Zweckgebundene Gelder verschwanden größtenteils in den Taschen korrupter Politiker. Viele Frauen fürchten dennoch eine Verschlechterung ihrer Situation unter den Taliban. Am Sonnabend kam es in der Hauptstadt Kabul zu Protesten. Einsatzkräfte der Taliban gingen gewaltsam gegen die Demonstrantinnen vor, mindestens eine Teilnehmerin wurde verletzt.

In der Welt am Sonntag legte derweil Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid dar, dass man sich »starke und offizielle diplomatische Beziehungen zu Deutschland«, finanzielle Unterstützung, humanitäre Hilfe und Kooperation in den Bereichen Gesundheit, Landwirtschaft und Bildung wünsche. Bereits am Freitag hatten sich die Außenminister der EU-Mitgliedstaaten darauf verständigt, mit einer – allerdings noch nicht gebildeten – Taliban-Regierung zu kooperieren, sofern diese gegen den Terrorismus vorgehe, »grundlegende« Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit achte, schutzbedürftigen Menschen die Ausreise ermögliche und möglichst viele Bevölkerungsteile repräsentiere.

Am Wochenende appellierten die Vereinten Nationen an die Taliban, humanitären Helfern uneingeschränkten Zugang zu gewähren. Mehr als die Hälfte der 38 Millionen Einwohner Afghanistans ist auf internationale Hilfen angewiesen. Für den 13. September hat UN-Generalsekretär António Guterres zu einer Hilfskonferenz in Genf geladen.

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